13.05.2025
Was war mit der geknickten Ecke?
Nachdem die Dallas Mavericks die Draft Lottery 2025 gewonnen haben, sind die Verschwörungstheoretiker in den sozialen Medien unterwegs, die eine Manipulation der Ziehung vermuten. Eine gewitterte Manipulation bei der Lottery ist dabei allerdings nicht neu, die größte ihrer Art dreht sich um die allererste Lottery 1985. Im Mittelpunkt: Commissioner David Stern und die New York Knicks.

Die Draft Lottery 1985 war nicht nur die erste Lottery überhaupt, sondern auch erst das zweite Jahr von David Stern als Commissioner der NBA. Stern übernahm die Liga in keinen einfachen Zeiten: Die Einschaltquoten waren schlecht und die NBA hatte ihr Image-Problem der 70er Jahre noch nicht überwunden. Der Draft 1984 (Jordan, Olajuwon, Stockton, Barkley) war zwar ein Geschenk, Stern machte aber auch selbst einiges richtig.
Der neue TV-Vertrag 1984 war wegweisend, genau wie die Einführung regelmäßiger Drogentests für die Spieler. Hinzu kam die brillante Idee, den bis dahin gültigen Münzwurf durch die Draft Lottery abzulösen. Bis 1985 war die Draft-Rheinfolge, wie heute noch in der NFL, anhand der Platzierung aus dem Vorjahr bestimmt worden. Mit einer Ausnahme: Zwischen den beiden schlechtesten Teams der Vorsaison wurde eine Münze geworfen, um den Nr.1-Pick zu ermitteln. So ging als letzter Spieler dieses Systems Hakeem Olajuwon 1984 zu den Rockets.
1985 war dann aber alles anders. Vor laufenden TV-Kameras wurde auf der Bühne eine große Glaskugel mit einer Kurbel dran aufgebaut, die man aus Lottoziehungen kennt. Wirtschaftsprüfer Jack Wagner hatte sieben Umschläge in der Hand, die er nacheinander in die Trommel warf, ehe NBA-Sicherheitschef Jack Joyce fünfmal drehte. Anschließend trat Stern an die Kugel und zog einen Umschlag mit den Worten heraus: "Das Logo des Teams, das in diesem Umschlag ist, wird den ersten Pick im 1985er NBA Draft haben." Wie sich später herausstellte, war es der Umschlag mit dem Logo der New York Knicks, die, wie zu erwarten, Jahrhunderttalent Patrick Ewing auswählten. So weit, so gewöhnlich. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die ersten Stimmen laut wurden, dass bei der Ziehung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei.
Laut dem damaligen General Manager der Atlanta Hawks, Stan Kasten, gab es bereits Monate vor der Lottery eine interessante Unterhaltung zu diesem Thema: "Ich saß mit einigen Leuten von der NBA zusammen und ich erinnere mich, dass ein hochrangiger Teamboss, den ich nicht namentlich nennen werde, sagte: 'Ich bin zu einer Million Prozent davon überzeugt, dass ich weiß, was passieren wird. Er wird zu den Knicks gehen', sagte er immer wieder. 'Er geht zu den Knicks, alles ist besprochen.' Ich habe ihm zu der Zeit nicht geglaubt", erinnert sich Kasten.
Und auch aus rein wirtschaftlicher Sicht war New York der perfekte Ort für den spannendsten jungen Spieler der Liga. "Es gibt die feste Überzeugung zwischen Offiziellen der Liga und Marketing-Bossen der TV-Stationen, dass die NBA am meisten davon profitieren würde, wenn Ewing in einem Knicks-Trikot auflaufen würde", schrieb auch die New York Times vor dem Draft - und sollte recht behalten.
Der bis dato oft nur halb ausverkaufte Madison Square Garden, das Mekka der Basketball-Fans, boomte auf einmal wieder und New York war wieder eine echte Nummer in der NBA. Laut der NY Times trudelten direkt nach dem Draft über 1000 neue Anträge für Saisontickets bei der Franchise ein. Das kam nicht nur den Knicks, sondern auch dem Ansehen der NBA und dem gebürtigen New Yorker Stern zugute. Die TV-Einschaltquoten schnallten nach oben und das Interesse an der Liga war so groß wie seit Jahren nicht mehr.

Kann Stern das aber wirklich vor laufenden TV-Kameras so eingefädelt haben, dass er mit Absicht den Umschlag der Knicks als erstes gezogen hat? Hierzu gibt es unzählige Theorien, zwei stechen dabei aber besonders heraus. Zum einen gibt es da die Theorie des "Frozen Envelope". Diese besagt, dass der Umschlag mit dem Logo der Knicks zuvor in den Kühlschrank gelegt wurde, sodass Stern ihn, unsichtbar für die Kameras, bei Hautkontakt sofort erkennen würde.
Eine weitere Theorie besagt, dass Stern den Umschlag an einem kleinen Knick erkennt. Was tatsächlich auffällig ist: Wagner, der die sieben Umschläge in die Trommel geworfen hat, legt sechs Stück mehr oder weniger gerade auf den Boden, nur einen Umschlag, der sich später als der der Knicks herausstellen wird, haut er beim Reinwerfen gegen die Wand, sodass dieser einen leichten Knick bekommt. Und auch Stern zieht nicht einfach den erstbesten Umschlag aus der Trommel, sondern durchwühlt zunächst einige, bis er sich schließlich für den mit dem Knick entscheidet.
Dazu kam am Tag nach der Lottery heraus, dass Wagner ein Angestellter der Firma Ernst & Whinney war, die zufällig den Knicks-Besitzern gehörte. Stern erklärte anschließend, dass er davon nichts gewusst habe. "Ich habe schon vor 60 Tagen gesagt, wie man manipulieren könnte. Ruf Ernst & Whinney an und sage: 'Wenn wir Ewing nicht bekommen, seid ihr gefeuert'", reagierte der Präsident des Madison Square Garden, Jack Krumpe, anschließend auf die Manipulationsvorwürfe.
Die Knicks schafften es in den Folgejahren mit Ewing zwar nie zur Meisterschaft, er führte die Franchise aber 13 Jahre in Serie in die Playoffs und war ein wichtiger Grund für die stets wachsende Popularität und Wirtschaftskraft der NBA.
Ob Ewing aber wirklich durch legale Mittel bei den Knicks gelandet ist, wird sich wohl nie beweisen lassen, klar ist aber, dass es den Startpunkt für die Verschwörungstheorien rund um die NBA Draft Lottery gesetzt hat. Diese werden nach dem Sieg der Mavs nun noch mal lauter werden, zumal sie ja mit LeBron James einen bekannten Unterstützer haben.
Gianluca Fraccalvieri