06.08.2025
MJs Weg auf den Thron
Die Detroit Pistons zehrten an Michael Jordan. Zeitweise wirkte alles hoffnungslos. Doch aus Verzweiflung wurde Entschlossenheit. Zwischen 1990 und 1991 fanden sich die Chicago Bulls endgültig, überwanden Detroit, am Ende auch Magic Johnson und legten so das Fundament für eine der größten Dynastien der NBA-Geschichte.

"Mr. McCloskey", Michael Jordan war am Ende. "Kommen wir jemals an den Pistons vorbei? Werden wir jemals gewinnen?" Gerade hatten die Pistons MJ’s Hoffnungen zerschmettert. Erneut. Bis ins siebte Spiel der Eastern-Conference Finals hatten die Bulls und Jordan Detroit gezwungen. MJ stand kurz davor, seinen persönlichen Drachen zu erledigen. Doch Scottie Pippen hatte Migräne, Chicago am Ende keine Chance. 74-93 unterlagen die Bulls, und Jordan musste die Erfahrung seines ersten Titels erneut aufschieben. Zum Verzweifeln.
Sogar so sehr, dass er ausgerechnet Jack McCloskey, General Manager der Pistons und Mastermind hinter den Bad Boys, ansprach, vielleicht in der Hoffnung, an irgendeinem Wort Halt zu finden. McCloskey tat sein Bestes. "Michael, eure Zeit wird kommen - und sie kommt sehr bald." McCloskey sollte Recht behalten.
Für den Moment saß Jordan neben seinem Vater in der letzten Reihe des Busses und weinte. So nah, und doch gescheitert. Zum dritten Mal in Folge an Detroit. Erneut hinterließ der Verlauf Zweifel an seinen Teamkollegen. Weshalb plagte Pippen ausgerechnet vor dem größten Spiel ihrer Karriere eine massive Migräne? Konnte er ihm in großen Momenten vertrauen? Sollte er aufgeben? Oder alles auf den Kopf stellen?
Im Sommer nach der Niederlage in Spiel 7 begann Jordan die Zusammenarbeit mit Tim Grover. Er wollte sich nicht mehr von den Pistons herumschubsen lassen, wollte all die Schläge, Ellbogen und Schwinger von Bill Laimbeer, Dennis Rodman und Joe Dumars besser wegstecken. Das brauchte neue Ideen. Grover hatte sie. Beinahe programmierten sie MJ’s Körper um, machten ihn kräftiger, resistenter, erfolgsversprechender.
Zwar startete Chicago mit drei Niederlagen in die neue Saison, nach dem All-Star Break gewannen die Bulls dafür 20 von 21 Spielen. Noch entscheidender war, was unmittelbar vor dem Wochenende passierte. Für ihr letztes Spiel vor der kurzen Pause reisten die Bulls nach Detroit, wo sie zwölf ihrer letzten 13 Spiele verloren hatten. Die Pistons hatten den Palace of Auburn Hills zur Torture Chamber, zugeschnitten auf Jordan und die Bulls, umfunktioniert. Bis zum 7. Februar 1991.
Nicht, dass Chicago dominierte. Obwohl Isiah Thomas mit einer Handgelenksverletzung fehlte und Rick Mahorn wegen des Expansion Drafts 1990 nicht mehr Teil des Teams war, obwohl Detroit vier Minuten vor dem Ende noch mit fünf Punkten führte, überwanden die Bulls etwas. Wie gewohnt teilten die Pistons aus, Chicago gab diesmal jedoch nicht nach und gewann mit zwei Punkten.
"Das war ein ganz entscheidender Moment", sagte Pippen später. "Detroit war ein Hindernis, das wir in seiner Halle einfach nicht überwinden konnte. Wir hatten das Gefühl, dass wir mit Blick auf die Lücke, die wir schließen wollten, einen großen Schritt gemacht hatten. Der Reifefaktor, die Vertrautheit, dass wir Michael an einen Punkt brachten, dass er seinen Mitspielern vertraute - all das waren Hindernisse, die wir überwinden mussten."
