01.04.2025
Spannende Situation in Chicago
Nach Jahren der Mittelmäßigkeit zählten die Chicago Bulls im März zu den heißesten Teams der Liga. Dabei sollten sie mit Niederlange eigentlich ihre Chancen auf einen guten Draftpick erhöhen. Andererseits entsteht gerade womöglich etwas. Auch mit Josh Giddey. Gleichzeitig bleiben Fragen und die Hoffnung auf Rookie Matas Buzelis.

Das abgeknickte Handgelenk, die Jubeltraube, die Ekstase, die das United Center erfasste - um es mit Bulls-Analyst Stacey King zu sagen: All das "wird bleiben, lange nachdem wir nicht mehr da sind." Was die Zukunft vergessen dürfte, was die Gegenwart aber umso mehr beeinflusst: In einem Spiel mit Beteiligung von Luka Doncic und LeBron James war Josh Giddey nicht nur der, der den wildesten zwölf Sekunden der jüngeren NBA-Geschichte die Krone aufsetzte, es gibt durch Argumente für den Australier als besten Spieler des Abends.
"Wenn wir nicht rennen, geht alles dahin", sagte Coach Billy Donovan kürzlich. Also versuchten die Lakers erfolgreich, Chicagos schnelles Spiel einzubremsen. Giddey behielt dennoch die Kontrolle. Auch im Halbfeld attackierte er die Zone, schloss dort auch mit Kontakt ab. Er dirigierte, signalisierte Kevin Huerter, er solle aus der Ecke Richtung Ring cutten, servierte danach den punktgenauen Bodenpass. Dazu kam die Geduld. In der Zone zog Giddey erst zwei Verteidiger auf sich und bediente Zach Collins für einfache zwei Punkte.
Auch ohne Halfcourt-Gamewinner illustrierte das Spiel, was sich Arturas Karnisovas und Marc Eversley erhofft hatten, als sie vergangene Sommer Alex Caruso für Giddey nach Oklahoma City tradeten. Ohne für einen der begehrtesten Rollenspieler einen von OKCs unendlich vielen Picks dazuzubekommen. Giddey, so wahrscheinlich die Idee, war Preis genug. In einem Team, das ihm den Ball in die Hände gab, für das er nicht als sekundärer Playmaker das Feld breit machen sollte, würde er sich sicherlich, hoffentlich entwickeln. Giddey tat es.
Dass er gegen die Lakers - und auch sonst - regelmäßig in die Zone kommt, dort vor dem Abschluss den Kontakt nicht scheut, sondern sucht, ist bereits ein großer Schritt. Während seiner Zeit in OKC erzwang der Australier nie mindestens zwei Freiwürfe pro Spiel. Im März marschierte Giddey im Schnitt 6,3 Mal an die Linie. Das öffnet sein Spiel. Zumal mittlerweile auch der Dreier fällt. Vor den beiden schwachen Spielen gegen die Mavericks und Thunder stand er im März bei 14/27 Dreiern. Im Februar rutschten durchschnittlich 53,6 Prozent seiner 5,7 Distanzwürfe durch den Ring.
Nach langsamem Start erleben die Bulls in zwei entscheidenden Bereichen den Sprung, den sie sich von Giddey erhofft hatten. Dabei vermuteten nicht wenige, der Trade könne sich einreihen in die durchaus beachtliche Ansammlung etwas seltsamer Entscheidungen des Frontoffice’. Aktiv hielten sich die Bulls über Jahre im Mittelmaß. Auswege boten sich kaum. Chicagos Kurs produzierte diverse Fragezeichen.
