08.04.2026
Karnisovas und Eversley entlassen
Die Chicago Bulls tauschen ihr Front Office aus. Die Entscheidung ist einerseits richtig, doch gleichzeitig bleiben Fragen, ob Arturas Karnisovas und Marc Eversley wirklich das einzige Problem waren.

Sechs Jahre dauerte die Ära "AKME" in Chicago, es waren mal wieder sechs Jahre Mittelmaß mit minimalen Ausreißern nach oben. "Wir haben nicht den Erfolg gehabt, den unsere Fans verdienen. Deshalb liegt es in meiner Verantwortung, eine andere Richtung einzuschlagen", wird Besitzer Michael Reinsdorf in einem Statement zitiert.
31, 46, 40, 39, 39 und in dieser Saison bislang 29 Erfolge. Eine Playoff-Teilnahme (1-4 vs. Milwaukee) sowie drei Play-In-Auftritte - das ist die magere Bilanz der vergangenen Jahre. Wenn eine Franchise Mittelmaß symbolisierte, dann waren es die Chicago Bulls. Es ist einerseits ehrenwert, dass man in Chicago nicht verzweifelt tankte, doch die Entscheidungsfindung war stets zweifelhaft.
Das begann schon im Draft 2020, als man völlig überraschend mit dem vierten Pick Patrick Williams auswählte, der die Anforderungen nie erfüllte, aber 2024 trotzdem einen neuen Fünfjahresvertrag erhielt. Karnisovas war von seiner Entwicklung überzeugt, anders war auch der Trade für Nikola Vucevic wenige Monate später nicht zu erklären. Zusammen mit Zach LaVine sollte das die neue Big Three werden, eine kapitale Fehleinschätzung.
Denn: Dafür wurde in Wendell Carter Jr. ein talentierter Center abgegeben und Orlando auch noch mit zwei Erstrundenpicks belohnt. Einer davon wurde wenige Monate später ein gewisser Franz Wagner. Im Sommer war die Verpflichtung von Lonzo Ball ein kleiner Coup, dazu wurde Alex Caruso sehr günstig von den Los Angeles Lakers losgeeist.
Die Addition des alternden DeMar DeRozan war dagegen fragwürdig, dafür musste unter anderem der spätere All-Star Lauri Markkanen abgegeben werden. Die Bulls warfen in dieser Phase schnell die Chips in die Mitte, obwohl viele zweifelten, dass dies ein Team sein könnte, welches zumindest im erweiterten Contenderkreis zu verorten ist.
Der Start war vielversprechend, das Team grüßte von der Spitze der Eastern Conference, bevor sich Ball folgenschwer verletzte und zwei Saisons verpasste. Das Problem: Die Bulls hielten in der Folge zu lange an ihrem Kern fest, ein Umstand, der sich wie ein roter Faden durch die kommenden Jahre ziehen sollte.
Chicago jagte Jahr für Jahr das Play-In anstatt ihre Spieler zum höchstmöglichen Preis abzugeben. Beispiele dafür sind Caruso, Coby White oder Ayo Dosunmu, für die die Bulls nie einen Erstrundenpick bekamen. Für Caruso wechselte zwar immerhin Josh Giddey in die Windy City, doch ein früherer Trade hätte womöglich noch mehr eingebracht. Ähnliches sah man zur Trade Deadline, als White und Dosunmu erst getradet wurde, als ihr Vertrag kurz vor dem Auslaufen war.
Dazu wurden Veteranen verlängert, die nirgendwo sonst so viel Geld wie in Chicago bekommen hätten. Der Maximalvertrag für LaVine wurde zum Klotz am Bein, gleiches galt für die Extension für den damals 33-jährigen Vucevic. Man fragte sich: Gegen wen genau boten die Bulls damals eigentlich?
Die Bulls verpassten stets den richtigen Moment für eine Trennung, sie schadeten sich damit immer wieder. Gleichzeitig muss die Frage gestellt werden, ob dies allein die Entscheidung von Karnisovas und Eversley waren. Die Reinsdorfs sind bekannt dafür, dass vor allem die Finanzen stimmen müssen. Eine Playoff-Teilnahme genügt oft, um das United Center zu füllen und das Jahr mit Gewinn abzuschließen.

Umso ironischer ist es, wenn Reinsdorf in seinem Statement folgendes verlauten lässt: "Wir wollen ein Team aufbauen, welches auf dem höchsten Level mithalten und um eine Meisterschaft spielen kann. Wir verschreiben uns den Fans, dass wir die nötigen Schritte machen, um sie stolz zu machen."
Und selbst wenn dem so ist, wird das ein langer Weg. Die Bulls werden im Sommer jede Menge Capspace für Free Agents haben, gleichzeitig aber auch wenig Spieler für die Zukunft. Giddey ist ein guter Starter auf der Eins, der mal All-Star werden könnte, gleiches gilt für Matas Buzelis. Dies sind die derzeitigen Eckpfeiler, ansonsten ist vieles unklar.
Das gilt auch für Coach Billy Donovan, der zuletzt mit diversen College-Teams in Verbindung gebracht wurde. Diverse Medien melden, dass Reinsdorf Donovan gerne behalten würde, doch sollte das nicht eigentlich das neue Front Office entscheiden? Es bleibt unübersichtlich am Lake Michigan, es wird vermutlich eine Weile dauern, bis Chicago wieder relevant ist. Für eine der ikonischsten Franchises der NBA mit einer treuen Fanbase ist das aber eigentlich nicht akzeptabel.
Robert Arndt