vor 9 Stunden
Nach den Free-Agency-Verpflichtungen
Nach LeBron James’ Abschied sind die Los Angeles Lakers endgültig Luka Doncic’ Team. Das Front Office erfüllte viele Wünsche seines Besten und baute den Kader so um, dass er zum Spiel des Slowenen Passt. Das war teuer. Vor allem für Walker Kessler mussten die Lakers viel bezahlen. Der Anfang von etwas Besonderem - oder bereits vom Ende der Ära Doncic?

Abschließende Urteile zu Beginn eines Experiments schließen sich aus. Rückschlüsse beruhen auf Annahmen. Entsprechend könnten die Lakers während der vergangenen Wochen durchaus diverse gute Entscheidungen getroffen haben. Wobei sie die erste Idee gar nicht selbst umzusetzen brauchten.
Dass LeBron James von sich aus erklärte, zwar weiter Basketball spielen zu wollen, dafür aber einen anderen Ort zu suchen, entließ die Lakers aus einer unangenehmen Situation. So gut LeBron auch mit 41 Jahren noch ist, so wichtig er vergangene Saison war, auf gewisse Weise stand er auch zwischen den "alten" Lakers und der Generation Luka.
Qua Basketballverstand kann und konnte sich LeBron überall eingliedern. Gleichzeitig schwebte er wie ein Geist der Vergangenheit über Gegenwart und Zukunft. Wirklich neu wird es eben erst, wenn der, der lange alles bestimmte, weiterzieht. Auch wenn damit ein Qualitätsverlust einhergeht.
Als LeBron entschied, weiterzuziehen, eröffnete er den Lakers daher eine ganz neue Welt. Plötzlich hatten sie Cap Space, Spielraum, Möglichkeiten, ein Team ganz nach Luka Doncic’ Geschmack zusammenzustellen. Eines mit Verteidigern auf dem Flügel, vor allem am Ring, mit Schützen und Großen, die zum Korb rollen und dort abschließen können.
Die Aufgabe erschien groß. Zu groß, um sie binnen eines Sommers umzusetzen. Das Front Office versuchte des dennoch und folgte dabei offenbar einem klaren Plan. Die Verpflichtungen Walker Kesslers, Quentin Grimes’, Sandro Mamukelashvilis und Collin Sexton vermeldete ESPN-Insider Shams Charania, als habe ihm da einer ein Set an Karten anvertraut, die er schnellstmöglich, direkt nacheinander auf den Tisch knallen sollte.
Ganz offensichtlich wussten die Lakers, was sie wollten. Das Team steht. Und vieles ergibt Sinn. Dass sich Doncic und Austin Reaves gegenseitig helfen, illustrierte vergangene Saison, als LA die Minuten mit beiden gewann. Zudem beherrschen beide die Kunst mit Ball so gut, dass sie sich gegenseitig entlasten können.
Reaves Maximalvertrag über 185 Millionen Dollar und vier Jahre mutet auf den ersten Blick trotz allem womöglich etwas sehr maximal an. Gleichzeitig gab es eben einen Markt. Die Pistons sollen interessiert gewesen sein, ebenso die Nets: zwei Teams mit monetären Möglichkeiten, die den Preis nach oben trieben. Einer, der gut 23 Punkte, dazu knapp 5 Rebounds und 5,5 Assists auflegt, zieht eben Interesse auf sich.

Fehlte nur noch die dritte Säule des Gerüsts. Wenn deine beiden primären Ballhandler überschaubar verteidigen, angreifbar sind, brauchst du dahinter einen, der allzu ungenierte Bullies mit Ball zurück in die Realität transportiert. Die Lakers benötigten einen Ringbeschützer und fanden für sich schnell heraus, dass es eigentlich nur Kessler sein konnte.
Wegen einer Schulterverletzung verpasste der Center zwar nahezu die komplette vergangene Saison, was die Lakers während der drei Jahre zuvor gesehen hatten, genügte jedoch. In der Saison 2024/25 verteidigte er pro Spiel 7,5 Würfe direkt am Ring, von denen Gegenspieler nur 54,8 Prozent trafen. Unter Spielern mit mindestens sechs Contests waren nur Victor Wembanyama und Chet Holmgren. Elitärer wird Ringschutzgesellschaft nicht.