Nach dem All-Star-Break sprinteten die Bulls Richtung Playoffs. 61 Siegen standen am Ende nur 21 Niederlagen gegenüber. Besser waren nur die Blazers (63-19). Da die in den Conference Finals jedoch den Lakers unterlagen, hätten die Bulls die gesamten Playoffs hindurch Heimrecht, sofern sie die Pistons nach Siegen gegen die Knicks (4-0) und Sixers (4-1) diesmal endgültig überwanden.
Unterbewusst spürte es der Champion. Detroit stand am Ende seiner Reise, Chicago am Anfang. Was nicht hieß, dass die Pistons deshalb zurückgesteckt hätten. Der Champion war nicht weniger laut, brutal, gnadenlos, nicht jugendfreier als in den vergangenen Jahren. Nur stand auf der anderen Seite nun ein Team, das sich nicht einschüchtern ließ.
Als John Salley, Spitzname Spider, Jordan warnte, er solle dem Spinnennetz nicht zu nahe kommen, zog der zum Korb, baute einen schnellen Richtungswechsel ein, rammte den Ball durch den Ring: "Block das, B****!", schrie er. Als Laimbeer John Paxson auf dem Weg zum Korb unfair zu Boden warf, stand der auf, baute sich vor dem 23 Zentimeter größeren Center auf, schrie ihn an, traf beide Freiwürfe und im Anschluss drei Jumper in Folge. Als Dennis Rodman Pippen, den die Pistons als psychische Schwachstelle Chicagos ausgemacht hatten, mit so viel Anlauf in die Ränge schubste, dass der sich einen Cut am Kinn holte, ließ sich Pip nähen und spielte einfach weiter. Die Bulls konterten Trash Talk mit Talk Trash Talk, Härte mit Härte, Unfaires mit Gleichgültigkeit. Einen hatten die Pistons aber noch.

Spiel 4 tröpfelte dem Ende entgegen. Der Meister war geschlagen. In vier Spielen. Sweep. Da setzte der Stolz ein. Statt zu warten, bis die Uhr auf Null gekrochen war, standen die Pistons von der Bank auf und marschierten Richtung Kabine. Keine Glückwünsche. Keine Anerkennung. Nur die Verachtung, die die Bulls in vergangenen Jahren regelmäßig zu spüren bekommen hatten. Glücklich war Jordan nicht. Andererseits wartete bereits die nächste Aufgabe, das letzte Hindernis, das ganz große Duell.
Magic gegen MJ. Der beste Point Guard der vergangenen Dekade gegen den besten Scorer, den besten Spieler der Liga. Zwei der größten Stars der NBA trafen sich auf der größtmöglichen Bühne - und für den Anfang klaute LA den Heimvorteil. Chicago startete langsam. Ein wenig wirkte es, als sei der Sieg über die Pistons für den Moment gewesen, wonach die Bulls lechzten, als sei die größte Hürde damit genommen. Defensiv suchten sie die gewohnte Aggressivität, die Lakers fanden dafür immer wieder Möglichkeiten. Vor allem sah Sam Perkins kurz vor dem Ende die Chance, von draußen abzudrücken. Der Dreier fiel, LA gewann mit zwei. Womöglich waren es auch nur typische Spiel-1-Symptome eines Teams, das erstmals in den Finals stand.
Sorgen machte sich rund um Chicago jedenfalls niemand. Coach Phil Jacksons Optimismus speiste sich aus der Beobachtung, sein Team habe unter seinen Möglichkeiten gespielt, dennoch vieles richtig gemacht und klare Verbesserungshebel präsentiert. Auch Jordan blieb ruhig. Die Bulls würden die Serie am Ende gewinnen, versprach er Reportern. Beide sollten Recht behalten. Vor allem dank Chicagos Defense.
Zu den besten Offenses der Liga zählten die Lakes 1991 nicht mehr. 106,3 Punkte legte LA pro Spiel auf, gut für Rang 13. Johnson musste seine Prime langsam ziehen lassen, war jedoch immer noch ein herausragender Point Guard - und dennoch kamen die Lakers nach Spiel 1 während der gesamten Finals nicht mehr über 100 Punkte. Großen Anteil schreibt die Geschichtserzählung Scottie Pippen zu.
