07.05.2026
Entwicklung in Cleveland
Evan Mobley bescheinigen viele massiv Potenzial - um enttäuscht zu sein, wenn er es nicht gemäß ihrer Erwartungen ausfüllt. Die Playoffs zeigen bislang, was möglich ist, aber auch, weshalb immer wieder Kritik aufkommt. Bringt Mobley einen ganz speziellen Aspekt regelmäßig ein, profitieren die Cavs, auch wenn er nicht punktet wie ein Star. Gerade in Runde zwei gegen Detroit.

Evan Mobleys Leistung misst sich immer auch an den Erwartungen. Daran, ob er in diesem oder jenem Spiel den ihm angedichteten Voraussetzungen nahe kommt oder nicht; ob er nicht nur ungewöhnlich gut verteidigt, sondern auch offensiv einen Star imitieren kann. Gelingt es, befindet sich Mobley auf dem Weg. Scheitert er, stagniert er.
"Es heißt, Entwicklung sei nicht linear", sagte Cavaliers-Coach Kenny Atkinson vor Spiel zwei der Erstrundenserie gegen Toronto. "Es wird Downs geben, und ich glaube, Evan hat sich aus einem Loch befreit und trendet wieder in die Richtung, dass er sich vor unseren Augen verbessert."
Eine große Frage, die Mobley seit seinem Draft 2021 begleitet, ist die nach seinem offensiven Potenzial. Für einen Großen ist er ungemein beweglich, kann durchaus etwas mit dem Ball anfangen, besitzt ein Auge für den Mitspieler.
Vergangene Saison, als die Cavs als bestes Team der Eastern Conference durch die Regular Season marschierten, entwickelten Mobley und Big-Kollege Jarrett Allen eine teils beeindruckende Harmonie. Auch, weil Mobley seinen Partner regelmäßig aus der Bewegung für einfache Dunks, Layups und Push-Shots fand.
Mit seiner Ankunft in Cleveland hatte Atkinson angekündigte, Mobley mehr in die Offense involvieren zu wollen. Viele rechneten mit mehr Abschlussgelegenheiten, mit mehr Plays für den Big. Sie bekamen einen Mobley, der mit Ball nach vorne sprintete, aus der Bewegung heraus für sich und andere kreieren sollte.
Es funktionierte - und es funktionierte nicht ganz. Mobley füllte die Idee irgendwie mit Leben, ganz wohl zu fühlen schien er sich nicht. Womit die Entwicklung ein wenig sinnbildlich für seine Offense steht. Mobley versucht viel, oft, wenn er sich wohlfühlt, sieht es gut bis dominant aus. Ähnlich oft wirkt es zaghaft.
Mobley ist keiner, der sich Spiel für Spiel seine Würfe krallt, immer den Ball fordert, Verteidiger attackiert. Was nicht heißt, dass er es nicht kann.

