vor 7 Stunden
Erfolgstrainerin der Golden State Valkyries
Zwei Jahre nach ihrer Gründung sind die Golden State Valkyries WNBA-Champion - angeführt von einer Trainerin, die man auf dem Parkett leicht übersieht. Natalie Nakase hat sich von zwei Kreuzbandrissen, einer Lehrzeit in Niedersachsen und unzähligen Zweiflern nicht aufhalten lassen. Doch wie gewinnt ein Team ohne einen einzigen All-WNBA-Star die Meisterschaft?

Als im Chase Center von San Francisco am Samstagabend die Schlusssirene ertönte, stand es 68:63 gegen die Atlanta Dream - im ersten Spiel sieben der WNBA-Geschichte. Die Golden State Valkyries, erst 2025 als Expansion-Team in die Liga eingestiegen, holten am 31. Oktober den Titel in ihrer - wohlgemerkt - zweiten Saison. Kein neu gegründetes Team der großen nordamerikanischen Profiligen erreichte dieses Ziel jemals schneller.
Mittendrin? Natalie Nakase, 46 Jahre alt und im zweiten Jahr WNBA-Cheftrainerin. Nach dem Spiel führte sie den Erfolg auf den Zusammenhalt ihrer Mannschaft zurück, die eine "bedingungslose Liebe, die unzerbrechlich ist" verbinde. Dazu lieferte sie einen Satz, der nicht ganz jugendfrei ausfiel: Wer Herz und Seele investiere, könne Meisterschaften gewinnen - mit einem kräftigen Kraftausdruck in der Mitte.
Dass ausgerechnet sie dort oben steht, hätte vor 20 Jahren kaum jemand vorhergesagt. Nakases Laufbahn ist eine Abfolge von Türen, die eigentlich verschlossen waren, und von einer Frau, die schlicht weiter angeklopft hat. Ein wichtiges Kapitel dieser Geschichte spielt in Deutschland.
Offiziell wird Nakase mit fünf Fuß und zwei Zoll geführt, umgerechnet 1,57 Meter. Selbst das sei noch geschönt, verriet sie dem Magazin The Believer: Eigentlich fehle ein Viertelzoll. Viele Colleges sahen in der Spielmacherin der Marina High School aus Huntington Beach deshalb vor allem eines - zu wenig Länge.
Nakase schlug andere Stipendienangebote aus und kam 1998 als Walk-on, also ohne Sportstipendium, an die UCLA. Am Ende ihrer College-Zeit war sie dort Starting Point Guard. Eine Mitspielerin brachte es im Jahr 2000 in der Campuszeitung "Daily Bruin" auf den Punkt: Nakase sei zwar 1,57 Meter groß, spiele aber so, als sei Größe egal.
Das Muster zog sich durch ihre gesamte Karriere. Als sie 2014 in der Summer League als erste Frau auf einer NBA-Bank als Assistenztrainerin saß, antwortete Clippers-Coach Doc Rivers im Boston Globe auf die Frage nach ihrer NBA-Tauglichkeit: Man solle ihr eine Chance geben. Becky Hammon nannte ihre frühere Assistentin vor dem diesjährigen Halbfinale laut AP eine "kleine, mächtige Maus" und ein "Arbeitstier".

Nach dem College verdiente Nakase ihr Geld zunächst in der inzwischen aufgelösten NWBL, bei den San Jose Spiders und den San Diego Siege, als erste asiatisch-amerikanische Spielerin der Liga. 2007 wagte sie den Sprung nach Europa zum Herner TC. Dort riss ihr erneut das Kreuzband, nachdem sie sich schon vor ihrer ersten College-Saison schwer am linken Knie verletzt hatte.
Statt sich ein weiteres Mal operieren zu lassen, beendete Nakase ihre Laufbahn als Spielerin - und blieb trotzdem in Deutschland. Von 2008 bis 2010 coachte sie die BC Wildcats Wolfenbüttel in der Damen-Basketball-Bundesliga, ihre erste Station als Cheftrainerin. Der Klub holte 2012 die einzige deutsche Meisterschaft seiner Geschichte, ehe er ein Jahr später Insolvenz anmeldete.
Aus Niedersachsen zog es Nakase 2010 nach Japan, ursprünglich, um noch einmal selbst zu spielen. Die dortige Frauenliga ließ damals jedoch keine Ausländerinnen zu, also stieg sie bei den Tokyo Apache als Assistentin unter Bob Hill ein. In der Saison darauf übernahm sie die Saitama Broncos und war damit die erste Frau, die in Japans Profiliga der Männer als Headcoach an der Seitenlinie stand.
| Zeitraum | Station | Rolle | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| 1998-2003 | UCLA Bruins | Spielerin | als Walk-on gekommen, später Starting Point Guard |
| bis 2006 | San Jose Spiders und San Diego Siege (NWBL) | Spielerin | erste asiatisch-amerikanische Spielerin der Liga |
| 2007-2008 | Herner TC | Spielerin | zweiter Kreuzbandriss, danach Karriereende |
| 2008-2010 | BC Wildcats Wolfenbüttel (DBBL) | Cheftrainerin | erste Station als Headcoach |
| 2010-2011 | Tokyo Apache (bj league) | Assistenztrainerin | Einstieg unter Bob Hill |
| 2011-2012 | Saitama Broncos (bj league) | Cheftrainerin | erste Frau als Headcoach in Japans Männer-Profiliga |
| 2012-2022 | LA Clippers und Agua Caliente Clippers | Video-Team bis Assistenztrainerin | 2014 erste Frau als Assistentin auf einer NBA-Bank (Summer League) |
| 2022-2024 | Las Vegas Aces | Assistenztrainerin | WNBA-Titel 2022 und 2023 |
| seit 2024 | Golden State Valkyries | Cheftrainerin | Coach of the Year 2025, WNBA-Titel 2026 |
2012 fing Nakase in der NBA ganz unten an, als Praktikantin im Videoteam der Los Angeles Clippers. Es folgten Jahre als Videokoordinatorin, als Assistentin beim G-League-Ableger Agua Caliente Clippers und als Trainerin für Spielerentwicklung. Im Februar 2022 holte Becky Hammon sie zu den Las Vegas Aces, mit denen sie 2022 und 2023 als Assistentin den Titel gewann.
