01.07.2025
Mavs mit genialem Schachzug?
Die Dallas Mavericks haben in D'Angelo Russell ihren Ersatz für Kyrie Irving gefunden, bis dieser sich von seiner Verletzung erholt hat. Mit dem Ex-Laker könnten die Mavs den Steal der Offseason gelandet haben - trotz der großen Kritik an seinem Spiel.

Zunächst einmal die Fakten vorneweg: D-Lo hat für zwei Jahre und insgesamt 13 Mio. Dollar bei den Mavs unterschrieben. Das war den Mavs trotz ihrer Einschränkungen durch das First Apron möglich, da Irving vor kurzem zu günstigeren Konditionen unterschrieben hat. So können sie für Russell ihre "Non-Taxpayer Mid-Level-Exception" über 5,6 Mio. nutzen.
Bedenkt man, dass Russell über seine gesamte Karriere 175 Mio. und vergangene Saison immer noch rund 18 Mio. verdient hat, sieht er auf dem Papier für den Preis wie ein absoluter Steal. Natürlich lässt sich argumentieren, dass er in der Vergangenheit einige Male deutlich überbezahlt wurde, trotzdem ist er erst 29 Jahre alt und bringt massig Erfahrung sowie Talent mit.
Rein offensiv ist Russell ohne Frage einer der begnadetsten Spieler der Liga. Sein Shotmaking ist (an guten Tagen) überragend, auch wenn er sich dann gerne verzettelt und einen schweren Wurf nach dem anderen jagt. Wenn er aber heiß ist, macht er das Feld für seine Mitspieler breit, kann Teams aber auch im Alleingang abschießen. 46 Mal legte er in seiner Karriere 30+ Punkte auf, sechsmal sogar mehr als 40 und einmal 52. Dabei traf er schon viermal neun Dreier in einem Spiel.
Dazu hat er schon bei vielen renommierten Teams gespielt (Warriors, Lakers, Wolves) und kennt das Zusammenspiel mit den Superstars gut. Praktisch ist aus Mavs-Sicht vor allem, dass er lange mit Anthony Davis zusammenspielte. Er ist ein guter Pick-and-Roll-Spieler, was dem Big-Man-Trio um AD, Gafford und Lively zugute kommen wird. Seit dem Abgang von Doncic sind die Lob-Plays schließlich deutlich zurückgegangen.
Und dazu kann er auch für seine Mitspieler kreieren (5,7 Assists pro Spiel über seine Karriere), auch wenn das nie seine erste Priorität ist. Bei all dem Lob gibt es aber natürlich auch Gründe dafür, dass der Markt für den Guard nicht riesig war.
Seine Dreierquote ist über die Karriere gesehen immer noch ordentlich (36,5 Prozent), ist in den letzten Monaten aber bedrohlich abgestürzt. Traf er 2023/24 noch 41,5 Prozent bei mehr als sieben Versuchen pro Spiel, traf er für die Lakers im Folgejahr nur noch 33,3 Prozent und nach seinem Trade zu den Nets nur noch magere 29,7 Prozent. Trotzdem drückte er satte 6,6 Mal in 24,7 Minuten Spielzeit ab. Bei den tankenden Nets war das natürlich kein Problem, in Dallas dürfte er sich damit aber keine Freunde machen.
Auch seine extremen Schwankungen könnten den Mavs-Fans schnell Bauchschmerzen bereiten. Als er noch im Lakers-Trikot unterwegs war, konnte man oft schon in den ersten Minuten des Spiels erkennen, in welche Richtung es bei ihm ausschlagen wird. Geht er mit schlechter Körpersprache ins Spiel und trifft seine ersten Würfe nicht, kann man sich sicher sein, dass er sich davon nicht mehr erholt. Er lebt so sehr von seinem Jumper und versucht quasi nie einen Abschluss am Korb, sodass er sich sein Selbstvertrauen nicht durch einfache Punkte wiederholen kann.
Hinzu kommen seine Schwächen in der Defensive. Es gab in den vergangenen Jahren eine Handvoll Lakers-Spiele, in denen er sehr engagiert war und seine fehlende Physis wettmachte, der Regelfall ist das aber nicht. Oft hatten gegnerische Spieler leichtes Spiel, an Russell vorbeizukommen und am Korb abzuschließen. Auch Rotationen verschlief er regelmäßig und zog so den Ärger von Teamkollegen und Fans auf sich.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass Russell sich jetzt in einer komplett anderen Rolle wiederfindet. Bei den Wolves und den Warriors war er der designierte Starting Point Guard, der die Offensive lenken und in großen Spielen zur Stelle sein sollte. Diese Rolle hat er in Dallas nicht. Seine Aufgabe ist klar: Er soll die Mavs in den ersten Monaten im oberen Bereich der Western Conference halten, ehe Irving hoffentlich Anfang 2026 zurückkehrt.
In dieser Zeit soll er sein Spiel aufziehen und hoffentlich an die Shooting-Zeiten von vor 2024 anknüpfen. Vielleicht tut ihm die neue Umgebung gut, in der er erstmals nicht den Druck hat, als Starter in der Regular Season und in den Playoffs zu funktionieren. Dazu hat er noch nie in so einer großen, defensivstarken Mannschaft gespielt, wie die Mavs es sind. Wenn jemand an ihm vorbeizieht, lauern mit AD und Gafford/Lively drei der besten Shotblocker der Liga dahinter.
Es wird auch spannend zu sehen sein, wie Russell sich mit der Rolle als Backup von der Bank zurechtfindet, sobald Kyrie wieder fit ist. Bei den Lakers sah er als Mikrowelle und Anführer der zweiten Garde oft gut aus, für die Titel-Ambitionen der Mavs wäre es ein Riesenplus, sollte er dies wieder hinbekommen.
Wenn die Mavs es jetzt noch schaffen, einen freien Kaderplatz zu generieren, um Dante Exum mit einem neuen Vertrag auszustatten, stehen sie für die neue Saison besser da, als es irgendjemand nach der Irving-Verletzung und dem Doncic-Trade erwartet hätte. Und wer weiß, wie sich Russell in Dallas entwickelt. Mit dem günstigen Vertrag haben sie nichts zu verlieren und wenn er es schafft, das Team in Schlagdistanz zu halten, könnte er sich zu dem Steal des Sommers entpuppen.
Gianluca Fraccalvieri