vor 8 Stunden
Vor Start der WNBA-Finals
Angel Reese spielt ihre erste Saison für die Atlanta Dream und steht mit dem Team direkt in den WNBA Finals - auch weil die 24-Jährige Qualitäten einbringt, die weit über ihre Reboundstärke hinausgehen.

Angel Reese hatte es ihrer bisherigen WNBA-Karriere nicht immer leicht. Sicherlich bot sie Kritikern auch viel Angriffsfläche, doch sie wurde vor allem von rechten Kräften gerne als das Feindbild von Caitlin Clark gezeichnet. Nun, ein wenig half auch Reese selbst mit, als sie zu College-Zeiten mit einer Ring-Geste Clark im Zuge eines Erfolgs unnötig provozierte und dies natürlich dafür sorgte, dass das Clark-Lager umso mehr kochte.
Clark gegen Reese wurde zu einer Art Kulturkampf, den keiner mehr kontrollieren konnte, auch wenn die WM in Berlin zeigte, dass die beiden durchaus miteinander koexistieren können. Für Clark ist die Saison inzwischen vorbei. Erneut vorzeitig. Reese greift dagegen mit den Atlanta Dream nach dem Titel, nachdem sie Anfang des Jahres von den chaotischen Chicago Sky nach Georgia getradet wurde.
Die Kritiker waren weiter da. Zu egozentrisch, wenig grazil, der Blick zu sehr auf die eigenen Stats. Auch hier war Reese nicht ganz unschuldig, Rebounds waren "Mebounds", gleichzeitig ist die 24-Jährige eine der besten Rebounderinnen aller Zeiten und hat gewissermaßen einen Punkt. Während Clark für spektakuläre Offense und sexy Stats steht, liegen Reeses Stärken in der Defense, eine Qualität, die sich schwer in Zahlen ausdrücken lässt.
Und an dieser Stelle sollte es das mit den Vergleichen gewesen sein. Jede ist ein Star für sich - auf unterschiedliche Weisen. Die Center-Spielerin zeigte aber in diesen Playoffs, dass sie mehr als nur das ist. Natürlich gewann sie am Ende der Saison den Award als beste Verteidigerin, doch gegen die New York Liberty um Leonie Fiebich setzte sie auch offensive Akzente. In Spiel 3 waren es zum Beispiel 22 Punkte und neun Rebounds, darunter auch zwei Dreier. Ein Wurf, den sich Reese langsam erarbeitete und der sich zu einer kleinen Waffe entwickelt hat.
"Ich wusste es in dem Moment, als ich nach Atlanta getradet wurde. Ich wusste, dass wir in die Finals kommen würden", sagte Reese nach dem Finaleinzug. "Dieses Team hat so viel in mich investiert, wir alle haben so viel investiert." Fast exakt ein Jahr zuvor hatte Reese noch die Finals von der Coach beobachtet und dabei eine Vorhersage getroffen, die nun tatsächlich Realität ist.
"Ich habe die Finals zweimal zu Hause gesehen und zu mir gesagt, dass ich nur ein Playoff-Spiel brauche. „Ich mache sowas gerne, weil ich mir so positiv zurede und für mich selbst Ziele setze. Ich bin wirklich dankbar und gesegnet, dass ich nun hier bin."
| WNBA 2026 | Minuten | Punkte | Rebounds | Blocks |
|---|---|---|---|---|
| Reguläre Saison | 31 | 16,4 | 12,1 | 0,7 |
| Playoffs | 34 | 18 | 8,4 | 2,2 |
Es ist das Ergebnis harter Arbeit. Nicht selten gingen kleine Clips viral, in denen Reese mal wieder einen offenen Korbleger verpasste und so auch ihre Rebound-Statistiken in die Höhe trieb. Der Wurf wirkte krumm, oft war Reese überhastet in ihren Entscheidungen. Sie wollte schlichtweg zu viel, was sie nach dem Spiel in New York auch zugab. "Für mich ist es schwer, geduldig zu bleiben. Ich will immer Erfolg und zwar jetzt und sofort."
Stattdessen wurde sie in Atlanta eingebremst, es sollte keine Abkürzungen geben. Passte die Wurftechnik nicht, musste Reese vor den wartenden Teamkolleginnen so lange weiter werfen, bis die Technik und das Ergebnis stimmte. "Ich war da wirklich sauer, weil ich das Gefühl hatte, dass ich meine Teamkolleginnen hängen lassen würde", berichtete Reese. Mit viel Geduld zahlte es sich aus.
Aus der weiblichen Dennis Rodman ist eine Spielerin geworden, die nicht nur durch Patzer auffällt, sondern auch offensiv Gefahr ausstrahlt. Neben Spielerinnen wie Rhyne Howard, Allisha Gray oder der starken Spielmacherin Jordin Canada ist das natürlich Gold wert. Die Grundlage bleibt aber weiterhin die Verteidigung mit Reese als Anker.
Atlanta war in der Regular Season Dritter und stellt nun die beste Playoff-Verteidigung. Steht Reese nicht auf dem Feld, dann ist die Defense um satte 20 Punkte pro 100 Ballbesitze schlechter als mit ihr. Das weiß auch der Gegner, in dem Fall Valkyries-Coach Natalie Nakase, die Teil des Trainer-Teams in Berlin war. "Ich habe immer ihre Stimme gehört. Selbst wenn sich nicht startete, war sie auf der Bank genauso engagiert wie auf dem Feld. Sie gibt alles und feuert ständig an. Das gibt deinem kompletten Team Energie."
Womöglich liegt es daran, dass sie sich stets gegen all die Kritiker beweisen muss. "Was sie von Anfang an von den anderen unterschieden hat, war ihr Hunger", sagte kürzlich WNBA-Legende Cheryl Miller. "Wenn man ihr sagt, was sie nicht kann und ihr Grenzen setzt, dann wird sie diese immer wieder durchbrechen."
In diesen Playoffs zeigte sie das erneut, indem sie erst Breanna Stewart und dann die fünfmalige MVP A’ja Wilson im direkten Duell in den Urlaub schickte. Nun fehlen nur noch vier Siege für das ultimative Ziel. "Für mich ist jede Partie ein K.o.-Spiel, so gehe ich das an. Ich werfe immer alles rein und achte auf jedes noch so kleine Detail." Die Kritiker (von außerhalb) werden deswegen nicht verstummen, den Respekt in der Basketball-Welt hat sie nun aber schon sicher - egal, wie es gegen Golden State ausgehen wird.
Robert Arndt