vor 10 Stunden
Dritter Saisonsieg in der EuroLeague
Vier EuroLeague-Niederlagen in Folge, zuletzt ein 73:103-Debakel in Belgrad: Entsprechend groß war bei den Bayern-Basketballern die Erleichterung über das 99:95 bei ASVEL Lyon-Villeurbanne. Anton Gavel vertraute dabei so wenigen Spielern wie lange nicht. Eine Baustelle allerdings schloss auch der dritte Saisonsieg nicht.

Als Rokas Jokubaitis sieben Sekunden vor der Schlusssirene beide Freiwürfe zum 99:95 verwandelt hatte, fiel bei den Münchnern eine Last ab, die seit Mitte Oktober stetig gewachsen war. Vier EuroLeague-Spiele in Serie hatte der FC Bayern zuvor verloren, die Bilanz war auf 2:7 abgerutscht und der Verein tabellarisch gleich mit. Umso mehr wog das Ende dieser jüngsten Talfahrt.
"Wir haben uns so verzweifelt nach diesem Sieg gesehnt, darauf müssen wir jetzt aufbauen", sagte Gavel nach der Partie. Seine Mannschaft sei hart und zäh geblieben, auch als ASVEL einen Zehn-Punkte-Rückstand wieder aufholte. Wichtig sei der Sieg nicht zuletzt für das Selbstvertrauen.
Wie tief der Stachel aus Belgrad saß, machte Austin Wiley deutlich. "Letzte Woche war peinlich - für uns, für die Fans, für alle", sagte der Center, der mit 22 Punkten, neun Rebounds und drei Blocks bester Werfer der Bayern war. Vladimir Lucic berichtete von mehreren Besprechungen nach dem Auftritt in Serbien, die Mannschaft habe darauf nun als Team geantwortet.
Leicht machte es sich der deutsche Vizemeister dabei nicht. Nach einer ausgeglichenen ersten Hälfte (45:45) zogen die Gäste bis zur 29. Minute auf 71:61 davon, ehe Tony Parkers Team um Patty Mills (22 PTS) im Schlussviertel zurückkam und sogar 88:87 führte. In der entscheidenden Phase übernahm Lucic, der 18 Punkte und acht Assists sammelte und alle sechs Freiwürfe traf.
Ganz ohne Beigeschmack ging der Abend nicht zu Ende. Bei knapper Münchner Führung blieb in den Schlusssekunden ein harter Kontakt von Lucic gegen den zum Korb ziehenden Mills ungepfiffen. Eine sehr umstrittene Entscheidung, die einen Anteil am Ausgang hat, wenngleich die Münchner zu diesem Zeitpunkt vorn lagen. Die Bayern werden jenes Spielglück, das ihnen zuletzt so oft gefehlt hatte, jedenfalls widerspruchsfrei annehmen.
Bemerkenswert war gegen ASVEL nicht nur die deutlich gesteigerte defensive Intensität, sondern auch die (mal wieder) die Rotation. Nur zehn Spieler schickte Anton Gavel diesmal aufs Feld; Justus Hollatz und Tobias Jensen blieben ganz ohne Spielminuten - dabei fiel mit Duane Washington (wegen der Geburt seines Kindes) noch ein weiterer Guard aus. Dabei hatte der Trainerstab des FCBB in der laufenden Saison nahezu in jedem Spiel Gebrauch von seinem vollen Spielerkontingent gemacht. Sportdirektor Thorsten Leibenath hatte zuletzt eingeräumt, dass die Suche nach einer stabilen Formation "definitiv länger als erhofft" dauere.
Bereits in der Startformation nahm Gavel nur eine Änderung vor: Johannes Thiemann ersetzte Miles Norris. Jokubaitis, Andreas Obst, Lucic und Wiley kamen, wie bei der Blowout-Niederlage in Belgrad in der Vorwoche, von Beginn an. Thiemann dankte es mit 13 Punkten bei sechs von sechs Zweiern und einer Plus-Minus-Bilanz von plus acht. Norris kam von der Bank auf gut elf Minuten und blieb ohne Punkt.