Klarheit sollte Zach LaVines Abgang nach Sacramento bringen. Nachdem sich DeMar DeRozan bereits während der Offseason Richtung Westen verabschiedet hatte, stand Chicago ohne seine beiden prägenden Figuren der vergangenen Jahre da. Plötzlich erschien die Richtung klar. Die Bulls würden verlieren, tief in die Lottery abrutschen und bekämen in einem talentierten Draft womöglich einen hohen Pick, der die Zukunftsaussichten deutlich aufhellen würde. Zu Beginn blieb alles stringent. Rund um die Trade Deadline verlor Chicago neun von elf Spielen, um alles danach einmal auf den Kopf zu stellen und neuen der nächsten elf Partien zu gewinnen. Mit einem Mal waren Platz sieben und die doppelte Play-In-Chance auf die Postseason ganz nahe.
Häufig serviert uns das Leben nicht diese eine Wahrheit. Dinge sind, platt formuliert, meistens weder tief schwarz noch strahlend weiß. Die berühmte Medaille, sie hat gern zwei Seiten. So auch in Chicago.
Mit Blick auf Cooper Flagg wäre es definitiv erstrebenswert, so viele Ping-Pong-Bälle wie mögliche im Topf zu haben, wenn die Liga die Draft-Reihenfolge auslost. Erreicht Chicago die Playoffs, verabschieden sich alle Hoffnungen auf den First-Pick. Dazu muss es nicht kommen. Zuletzt verloren die Bulls zwei Mal und stehen damit wieder auf Rang zehn im Osten.

Lange gut spielen, sich weiterentwickeln und am Ende doch die Chance auf eine weitere Talentinjektion bekommen, es wäre nicht das schlechtestes Szenario. Zumal die Bulls längst eine klare Identität haben. Chicago spielt schnell, attackiert permanent. Wann immer sie den Ball in der eigenen Hälfte zu fassen bekommen, beschleunigen sie auf Höchstgeschwindigkeit. Seit dem All-Star Break hat kein Team eine höheren Pace.
"Ich glaube, unser Stil zermürbt andere Teams", beschreibt Giddey den Effekt. "Wir rennen rauf und runter." Man über Druck aus, "und ich glaube, gerade Teams mit Veteranen wollen nicht immer wieder zurückrennen und in Transition spielen." Rennen als Abnutzungsstrategie.
Gleichzeitig brachte es Chicago vor dem Spiel in OKC auf 2,26 Assist pro Turnover. Nur Boston und die Thunder waren im selben Zeitraum besser. Die Bulls spielen nicht nur schnell, sie funktionieren als Team. Jeder kennt seine Rolle. "Wir stehen zusammen", sagt Coby White. "Nicht nur, was das Spielen angeht. Auch, wie wir miteinander kommunizieren." Fehler würden klar benannt. "Was auch immer es ist, wir haben eine Beziehung, auf deren Basis wir aufeinander zugehen und Dinge klar besprechen können, und jeder nimmt es an."
Es entsteht etwas in Chicago. Die andere Seite der Medaille. Zumal sich die spielerischen Hoffnungen längst nicht auf die Giddey reduzieren. Nach solidem Saisonstart legte White im März 15 Mal in Folge mindestens 20 Punkte, im Schnitt 29,1 Zähler auf. Zwei Mal in Serie wurde er Eastern Conference Player of the Month, ein Kunststück, das in Chicago zuletzt Michael Jordan gelang.
In solchen Phasen bringt White eine Mischung aus Aggressivität, Shooting und Driving. Sein Ballhandling verbesserte er über die Jahre immer mehr. So nutzt er die Gravitation, die sein Wurf provoziert (37,7 3FG bei 8,7 Versuchen im März), für regelmäßige Drives. Läuft es, zählt White zu den besseren Scoren der Liga.
Gleichzeitig explodierte der Guard erneut im März, in einer Phase, die angesichts der ungleichen Gemengelage innerhalb der Liga - manche Teams haben die Saison gedanklich bereits beendet, andere konservieren Kräfte für die Playoffs - gern Hotstreaks produziert. Grundsätzlich hat sich White jedoch "zu einem großartigen Allround-Spieler" entwickelt, wie es sein Coach formuliert.

