25.03.2026
Franzose mit großer Ansage
Victor Wembanyama ist derzeit ohne Frage einer der besten Spieler der Liga und hat die San Antonio Spurs im Saisonendspurt zu einem ernstzunehmenden Titelkandidaten gemacht. Dennoch darf der Franzose in dieser Saison nicht MVP werden.

Für die Association und die Einschaltquoten der Liga ist der Franzose jetzt schon ein wahres Geschenk. Er spielt Basketball, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben, und lässt in Jahr drei erahnen, dass er die Spurs in nahezu grenzenlose Höhen tragen kann. Sein Potenzial ist ohne Frage riesig und selbst wenn er sich nicht mehr steigern würde, wäre er fraglos am Ende seiner Karriere ein Hall of Famer. Das reicht ihm aber nicht. Er will jetzt seine Anerkennung.
"Ich habe darüber nachgedacht. Ich glaube, aktuell gibt es eine Diskussion und die sollte es auch geben. Trotzdem denke ich, dass ich das Rennen anführen sollte. Ich versuche, dafür zu sorgen, dass es am Ende der Saison keine Diskussion mehr gibt", sagte ein wie gewohnt bescheidener Wemby nach seinem dominanten Auftritt gegen die Heat (26 Punkte, 15 Rebounds, 5 Blocks).
Diese Zahlen würden bei anderen Spielern für Furore sorgen, bei dem 2,24-Meter-Riesen erwartet man sie mittlerweile. Über die Saison legt er 24,3 Punkte, 11,2 Rebounds, 3,0 Assists und 3,0 Blocks auf. Solche Stats haben wir in der Geschichte nur von Kareem, Olajuwon, Shaq, Patrick Ewing und David Robinson gesehen. Und dazu liefert Wemby auch gegen Topteams: Im März schenkte er den Pistons 38, 16 & 5 ein, den Rockets 29, 8 & 4, den Celtics 39 & 11 und den Suns 34 & 12. Und das Wichtigste: Alle waren Siege.

Generell haben sie Spurs seit Anfang Februar erst zwei Spiele verloren (eines davon ohne Wemby), die restlichen Spiele haben sie teilweise nach Belieben dominiert und damit auch Platz zwei in der Conference nachhaltig gesichert. Sogar die eigentlich als uneinholbar geltenden Thunder sind mittlerweile in Reichweite (3 Spiele), die mit ihrer zwölf Spiele andauernden Siegesserie da allerdings etwas dagegen haben.
Gut anhören würde es sich dazu natürlich schon: Victor Wembanyama, 22 Jahre alt, Derrick Rose als jüngster MVP der Geschichte abgelöst, Heilsbringer der Spurs und künftiges Gesicht der Liga. Drei Gründe für seinen MVP-Titel in dieser Saison hat Wemby auch schon direkt selbst geliefert. "Mein erstes Argument ist, dass Defense 50 Prozent des Spiels ausmacht und im MVP-Rennen bislang unterschätzt wird. Ich glaube, ich bin defensiv der einflussreichste Spieler der Liga", erklärte Wembanyama.
"Das zweite Argument ist, dass wir die Oklahoma City Thunder in der Saison fast gesweept haben und sie dreimal mit ihrem vollen Team dominiert haben. Und das dritte Argument ist, dass sich offensiver Impact nicht nur in Punkten ausdrückt", führte er aus.
Daran mag vieles wahr sein, einen realistischen Case für den MVP-Award hat Wembanyama dennoch nicht.
Dass er der beste Defensivspieler der Liga ist und den DPoY-Award am Ende der Spielzeit gewinnen wird, steht außer Frage, genau wie die These, dass die Spurs sich in dieser Saison als Angstgegner der Thunder etabliert haben. Und natürlich lässt sich auch offensiver Impact nicht nur an Punkten messen, das ist aber kein klassisches Argument pro Wemby. Genau wie jeder andere Topstar der Liga bindet er Gegenspieler, zieht Aufmerksamkeit auf sich und schafft damit Räume für seine Mitspieler.
Auch ist es bemerkenswert, wie stark die Spurs gegen die Thunder gespielt haben und es erhöht die Vorfreude auf die Playoffs. Ein Faktor für die MVP-Vergabe sollte es aber nicht sein. Dazu hat Shai Gilgeous-Alexander sich in den vier Spielen auch nicht schlecht verkauft (29,5 Punkte, 4,5 Rebounds, 5,5 Assists).
Es lohnt sich ebenfalls, noch mal einen Blick auf das Argument mit der Defense zu werfen. Wemby hat recht, dass diese 50 Prozent des Spiels ausmacht, bei der MVP-Vergabe spielt sie aber bekanntlich eben nur eine Nebenrolle. Der Award ist viel mehr ein "Bester-Offensivspieler-des-besten-Teams"-Award als eine klare Auszeichnung dafür, welcher Spieler seinem Team wirklich den größten Mehrwert bringt. Wenn dies nicht so wäre, müsste LeBron einige Auszeichnungen mehr in seiner Vitrine stehen haben.
Schaut man auf die Vergangenheit, sieht es ebenfalls schlecht für Wemby aus. In den vergangenen 20 Jahren gewann 13 Mal ein Spieler vom Team mit der besten Bilanz den MVP-Award. Die Ausnahmen sind Steve Nash, der die Offensive der Suns 2006 komplett transformiert hat, Kobe (2008) und Embiid (2023), die "überfällig waren", KD, der die Thunder 2014 fast im Alleingang getragen hat, Jokic, der 2021 & 2022 einfach außerdirdisch gespielt hat und Westbrook, der 2017 die erste Triple-Double-Saison der Geschichte aufgelegt hat. Wemby fehlt auch das Narrativ, um sich in diese Liste einzutragen.
| Spieler | Spiele | Minuten | Punkte | Rebounds | Assists | Blocks | Steals | FG% | 3P% |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Victor Wembanyama | 57 | 29,2 | 24,3 | 11,2 | 3,0 | 3,0 | 1,0 | 50,4 | 35,1 |
| Shai Gilgeous-Alexander | 60 | 33,4 | 31,5 | 4,5 | 6,6 | 0,8 | 1,4 | 55,5 | 38,8 |
| Nikola Jokic | 57 | 34,8 | 28,0 | 12,6 | 10,6 | 0,8 | 1,5 | 57,3 | 38,5 |