| Spieler | Rolle | Minuten | Punkte | Feldwürfe | Assists | Plus/Minus |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Rokas Jokubaitis | Start | 28:19 | 13 | 4/4 | 5 | +1 |
| Vladimir Lucic | Start | 24:32 | 18 | 6/8 | 8 | 0 |
| Andreas Obst | Start | 24:20 | 5 | 1/7 | 2 | -2 |
| Austin Wiley | Start | 23:39 | 22 | 8/9 | 2 | +4 |
| Johannes Thiemann | Start | 20:02 | 13 | 6/7 | 4 | +8 |
| MarJon Beauchamp | Bank | 20:47 | 8 | 4/8 | 0 | -3 |
| Justinian Jessup | Bank | 19:07 | 14 | 4/9 | 1 | +11 |
| Johannes Voigtmann | Bank | 16:21 | 2 | 1/2 | 2 | 0 |
| Kamar Baldwin | Bank | 11:41 | 4 | 2/6 | 1 | +3 |
| Miles Norris | Bank | 11:12 | 0 | 0/2 | 1 | -2 |
| Justus Hollatz | Bank | nicht eingesetzt | - | - | - | - |
| Tobias Jensen | Bank | nicht eingesetzt | - | - | - | - |
Ein anderes Problem allerdings löste auch der Sieg in Villeurbanne nicht: Auf den Guard-Positionen hakt es weiterhin. Am deutlichsten wird das bei Andreas Obst, dem wertvollsten Spieler der vergangenen BBL-Saison. In gut 24 Minuten kam der Nationalspieler auf fünf Punkte, aus dem Feld traf er nur einen von sieben Würfen.
Ein Ausrutscher ist das nicht, eher ein Muster der vergangenen Wochen. Gegen Dubai standen acht Punkte zu Buche, in Belgrad drei bei einem Treffer aus sechs Versuchen, als ihn sein früherer Teamkollege Nick Weiler-Babb weitgehend aus dem Spiel nahm. Gegen Barcelona leistete sich Obst in der engen Schlussphase offensive Aussetzer, die zur knappen Niederlage beitrugen.
Zum Vergleich: In der Vorsaison legte Obst in der EuroLeague im Schnitt 14,5 Punkte auf und traf 37,8 Prozent seiner Dreier. Was sich geändert hat, ist nicht völlig klar. Die Körpersprache des Edelschützen wirkt mitunter träge. Häufig fehlt es ihm an Rhythmus, sodass selbst viele offene Würfe - die für einen Andi Obst sonst Trainingswürfe sind - danebenflattern. Genau diese Gefahr von der Linie fehlt den Münchnern derzeit. In Lyon versenkten sie insgesamt nur vier von 17 Distanzwürfen, ASVEL dagegen 13 von 25.

Anders gelagert ist der Fall bei Rokas Jokubaitis. Der Litauer, der im September nach einem Kreuzband- und Meniskusschaden zurückgekehrt war, findet offensiv immer besser in die Spur. Bei ASVEL stand er nun gut 28 Minuten auf dem Parkett, so lange wie noch nie in dieser Saison, und kam ohne Fehlwurf aus dem Feld auf 13 Punkte und fünf Assists. Gegen Barcelona war er mit 17 Punkten und sieben Assists bereits Topscorer gewesen, in Istanbul hatte er gegen Efes die Schlussphase entschieden.
Defensiv bleibt der Spielmacher jedoch die offene Flanke im Münchner Spiel. Trotz seiner starken Offensivzahlen stand Jokubaitis in Lyon nur bei plus eins, während ASVELs Backcourt um Topscorer Patty Mills immer wieder Wege zum Korb und an die Dreierlinie fand. Das Problem ist bekannt. Schon nach dem Barcelona-Spiel hatte Gavel vor allem die ungehinderten Drives der gegnerischen Guards kritisiert. Anfang Oktober sagte er über seinen Aufbauspieler: "Er wird noch ein bisschen brauchen, bis er der alte Rokas ist."
Dennoch zeigt, im Gegensatz zu Obst, die Formkurve bei Jokubaitis klar nach oben. Gleiches gilt für den Rest der Mannschaft, wenngleich die Stichprobengröße mit der gestrigen Partie noch sehr klein ist. Für die Mannschaft spricht dennoch, wie man es geschafft hat, auf die Schmach von Belgrad letzte Woche zu reagieren - nicht mit gegenseitigen Vorwürfen und Panik, sondern mit noch mehr Geschlossenheit. So kann es weitergehen.
Julius Ostendorf