Im Oktober 2024 dann der größte Schritt nach vorn: Warriors-Besitzer Joe Lacob machte sie zur ersten Cheftrainerin der neuen Valkyries - und gab ihr gleich eine Frist mit auf den Weg. Innerhalb von fünf Jahren müsse eine Meisterschaft her, erzählte Nakase im Herbst 2025 bei ESPN. Wer an ihr zweifle oder ihr eine Herausforderung vorsetze, bekomme von ihr 100 Prozent, fügte sie damals hinzu.
Schon das erste Jahr geriet zum Ausrufezeichen: 23 Siege, so viele wie kein Expansion-Team zuvor in seiner Premierensaison, dazu als erstes neues Team überhaupt der Einzug in die Playoffs. Dort war gegen Minnesota zwar nach zwei Spielen Schluss, Nakase wurde trotzdem zur Trainerin des Jahres gewählt. Lacobs Fünfjahresplan hatte damit früh kräftigen Rückenwind.
Für die zweite Saison setzte Nakase auf das, was ihr Kader hergab: Tiefe statt Glamour. Mehrere ihrer Spielerinnen waren im Expansion Draft von ihren alten Klubs ungeschützt gelassen worden, darunter Veronica Burton und Kayla Thornton. Ihr Leitsatz "Strength in numbers" zog sich durch das ganze Jahr, mit einer Rotation aus bis zu 14 Spielerinnen und Schlussphasen, in denen auch mal die achte oder neunte Kraft auf dem Feld stand.
Das Fundament legte die Defensive. Golden State stellte nach Defensiv-Rating die beste Abwehr der Liga und ließ die wenigsten Punkte zu, beides Ziele, die Nakase vor der Saison ausgegeben hatte. Mit 32 Siegen und 12 Niederlagen beendeten die Valkyries die Hauptrunde als Nummer zwei, nur ein Spiel hinter Minnesota.
Neu im Gefüge war Gabby Williams, die aus Seattle in die Bay Area gewechselt war und im ersten Jahr bei den Valkyries erstmals ein All-Star-Game startete. Pikant: Im September standen sich Trainerin und Starspielerin in Berlin als Gegnerinnen gegenüber. Nakase gewann als Assistentin von Kara Lawson mit den USA das WM-Finale gegen Frankreich 97:79, Williams hatte für die Französinnen 20 Punkte erzielt.
Wie viel Kraft Nakase in ihre Arbeit steckt, sah die Öffentlichkeit am 2. Oktober. Im entscheidenden dritten Erstrundenspiel gegen Dallas sank sie 1:40 Minuten vor Schluss während einer Auszeit an der Seitenlinie zu Boden, stand wieder auf und coachte weiter, während ihr Team einen 16-Punkte-Rückstand zum 77:73 drehte. Später sprach sie von Erschöpfung und einem "Weckruf" und kündigte an, vorsorglich einen Herzmonitor zu tragen.
Zwei Tage später stand sie wieder an der Linie, und die Valkyries fegten Titelverteidiger Las Vegas mit 3:0 aus dem Halbfinale. Das entscheidende 87:77 nach Verlängerung fiel ausgerechnet in der Halle, in der Nakase drei Jahre lang Hammons Assistentin gewesen war. "Es ist ein wahr gewordener Traum, im zweiten Jahr ins Finale einzuziehen", sagte sie danach.
Gegen Atlanta drohte die Serie nach dem 68:64-Auftakt zu kippen, als die Dream zweimal deutlich gewannen. Nakase reagierte in Spiel vier mit der ersten Änderung ihrer Startformation in diesen Playoffs, ihr Team antwortete mit zwei Siegen in Folge. Nach dem 69:80 in Spiel sechs musste schließlich der Showdown in San Francisco entscheiden.
Dort lagen die Valkyries zur Pause mit sechs Punkten zurück, ehe Williams das Spiel an sich riss. 28 ihrer 30 Punkte erzielte sie nach dem Seitenwechsel, so viele wie keine Spielerin zuvor in einer Playoff-Halbzeit der WNBA, und wurde anschließend zur Finals-MVP gewählt. "Gabby ist unsere Closerin", sagte Nakase bei ESPN.
Williams selbst erinnerte an die Kritik des Vorjahres, als es geheißen hatte, das Team habe weder Stars noch Talent. Nun sind die Valkyries der erste Meister der WNBA-Geschichte ohne eine einzige All-WNBA-Spielerin im Kader. Für eine Trainerin, die selbst nie ins gängige Raster passte, ist das eine stimmige Pointe.
Lacobs Fünfjahresplan ist damit nach zwei Jahren erfüllt. Die nächste Herausforderung liegt trotzdem schon auf dem Tisch, und sie heißt Titelverteidigung. Nakase hat für solche Fälle bekanntlich eine feste Antwort: 100 Prozent.
Julius Ostendorf