Anders als es manchmal behauptet wird, sind die Spurs ohne Wemby zudem kein schlechtes Team (10-5) und haben mit ihm als Bankspieler nach seiner Verletzung mit den besten Basketball ihrer Saison gespielt. Auch sind seine offensiven Zahlen nicht ansatzweise so beeindruckend wie die von Jokic (26,4 PTS, 10,8 REB & 8,3 AST bzw. 27,1 PTS, 13,8 REB & 7,9 AST) oder KD (32 PTS) in deren MVP-Saisons.
Schaut man sich den direkten Vergleich zu Topfavorit SGA an, stinkt Wemby in den meisten offensiven Kategorien ordentlich ab. SGA scort deutlich mehr (+7,2), trifft besser aus dem Feld (+5,1 %) und von draußen (+3,7 %), spielt mehr Assists (+3,6), hat sein Team zu mehr Siegen geführt (+3) und kann praktisch nicht mehr unter 20 Punkten pro Nacht erzielen.
Dazu ist auch die Verfügbarkeit ein Thema. Wemby hat drei Spiele mehr verpasst als SGA (15 zu 12) und kam anschließend neunmal mit Minutenlimit von der Bank, weshalb er nicht mal 30 Minuten pro Spiel auf dem Parkett steht. Einen MVP mit weniger als 30 Minuten pro Spiel gab es in der Geschichte noch nie! Giannis' 32,8 Minuten 2020 waren schon wenig.
Es ist klar, dass die NBA im Saison-Endspurt ein enges MVP-Rennen gerne sehen möchte. Dass Wemby aktuell bei den Wettquoten auf Platz drei geführt wird, ist aber schon großzügig. Luka Doncic (33,4 Punkte) und Nicola Jokic (Triple-Double-Schnitt) spielen beide unglaubliche Saisons und man kann argumentieren, dass ihr offensiver Einfluss auf den Teamerfolg noch größer ist als bei Wemby.
Niemand wird sich wundern, wenn in Zukunft mehrere MVP-Trophäen nach San Antonio wandern. Vielleicht ist es nächste Saison schon so weit, vielleicht auch erst in ein paar Jahren. Klar ist nur, dass es in dieser Spielzeit schlichtweg noch zu früh ist.
Gianluca Fraccalvieri
| Luka Doncic | 60 | 35,9 | 33,4 | 7,9 | 8,4 | 0,6 | 1,6 | 47,7 | 36,4 |