vor 56 Minuten
Cavaliers in der Offseason-Analyse
Die Cleveland Cavaliers haben ihre beiden Star-Guards langfristig gebunden und die Flügelrotation kräftig umgebaut. Mit James Harden, Donovan Mitchell und Evan Mobley hat Cleveland weiter genug Qualität für einen Angriff auf die Meisterschaft. Dafür hat die Franchise aber Tiefe und einen ihrer wertvollsten Draftpicks geopfert.

Die letzte Saison endete für die Cleveland Cavaliers mit gemischten Gefühlen. Man gewann 52 Spiele und erreichte zum ersten Mal seit dem Abschied von LeBron James wieder die Conference Finals. Dafür brauchten die Cavs gegen Toronto und Detroit allerdings jeweils sieben Spiele. Gegen den späteren Champion aus New York verspielte Cleveland im ersten Spiel eine Führung von 22 Punkten und verlor die Serie dann mit 0-4.
Im Sommer sorgten die Verantwortlichen erst einmal für Planungssicherheit. Donovan Mitchell verlängerte seinen Vertrag um vier Jahre und bis zu 273 Millionen Dollar. Auch James Harden bleibt in Cleveland. Der 37-Jährige unterschrieb nach dem Verzicht auf seine Spieleroption einen Dreijahresvertrag über 97 Millionen Dollar, wobei das letzte Jahr wieder eine Spieleroption enthält.
Der größte sportliche Umbau erfolgte auf dem Flügel. In einem Trade mit fünf Mannschaften erhielten die Cavaliers Peyton Watson. Im Rahmen des Geschäfts übernahm Cleveland zunächst auch Cam Whitmore aus Washington, entließ den jungen Flügelspieler kurz darauf aber wieder. Anschließend unterschrieb der 22-Jährige einen Two-Way-Vertrag in Denver. Watson kommt nach seiner bisher besten NBA-Saison aus Denver und unterschrieb einen Vierjahresvertrag über 88 Millionen Dollar. Der 24-Jährige erzielte zuletzt durchschnittlich 14,6 Punkte, 4,9 Rebounds und 2,1 Assists und traf 41,1 Prozent seiner Dreier.
Dazu kehrt Mario Hezonja nach sechs Jahren in Europa in die NBA zurück. Cleveland stattete den langjährigen Profi von Real Madrid mit einem Einjahresvertrag aus. Im Draft wählten die Cavaliers Meleek Thomas an Position 34. Der junge Guard führte die Summer League mit durchschnittlich 27,3 Punkten an. Thomas Bryant wurde gehalten, während mit Khalifa Diop ein weiterer junger Big Man aus Europa zum Kader stößt.
Zugänge: Peyton Watson (Denver Nuggets), Mario Hezonja (Real Madrid), Meleek Thomas (NBA-Draft), Khalifa Diop (Gran Canaria), Ernest Udeh Jr. (Miami/NCAA, Two-Way)
Verlängert: Donovan Mitchell, James Harden, Thomas Bryant
Abgänge: Max Strus (Los Angeles Clippers), Dennis Schröder (Charlotte Hornets), Dean Wade (Philadelphia 76ers), Keon Ellis (Brooklyn Nets), Larry Nance Jr (Indiana Pacers), Georges Niang (Golden State Warriors)
| PG | SG | SF | PF | C |
|---|---|---|---|---|
| J. Harden | D. Mitchell | P. Watson | E. Mobley | J. Allen |
| C. Porter Jr. | S. Merrill | M. Hezonja | N. Tomlin | T. Bryant |
| T. Proctor | M. Thomas | J. Tyson | T. Enaruna* | K. Diop |
| R. Minix* | E. Udeh Jr.* |
*Two-Way-Vertrag