Dass Kessler vor 2025/26 pro Spiel 2,3 Würfe blockte, illustriert zusätzlich: Die Lakers wollten einen exzellenten Ringbeschützer, sie haben einen elitären Ringbeschützer. Noch dazu einen, der sich nicht nur als letzten Anker einer Defense versteht. Zwar sinkt Kessler gegen das Pick-and-Roll meistens ab, ist damit letzte Instanz des defensiven Gesamtplans, dafür leitet er das Konstrukt verbal an. Der Center kommuniziert Rotationen, Switches, Screens der Offense und hält so alles zusammen.
Dabei besitzt Kessler ein hervorragendes Gespür für den Raum. Verteidigt er das Pick and Roll etwas höher, gleitet er clever Richtung Zone, bewegt seine Füße gut und ist zwischen Freiwurflinie und Ring auch via Drive nicht einfach zu schlagen.
| Spiele | Minuten | Punkte | FG % | Rebounds | ASSISTS | BLocks |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 201 | 25,3 | 9,5 | 68,1 % | 9,3 | 1,2 | 2,4 |
Dunken kann Kessler ebenfalls. Nicht so explosiv wie Dereck Lively, dafür besitzt er deutlich bessere Hände als Deandre Ayton, fängt Pässe im Rollen sicherer als der ehemalige Nummer-1-Pick, den die Lakers nach Washington tradeten. Zudem zeigte er in Utah Ansätze als guter Passer rund um die Freiwurflinie, dazu ein gutes Gefühl für den Handoff. All das passt hervorragend zu Doncic. Wie Luka zu Kessler.
Anders als beispielsweise Utahs Point Guard Keyonte George sprintet der Slowene nach dem Block seines Centers nicht zum Ring. Doncic manövriert. Manipuliert Raum und Zeit. Drückt die Stoptaste, lässt Verteidiger vorbeiirren, um im richtigen Moment den Pass auf seine Großen zu spielen. Das sollte Kessler helfen.
Denn ob er wirklich, wie viele vermuten, mehr Dreier nimmt, muss sich erst zeigen. Hinzu kommt, dass er rund um den Ring zwar herausragend effizient war, sich das allerdings vor allem aus Putbacks nach dem Offenivrebound - noch eine Stärke Kesslers - sowie Dunks speist. Muss der Center gegen mehrere Verteidiger abschließen, tut er sich schwer. Gerade wenn Defenses mittels Blitz und Doppeln den Ball aus Doncic’ Händen zwingen, provoziert das womöglich Probleme.

Am Ende bekommen die Lakers einen exzellenten Ringbeschützer, smarten Verteidiger, defensiven Anführer mit guten offensiven Händen und Anzeichen von Passfähigkeiten. Dass sie Kessler unbedingt wollten, ergibt daher Sinn. Ebenso wie Grimes, der in New York Tendenzen zu druckvoller Point-of-Attack-Defense demonstrierte, der verteidigen und werfen kann; ebenso wie Mamukelashvili, der Größe, Rebounding und Wurf vereint; ebenso wie Sexton, ein dynamischer Guard mit gutem Wurf, auch aus dem Catch and Shoot. Dazu kommt Rookie Cameron Carr, ein ebenfalls explosiver Wing mit gutem Wurf von draußen, der Closeouts attackieren kann.
Das Team hat sich fundamental verändert. Für Ayton kam zusätzlich Will Hardy, dazu verpflichteten die Lakers Kevon Looney als Backup. Rui Hachimura wechselte stadtintern zu den Clippers, Marcus Smart nach Houston. James’ Ziel ist noch offen. Additionen und Subtraktionen ergeben insgesamt ein echtes Doncic-Team, eines wie damals, als er mit den Mavs die Finals erreichte. Genügt das auch heute?
2024 befand sich vieles im Umbruch. Minnesota hatte sich ganz auf Denver eingeschossen und den Meister in Runde zwei eliminiert. OKC war noch in der Entstehung, beide LA-Teams kämpften mit (Verletzungs-)Problemen, während Wemby gerade seine erste Saison absolviert hatte. Anders formuliert: Reicht ein Doncic-Team, um im Westen 2026/27 Teams wie die Spurs und Thunder ernsthaft zu gefährden?