Eigentlich war Jordan als primärer Verteidiger für Magic vorgesehen. Anders als heute wahrgenommen, funktionierte das über die gesamte Serie auch halbwegs. Johnsons Größenvorteile gegenüber MJ schimmerten dennoch regelmäßig durch. In Spiel 2 gelang Magic beispielsweise ein Triple Double (19 Punkte, 10 Rebounds, 11 Assists), bei dem er vier seiner fünf Würfe traf. Als sich im MJ im ersten Viertel von Spiel 2 zwei Fouls abgeholt hatte, stellte Jackson dann um, Pippen durfte ran und veränderte damit die Serie.
Nicht, weil er nun permanent Magic verteidigte. Mit seiner Defense drehte Pippen das Momentum, nahm Johnson und den Lakers - natürlich gemeinsam mit dem Rest der Bulls - den Rhythmus. Zwar kam Magic über die Serie immer noch knapp auf seinen Assistschnitt (12,4 vs. 12,5), gleichzeitig leistete er sich pro Spiel in den Finals 4,4 Ballverluste. Pippen hatte etwas gefunden, Jordan führte es weiter. Denn tatsächlich blieb MJ über die Serie Chicagos primärer Magic-Verteidiger.
Gleichzeitig lieferte Jordan in Spiel 2 den Symbolmoment für die Veränderung, die Chicago am Ende zum ersten Titel tragen sollte. Im vierten Viertel schwebte MJ plötzlich ein. Der Weg zum Ring war frei. Ein Dunk mit Wert 6,3 auf der zehn Punkte starken Spektakelskala kündigte sich an; kam jedoch nie. Kurz vor dem Ring zog Jordan den Ball nach unten, legte ihn mit seiner rechten in seine linke Hand und streichelte ihn über das Brett durch die Reuse. "Das war einer dieser Würfe, fast wie ein Dunk, der den Lakers das Momentum nahm", erinnerte sich Pippen später. "Mit einem Layup siehst du das selten. Irgendwie brach es sie als Team. Ich glaube, in diesem Moment realisierten sie, dass es gegen unsere Athletik und Exzellenz schwierig werden würde."
So sie es taten, behielten die Lakers Recht. Nicht dass danach alles von selbst lief. In Spiel 3 musste Jordan Sekunden vor dem Ende über den gesamten Court sprinten, um die Bulls in die Verlängerung zu retten, wo sie dann gewannen. In Spiel 4 dominierte Chicago und erhielt vor Game 5 die Nachricht, dass weder James Worthy noch Byron Scott spielen würden. Die Lakers waren um zwei ihrer wichtigsten Spieler ärmer, ergaben sich dennoch nicht.
Magic servierte ein 20-Assist-Triple-Double, LA verkürzte im vierten Viertel noch einmal auf einen Punkt und das Great Western Forum explodierte. War vorher bereits explodiert. Worte gingen einfach verloren, fanden nie ihren Empfänger. Irgendwie erreichte Jackson Jordan dennoch. "Michael, wer ist offen", rief er. Keine Antwort. Noch mal: "Michael, wer ist offen?" Dasselbe Ergebnis. Dritter Versuch… und nun: "Pax! Dann gib ihm den verdammten Ball." Jordan tat es. Paxson dankte.

Insgesamt 9 seiner 12 Würfe traf er in Spiel 5. Während der letzten sechs Minuten schenkte er den Lakers 10 Punkte ein, zwei davon 56 Sekunden vor Schluss nach Pass von Jordan. Die Bulls führten wieder mit vier und blickten nie wieder zurück. Mit 32 Punkten, 13 Rebounds, 7 Assists und 5 Steals im entscheidenden Spiel zerstreute auch Pippen allerletzte Zweifel ob seiner Tauglichkeit für große Momente. Jordan kam über die Serie auf 31,2 Punkte, 6,6 Rebounds und 11,4 Assists und wurde Finals MVP. Endlich am Ziel.
"Jeder sagte, Michael würde wegen seines Stils wohl nie einen Titel gewinnen", ordnete Pippen Jahre später die Bedeutung ein. "All das hörte nun auf." Erneut weinte MJ. Diesmal jedoch nicht aus Verzweiflung, Jack McCloskey hatte Recht behalten. Nur ein Jahr nach dem vielleicht bittersten Moment in MJ’s Karriere hatten die Bulls tatsächlich gewonnen…
Max Marbeiter