Hoffnung macht außerdem Matas Buzelis. Nach unregelmäßigen Einsätzen zu Saisonbeginn hat sich der Rookie längst in der Starting Five festgespielt. Den Lakers schenkte er in LA 31 ein, verteidigte dabei zeitweise LeBron. "Ich sagte Billy zu Saisonbeginn, dass ich bis an meine Grenzen gebracht werden möchte", erklärt Buzelis seine Einstellung. "Ich sagte ihm, dass ich der beste Spieler aller Zeiten werden möchte. So denke ich." Ob das möglich ist, lässt sich sicherlich diskutieren.
Mindestens verspricht Buzelis, ein sehr fähiger Rotationsspieler und wahrscheinlich noch mehr werden zu können. Vorne versteht er das Spiel, bewegt sich klug, bringt für seine Länge ein gutes Ballhandling mit. Sein Finishing am Ring muss er dabei noch verbessern (56 Prozent, 12. Perzentil unter Forwards laut Cleaning the Glass). Gleichzeitig cuttet Buzelis geschickt und spielt schlicht ohne Furcht. Sogar der Dreier, vor dem Draft die große Schwäche, fiel im März mit 36,1 prozentiger Sicherheit. Immer wieder geht Buzelis flüssig und im Rhythmus aus dem Catch and Shoot nach oben.
Rückschläge wie während des Westcoast-Roadtrips, als ihn Kevin Durant noch einmal auf die Schulbank schickte und Donovan ihn in Sacramento nach einem verpassten Ausblocken aus dem Spiel nahm, steckt Buzelis weg. Talent und Kopf scheinen eine Einheit zu bilden und die Bulls einen Baustein für die Zukunft gefunden zu haben.
Die bleibt trotz aller positiver Entwicklung der letzten Wochen ungewiss. Giddey wird am Saisonende Restricted Free Agent. Kompliziert und simpel zu gleich. Reicht das zuletzt Gesehene für einen Maximalvertrag? Was stellen die Bulls mit den schwachen Spielen gegen Dallas und OKC an? Denn auch das gehört zu Wahrheit. Zuletzt ging es wieder etwas abwärts. Auch bei Giddey (9/27 FG in den letzten beiden Spielen).
Als Team zählen die Bulls längst nicht zur Elite, und welche Rolle der Australier dauerhaft bei einem potenziellen Contender einnehmen kann, ist noch ungewiss. Wie viel Salary Cap stellen die Bulls also bereit? Richtig und offen kommuniziert, können sie auch den Markt testen, sehen, welche Angebote Giddey erhält, um danach mitzugehen.
White wiederum steht nur noch bis 2026 unter Vertrag. Auch das produziert Fragen: Wie viel ist der heiße März dauerhaft wert? Verlängern oder vielleicht sogar traden, um White nicht ohne Gegenwert zu verlieren? Angesichts der jüngsten Erfolge und des Zusammenhalts klingt es beinahe nach Blasphemie.

Vielleicht haben die Bulls gerade mit Giddey, Buzelis und White aber auch einen Kern, den sie um weiteres Talent ergänzen sollten. Im Sommer 2026 stehen nur noch Lonzo Ball, Jalen Smith, Buzelis und Patrick Williams fix unter Vertrag, Wobei letzterer weiter stagniert. Dalen Terry und Julian Philipps wirken wiederum wie solide Spieler, die ihre Rollen finden sollten.
Insgesamt stehen in Chicago diverse Entscheidungen an. In der Vergangenheit nicht immer die gewinnbringendste Ausgangsposition. Gleichzeitig kann die Lottery, so die Bulls teilnehmen dürfen, den Rebuild schnell beschleunigen. Vielleicht steht Josh Giddeys abgeknicktes Handgelenk aus dem März 2025 in Zukunft einmal für den Anfang von etwas Besonderem.
Max Marbeiter