vor 10 Stunden
Vom Topscorer zum Problemfall
Vor nicht einmal zwei Jahren erzielte Cam Thomas noch 24 Punkte pro Spiel für die Brooklyn Nets. Heute ist der Guard 24 Jahre alt, und trotzdem ohne NBA-Team. Was hinter seinem Absturz steckt.

Eigentlich sollte ein Spieler wie Cam Thomas nicht zu den noch vertragslosen Profis der NBA gehören. 24 Jahre alt, 1,91 Meter groß, explosiver Scorer und schon zehn Spiele mit mindestens 40 Punkten in der NBA. In der Saison 2024/25 legte Thomas für die Brooklyn Nets sogar 24,0 Punkte pro Partie auf. Mehr erzielten damals unter anderem auch nicht Devin Booker, Jalen Brunson oder Anthony Edwards.
Trotzdem hat Thomas keine zwei Wochen vor Saisonstart keinen Arbeitgeber. Aktuell eröffnen die NBA-Teams ihre Training-Camps und einige Spieler kämpfen um die letzten Kaderplätze, der frühere Erstrundenpick aber wartet weiter auf seine nächste Chance. Wie kann ein Spieler, der nachweislich auf NBA-Niveau scoren kann, mit gerade einmal 24 Jahren praktisch keinen Markt besitzen?
Um Thomas' heutige Situation zu verstehen, muss man ein Jahr zurückblicken. Im Sommer 2025 wurde der Guard Restricted Free Agent. Brooklyn hätte also jedes Angebot eines anderen Teams mitgehen können, doch schon damals blieb der große Markt aus. Die Nets boten Thomas laut ESPN unter anderem zwei Jahre und 30 Millionen Dollar an, wobei das zweite Jahr eine Team-Option gewesen wäre. Auch ein Einjahresvertrag über 9,5 Millionen Dollar plus Boni stand im Raum. Thomas lehnte ab.
Er wettete auf sich selbst und unterschrieb die Qualifying Offer über knapp sechs Millionen Dollar. Der Plan war nachvollziehbar: Noch einmal eine starke Saison spielen und im Sommer 2026 als Unrestricted Free Agent selbst über seine Zukunft entscheiden. Aus heutiger Sicht ging diese Wette aber beinahe maximal schief.
Schon in den beiden Saisons davor hatten ihn Oberschenkelprobleme immer wieder ausgebremst. 2024/25 absolvierte er nur 25 Spiele. Auch in der folgenden Saison fehlte er wieder wochenlang mit einer Verletzung am linken Oberschenkel. In 24 Spielen für Brooklyn kam er am Ende nur noch auf 15,6 Punkte und 3,1 Assists. Anfang Februar war Schluss, die Nets fanden bis zur Trade Deadline keinen Abnehmer und entließen Thomas.
Lange arbeitslos blieb Thomas nicht. Nur drei Tage nach seinem Aus in Brooklyn unterschrieb er Anfang Februar bei den Milwaukee Bucks für den Rest der Saison. Und sein Start ließ vermuten, dass er diese neue Umgebung gebraucht hatte.
Bei seinem Bucks-Debüt gegen Orlando explodierte der Guard für 34 Punkte, wenig später legte er gegen New Orleans weitere 27 auf. Doch der Schwung hielt nicht lange an. Thomas kam in seinen 18 Spielen für Milwaukee durchschnittlich nur 16,6 Minuten zum Einsatz und erzielte 10,7 Punkte. Besonders problematisch waren seine schwachen 27,5 Prozent von der Dreierlinie.
Seine Rolle wurde also immer kleiner. Mitte März setzte der damalige Bucks-Coach Doc Rivers Thomas sogar aus rein sportlichen Gründen auf die Bank. Am 23. März folgte die nächste Entlassung. Milwaukee brauchte den Kaderplatz, um Pete Nance mit einem Vertrag auszustatten. Rivers betonte damals zwar, Thomas habe insgesamt gute Arbeit geleistet und könne eventuell später noch einmal ein Thema werden. Dazu kam es aber nicht.

Der wohl größte Faktor für seinen ausbleibenden Markt ist die Art, wie Thomas Basketball spielt. Seine Stärken stehen außer Frage, denn bekommt er den Ball und die entsprechende Freiheit, kann er heißlaufen. Doch moderne NBA-Teams bewerten nicht mehr nur die Zahl hinter "Points per Game", und hier beginnen die Probleme. Thomas ist kein klassischer Spielmacher. Gleichzeitig benötigt er den Ball häufig selbst, um seine größte Stärke auszuspielen.
Dazu kommt die Defensive. Thomas hat mit seinen 1,91 Metern nicht die Größe eines Wings und konnte sich bisher auch nicht als verlässlicher Point-of-Attack-Verteidiger etablieren. Eine Analyse von Opta hatte ihn nach seiner 24-Punkte-Saison bei der defensiven Metrik auf Rang 568 von 569 bewerteten Spielern geführt. Auch seine True-Shooting-Quote war trotz des hohen Volumens nur leicht über dem Durchschnitt der damaligen Vergleichsgruppe.
| Saison | Team | Spiele | Minuten | Punkte | Rebounds | Assists | FG% | 3P% |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 2021/22 | Brooklyn Nets | 67 | 17,6 | 8,5 | 2,4 | 1,2 | 43,3 | 27,0 |
| 2022/23 | Brooklyn Nets | 57 | 16,6 | 10,6 | 1,7 | 1,4 | 44,1 | 38,3 |
| 2023/24 | Brooklyn Nets | 66 | 31,4 | 22,5 | 3,2 | 2,9 | 44,2 | 36,4 |
| 2024/25 | Brooklyn Nets | 25 | 31,2 | 24,0 | 3,3 | 3,8 | 43,8 | 34,9 |
| 2025/26 | Brooklyn Nets/Milwaukee Bucks | 42 | 21,0 | 13,5 | 1,7 | 2,6 | 41,0 | 31,0 |
Thomas' Situation erzählt auch etwas über die Entwicklung der Liga. Ein Guard, der vor einigen Jahren allein wegen seiner Fähigkeit, jederzeit 20 Punkte aufzulegen, wohl einen ordentlichen Vertrag erhalten hätte, muss heute zusätzliche Fragen beantworten.
Kann er neben Stars funktionieren, ohne permanent den Ball zu benötigen? Kann er defensiv in einer Playoff-Serie auf dem Feld bleiben? Kann er für andere kreieren? Trifft er offene Dreier konstant genug? Und macht er eine Mannschaft auch dann besser, wenn er gerade keine 25 Punkte erzielt? Bei Thomas gibt es auf zu viele dieser Fragen keine überzeugende Antwort.
Lukas Hetterich