Sicher erscheint es nicht. Also schauen sich die Lakers erst einmal an, wie es läuft, nehmen damit eine weitere Entwicklungsstufe, um danach anzugreifen, richtig? Schwierig, was paradoxerweise auch an Kessler liegt. Kritikpunkt der Verpflichtung sind weder sein spielerisches Vermögen - wenngleich er in Utah noch keinen ergebnisorientierten Basketball spielen musste, offensiv durchaus Schwächen hat und in den Playoffs zeigen muss, wie gut er verteidigt, wenn Defenses ihn bis zur Dreierlinie herausziehen -, noch sein Vertrag.
Vier Jahre und 130 Millionen erscheinen nur auf den ersten Blick viel. Acht Center bekommen mehr. Mit gut 30 Millionen Jahresgehalt befindet sich Kessler irgendwo zwischen Rudy Gobert, Myles Turner und Jarrett Allen. Alle richtig gut. Alle mit ihren Schwächen. Das ist in Ordnung.
Das (mögliche) Problem verbirgt sich im Gegenwert. Um die Jazz überhaupt von einem Sign-and-Trade Deal zu überzeugen, mussten die Lakers zwei First-Round Picks (2031 und 2033) sowie zwei Pick Swaps (2028 und 2032) anbieten; was nicht weniger bedeutet, als dass sie ab sofort die wenigsten Draft-Assets aller Teams besitzen.
Einen First-Round Pick können sie erst wieder im Sommer 2028 traden, wenn klar ist, welchen sie aus dem Swap mit Utah erhalten. Bis 2032 kontrollieren sie keinen einzigen ihrer eigenen First-Round-, bis 2033 keinen ihrer Second-Round Picks. Große Korrekturmöglichkeiten bestehen daher nicht.

Funktioniert Kessler nicht wie gewünscht, können die Lakers einen möglichen Deal um den Center nicht mehr mit einem First-Round Pick versüßen oder eine mögliche Alternative mit Draft-Kapital loseisen. Gleiches gilt für den Flügel oder den Point-of-Attack, sollte Grimes die Rolle nicht wie erhofft ausfüllen oder Mamukelashvili auch neben Doncic eher als Center funktionieren als als Vierer, wie es in Toronto der Fall war.
Möglich sind (auf den ersten Blick) vor allem kleinere Deals. Dieses Team könnte weitestgehend das Team sein, mit dem die Lakers in die nächsten Jahre gehen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist ein gutes Team. Womöglich sogar ein sehr gutes. Doncic plus zweiter Ballhandler plus Schützen plus Center mit guten Händen garantiert fast eine elitäre Offense. Mit Kessler könnte die Defense gut genug sein.
Aber ist das Team insgesamt gut genug? Ist es gut genug, kann es sich kollektiv, können sich alle individuell so entwickeln, dass die Lakers OKC, San Antonio, Denver, Minnesota, New York ernsthaft gefährden? In den vergangenen beiden Jahren gelang es dem Coaching Staff rund um JJ Redick eine gute Defense zu basteln, obwohl das individuelle Talent nicht danach schrie. Das Front Office scheint darauf zu setzen, dass es erneut gelingt, alles aus jedem Einzelnen herauszuholen.
Wie viel das ist, muss sich zeigen. Ebenso, wie gut die Lakers zurechtkommen, wenn Reaves oder Doncic einmal (länger) ausfallen. Das Sicherheitsnetz LeBron James ist Geschichte. Gelingt es diesem Team nicht, wirklich nach ganz oben aufzuschließen - und das ist gut möglich -, fehlen nun die Möglichkeiten für den ganz großen Sprung; es sei denn Pelinka entscheidet irgendwann, Reaves zu traden.
Es kann funktionieren. Ebenso kann es sein, dass Doncic irgendwann das Gefühl bekommt festzustecken und einen Trade forciert. Eine abschließende Analyse verbietet sich, bevor alles überhaupt begonnen hat. Es gibt gute Argumente, dass die Lakers ein sehr gutes Team sind, das zu seinem Besten passt. Womöglich haben sie sich trotz maximalen Einsatzes ihres Draft-Kapitals dennoch zu viele Lücken erlaubt, um der Ära Doncic zum ganz großen Erfolg zu verhelfen.
Max Marbeiter