"Ich habe in der Halbzeit ein wenig mit ihm gesprochen", verriet Donovan Mitchell nach Spiel fünf gegen Toronto. "Ich meinte nur: 'Bro, los. Los!'" Mobley folgte. Als Cleveland im dritten Viertel mit acht zurücklag, traf er erst einen Dreier und legte kurz darauf zwei Punkte nach, um den Rückstand für den Schlussabschnitt auf drei Zähler zusammenzuschrumpfen. Am Ende standen 23 Punkte, 8 von 13 aus dem Feld, neun Rebound und drei Blocks.
Dass eine solche Leistung notwendig war, lag wiederum daran, dass Mobley, wie diversen Cavs, zuvor zwei höchst unglückliche Spiele unterlaufen waren. In Spiel vier passierten ihm acht Punkte bei 4 von 11 aus dem Feld sowie fünf Fouls, das letzte, als er nach einem Defensiv-Rebound von Brandon Ingram unmotivierte nach dem Ball schlug. Die Minuten mit Mobley verlor Cleveland mit 13.
Es war eines dieser "Glas halb leer"-Spiele, die Mobley immer wieder unterlaufen, während er zu Beginn der Serie großen Anteil daran hatte, dass die Cavs mit 2-0 führten: Sobald Toronto Jakob Pöltl vom Feld nahm, um mit kleineren Lineups switchen zu können, attackierte er die Zone. Mobley wirkte dominant. Wie übrigens auch in Spiel sechs, als 26 auflegte, 9 von 15 Würfen traf und 14 Rebounds einsammelte, während diverse andere Cavs ihrem Leistungmaximum nie nahe kamen.
So dient die Raptors-Serie als Mikrokosmos der Mobley-Experience: sehr viel Gutes, dazwischen diese kleinen Dellen, die Zweifel am großen Ganzen provozieren können, wenngleich sie es nicht zwingend müssen. Womöglich braucht es nur eine Verschiebung der Erwartungshaltung. Eventuell ist Mobley ein herausragender Defender, der offensiv vieles kann, aber nicht zwingend die zweite Option sein muss, die Rolle situativ jedoch ausfüllen kann.
Die Rolle des Ballhandlers reduziert sich in einem System mit James Harden ohnehin deutlich. Mobley muss also nicht mehr. Dafür kann er hart zum Ring rollen, wo ihn sein mittlerweile nicht mehr ganz neuer Point Guard regelmäßig findet. Für Allen war das Spiel aus Block und Abrollen stets normal, was den Prozess mit Harden beschleunigte. Mobley musste sich dran gewöhnen - was ihm immer mehr gelingt.
| Spiele | Minuten | Punkte | FG % | Rebounds | Assists |
|---|---|---|---|---|---|
| 8 | 33,6 | 17,6 | 57,6 | 8,6 | 3,6 |
So abgedroschen es klingt, ist Mobley rund um den Ring aggressiv, ist vieles möglich für Cleveland. Dafür muss er auch kein Scharfschütze mit hohem Volumen sein. Dass seine Dreierquoten während der Regular Season wieder unter die 30 Prozent rutschten (29,7), während sie in den vergangenen beiden Jahren (bei geringem Volumen) bei 37 respektive 37,3 Prozent lagen, hilft einerseits nicht. Andererseits braucht Mobley den Wurf von draußen nicht erzwingen. Entscheidend ist, dass er selbstbewusst abdrückt, wenn er offen ist.
In einem System mit zwei (ball-)dominanten Guards kann es genügen, wenn Mobley die Lücken mit Nachdruck füllt, wenn er spielt wie zu Beginn der Toronto-Serie, wie in Spiel fünf und sechs. Durch seine Agilität, kann er Defenses in der Zone beschäftigen, auch Fouls ziehen, athletisch abschließen. Auch der kurz Durchstecker auf den im Dunker Spot wartenden Allen kann weiter ein Mittel sein.
Gemeinsam - oder im Wechsel - sollten die beiden Bigs regelmäßig die Zone dominieren, Würfe am Ring blocken oder zumindest erschweren. Mobley verteidigt zudem hervorragend im Raum, ist auch am Perimeter gegen Kleinere nicht verloren. Gleichzeitig drängt sich nun gegen Detroit wie der das Physis-Thema auf.
In Spiel eins zwangen die Pistons Cleveland zu ihrem Spiel. Sie holten fünf Offensiv-Rebounds mehr und hetzten die Cavs in 19 Ballverluste. Vor allem Jalen Duren wirkte nach einer komplizierten Serie gegen Orlando, während der er am Ende bereits wieder dominanter auftrat, wie der "gemeinste" Big auf dem Feld.
Zwölf Rebounds griff er sich, Allen - auch wegen Foulproblemen - nur drei, Mobley immerhin neun. Vor allem nutzte Duren seine Masse, um auch Mobleys Komfortlevel deutlich zu reduzieren. Am Ende traf der zwar sechs von elf Würfen, 14 Punkte genügten jedoch nicht. Situativ fand Mobley seine Offense, die ganz große Aggression kam jedoch zu selten auf.
Genau die benötigen die Cavs jedoch in einer Serie gegen ein Team, das sich durch Härte definiert. Die Pistons spielen physisch, verteilen Bumps, schieben, blocken aus, lassen Offensivspieler ihre Gegenwart spüren. Dafür brauchen die Cavs, braucht Mobley ein Gegenmittel. Dass sie es finden können, weiß ausgerechnet Scottie Barnes.

Torontos Bester sammelte in Runde eins exzellente Argumente, auch der Serienbeste gewesen zu sein. Und das im Duell mit einem alten Bekannten: Im Draft wählten die Cavs Mobley unmittelbar vor Barnes aus. Der gewann später denkbar knapp vor seinem Jahrgangspartner den Rookie-of-the-Year Award. Wer so eng verbunden ist, das gleiche will, entwickelt über die Jahre eine veritable Rivalität.
Dennoch findet Barnes positive Worte für Mobley. "Ich glaube, er entwickelt sich jedes Jahr weiter", sagte er vor der Serie. "Ich glaube, er ist mehr in seinen Körper hineingewachsen. Seine Physis, wenn er zum Korb zieht, dass er für sich selbst kreieren kann… defensiv hat er zudem alles, was es braucht. Er hat extrem lange Arme, ist athletisch, er kann von der Eins bis zur Fünf Switch. Er ist großartig."
Womöglich wird aus Mobley nie ein Offensivstar - während der Regular Season lag der Punktgewinn der Cavs pro hundert Ballbesitze mit ihm laut Cleaning the Glass bei +0 -, ein offensiver Faktor, ein wichtiger Baustein vorne kann er in jedem Fall sein.
Wer attackiert, bringt die Defense in Bewegung, schafft Möglichkeiten. Dass Mobley dazu fähig ist, beweist er immer wieder. Kombiniert mit Defensive-Player-of-the-Year-Qualitäten - 2025 gewann er den Award -, haben die Cavs auch ohne 20+ Punkte an den vielen guten Abenden einen ungemein wertvollen Spieler. Wie so oft bleibt die Bewertung eine Frage der Perspektive…
Max Marbeiter