vor 6 Stunden
Kanadier fürchten Sanktionen
Die Vorwürfe gegen die Los Angeles Clippers und Kawhi Leonard wiegen schwer und stellen für die Liga einen Präzedenzfall dar. Doch welche Maßnahmen könnte die NBA bei bewiesener Schuld überhaupt ergreifen? Wir klären auf, welche Instrumente dem Commissioner laut Tarifvertrag zur Verfügung stehen.

Große Märkte, wie New York oder eben Los Angeles, haben allein aufgrund der schieren Größe ihrer Anhängerschaft sowie deren Finanzkraft einen klaren Wettbewerbsvorteil - wäre da eben nicht die Gehaltsobergrenze. Zwar operieren die meisten Franchises mit sogenannten Soft- und nicht Hard-Caps, dennoch garantiert diese Regelung kleineren Märkten relative Fairness. Das ist die DNA der Liga.
Entsprechend schwer wiegen die Vorwürfe gegen die Los Angeles Clippers und NBA-Superstar Kawhi Leonard, dieses zentrale Gebot der Kaderzusammenstellung umgangen zu haben. Eine Investigativrecherche von Journalist Pablo Torre hatte im vergangenen Jahr belastendes Material zutage gefördert, das einen wissentlichen Betrug beider Parteien zumindest mal nahelegt.
In der Konsequenz beauftragte die Liga eine unabhängige New Yorker Anwaltskanzlei mit der Untersuchung des Falls. Befragungen wurden durchgeführt, zehntausende Dokumente analysiert. Das ist jetzt mehr als zehn Monate her. Ergebnisse der Untersuchung wurden allerdings noch nicht bekanntgegeben.
Dass sich ein bestimmter Ausgang abzeichnen könnte, deutete jüngst der auf Eis gelegte Kawhi-Trade nach Toronto an. Die Raptors erklärten am Donnerstagabend deutscher Zeit, dass sie - nach Hinweis der Liga - das finale Resultat der Untersuchung abwarten würden, jedoch zugleich weiterhin an der Reunion mit ihrem Meisterhelden interessiert seien.
Die Prüfung des Falls, so hatte es Commissioner Adam Silver Anfang Juni erklärt, befinde sich in den finalen Zügen. Doch, welche Maßnahmen könnte der Ligaboss im Falle bewiesener Schuld ergreifen?
Die möglichen Strafen wurden im Tarifvertrag festgehalten, auf den sich Liga und Spielergewerkschaft 2023 geeinigt hatten. Im Fall Leonard steht der Verstoß gegen zwei getrennt festgehaltene Regelungen im Raum: einerseits das Verbot der Umgehung der Gehaltsobergrenze (Article XIII., Section 1) und andererseits das Verbot geheimer, nicht durch die NBA autorisierter Absprachen (Article XIII., Section 2). Beide Regelungen sehen getrennte Sanktionen vor. Es ist unklar, ob diese addiert werden können.
a) Strafen beim Verstoß gegen die Gehaltsobergrenze
Diese Maßnahmen greifen, wenn eine illegale wirtschaftliche Umgehung der Gehaltsobergrenze nachgewiesen wird, beispielsweise durch überhöhte Sponsorenzahlungen abseits des fairen Marktwerts.
- Geldstrafe gegen das Team in Höhe von bis zu 4.500.000 US-Dollar beim ersten Vergehen
- Geldstrafe gegen das Team in Höhe von bis zu 5.500.000 US-Dollar ab dem zweiten Vergehen
- Verfall von exakt einem Erstrunden-Draftpick des Teams
- Annullierung des Spielervertrags (inklusive Verlängerungen oder Anpassungen)
- Nichtigkeitserklärung der konkreten Transaktion oder Vereinbarung, die gegen die Regeln verstoßen hat (im Fall Kawhi ist das der Sponsorenvertrag mit dem Unternehmen Aspiration)
b) Strafen beim Verstoß gegen das Verbot unautorisierter Vereinbarungen
Diese Maßnahmen greifen, wenn geheime Absprachen, nicht genehmigte Versprechen oder versteckte finanzielle Anreize abseits des offiziellen Vertrags nachgewiesen werden.
- Geldstrafe gegen das Team in Höhe von bis zu 7.500.000 US-Dollar
- Zusätzliche Geldstrafe in Höhe von bis zu 1.000.000 US-Dollar gegen das Team oder einzelne Mitarbeiter
- Verfall von Draft-Picks des Teams (hier gibt es im Gegensatz zu Abschnitt 1 keine festgelegte Begrenzung auf nur einen Pick oder eine bestimmte Draft-Runde)
- Suspendierung von Teammitarbeitern für bis zu ein Jahr
- Nichtigkeitserklärung des Nebengeschäfts inklusive Rückzahlungspflicht (der Spieler muss alle erhaltenen Werte aus der illegalen Transaktion herausgeben)
- Suspendierung der Zertifizierung des Spieleragenten für mindestens ein Jahr durch die Spielergewerkschaft
- Annullierung des aktuellen Spielervertrags
- Geldstrafe gegen den Spieler von bis zu 350.000 US-Dollar
- striktes Verbot für das jeweilige Team und den jeweiligen Spieler, in der Zukunft jemals wieder einen Vertrag miteinander abzuschließen

Klar ist: der Großteil der Sanktionen richtet sich gegen Team und Spieler, die an der illegalen Transaktion beteiligt waren. Die Toronto Raptors, die die Dienste Kawhi Leonards im Trade erworben haben, müssen also mit keinen direkten Strafen gegen sich rechnen. Auch eine Suspendierung gegen den Spieler ist laut Tarifvertrag nicht vorgesehen. Wieso also legen die Kanadier den Trade auf Eis?
Das hat vor allem taktische Gründe. Die Raptors haben im Trade mit den Clippers jede Menge Kapital abgetreten: Brandon Ingram, Gradey Dick, vier Picks und ein Pick-Swap gingen laut Medienberichten allesamt an die Kalifornier über.
Eine realistische Sanktion, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre jedoch die Aufhebung des Spielervertrages. Leonard wäre dann also prompt ein Free Agent und das investierte Kapital verloren. Mit dem Stopp des Trade-Deals halten sich die Raptors zudem die Möglichkeit offen, bei Vertragsauflösung Leonard ohne Gegenwert zu verpflichten.
Julius Ostendorf