Die Cavaliers richten weiterhin alles auf einen kurzfristigen Titelgewinn aus. Mitchell befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, Harden ist mittlerweile 37 Jahre alt und auch der Vertrag von Jarrett Allen läuft nur noch bis 2029. Cleveland hat keine lange Aufbauphase, sondern muss die kommenden Jahre nutzen.
Der neue Kader soll vor allem besser zu Mitchell und Harden passen. Beide brauchen größere und vielseitige Verteidiger neben sich, die mehrere Positionen übernehmen und gleichzeitig das Spielfeld breit machen können. Watson soll genau dieses Profil abdecken und besitzt die Voraussetzungen, um neben den beiden Superstars eine wichtige Rolle zu übernehmen. Seine Entwicklung könnte deshalb darüber entscheiden, ob die neue Starting Five funktioniert.
Im Zentrum des Projekts steht langfristig aber Evan Mobley. Der frühere dritte Draftpick gehört zu den besten Verteidigern der Liga und soll auch offensiv mehr Verantwortung übernehmen. Entwickelt er sich zu einem konstanten Scorer und Spielmacher, kann Cleveland auch dann zur Spitze gehören, wenn Harden altersbedingt abbaut.
Für diese Chance gingen die Cavaliers ein großes Risiko ein. Neben Max Strus schickten sie einen ungeschützten Erstrundenpick für 2031 nach Denver. Viele weitere Erstrundenpicks sind schon durch frühere Trades gebunden. Cleveland hat deswegen nur noch wenige Möglichkeiten, den Kader mit einem weiteren großen Geschäft grundlegend zu verbessern.
Die größte offene Frage ist die Tiefe des Kaders. Mit Strus, Schröder, Wade, Ellis, Nance und Niang verloren die Cavaliers zahlreiche erfahrene Rotationsspieler. Watson wertet die erste Fünf auf, dahinter müssen sich Hezonja und Thomas ihre Rollen aber erst erarbeiten. Fällt einer der Leistungsträger länger aus, könnte Cleveland schnell an Grenzen stoßen.
Auch die defensive Belastbarkeit des Backcourts bleibt ein Thema. Mitchell und Harden können offensiv Spiele entscheiden, sind gegen größere und athletischere Gegenspieler aber angreifbar. In den Conference Finals bezogen die Knicks Harden gezielt in ihre Aktionen ein. Watson und Mobley müssen deswegen viel Verantwortung übernehmen und Fehler ihrer Mitspieler auffangen.
Offensiv droht außerdem wieder eine zu große Abhängigkeit von Einzelaktionen. Schon in den letzten Playoffs stagnierte der Ballvortrag phasenweise, wenn Harden oder Mitchell das Spiel übernahmen. Atkinson muss beide Stars stärker in ein gemeinsames System einbinden und gleichzeitig Mobley häufiger als Passgeber und Scorer einsetzen. Auch das Shooting der neuen Flügel ist nicht garantiert: Watson muss seine starke Quote aus der vergangenen Saison bestätigen, Hezonja muss zeigen, dass sich seine in Europa gezeigte Qualität auf eine kleinere NBA-Rolle übertragen lässt.

Cleveland hat weiter die Qualität für eine starke Regular Season. Mitchell, Harden, Watson, Mobley und Allen bilden eine der besten Starting Five der Eastern Conference. Bleiben die Stars gesund und bestätigt Watson seinen Durchbruch, sind wieder mehr als 50 Siege möglich.
Für den Titel muss aber vieles zusammenpassen. Harden darf in den Playoffs nicht wieder defensiv zum Ziel werden, Mobley braucht den nächsten offensiven Entwicklungsschritt und die neue Flügelrotation muss den Verlust der Rollenspieler auffangen.
Die Cavaliers sollten erneut zu den besten vier Mannschaften im Osten gehören und mindestens die zweite Playoff-Runde erreichen. Wegen der stärker gewordenen Konkurrenz sind sie aber nicht der klare Favorit auf den Conference-Titel. Die realistischste Prognose ist Platz drei bis fünf im Osten und ein mögliches Aus in der zweiten Runde oder den Conference Finals. Cleveland kann um die Meisterschaft spielen, der Spielraum für Rückschläge ist nach diesem teuren Sommer aber kleiner geworden.
Lukas Hetterich