vor 6 Stunden
OKC mit schlechtester Offense seit Jahren
Die Oklahoma City Thunder haben in Spiel 4 der Conference Finals nur 82 Punkte aufgelegt und dabei einen der schlechtesten offensiven Auftritte seit Jahren gezeigt. Grund dafür war ein deutlich veränderter Gameplan der San Antonio Spurs im Vergleich zur bisherigen Serie.

Dass die Spurs sich nach der herben Niederlage in Spiel 3 etwas überlegen mussten, war klar. Das wird ihnen auch Gregg Popovich bei seinem Kabinen-Rage klargemacht haben. Im ersten Conference-Finals-Heimspiel im Frost Bank Center seit zehn Jahren setzten die Spurs darauf, die Superstars der Thunder einzudämmen und sich lieber vom "Rest" schlagen zu lassen.
Diese Taktik, die wir in den Playoffs regelmäßig - auch erfolgreich - sehen, flog ihnen gegen OKC in Spiel 3 komplett um die Ohren. Die tiefe Bank des amtierenden Champions eskalierte komplett und haute den Spurs unglaubliche 74 Zähler um die Ohren (Playoff-Rekord). Jaylin Williams, Jared McCain, Alex Caruso und Co. konnten gefühlt aufspielen, wie sie wollten, da sich die Defense komplett auf Shai Gilgeous-Alexander und Chet Holmgren fokussierte.
Von dieser Taktik war in Spiel 4 überhaupt nichts mehr zu sehen. Die Spurs besannen sich offenbar darauf, was für gute individuelle Verteidiger sie in ihrem Kader haben, und verteidigten fast das gesamte Spiel über im Eins-gegen-Eins, bzw. natürlich Eins-gegen-Eins + Wemby, da der Franzose bekanntlich aus jeder Position als Help-Verteidiger angeflogen kommen kann. Statt von den Rotationsspielern wollten sie lieber von den Stars im direkten Duell geschlagen werden - oder eben auch nicht.
Besonders gut funktionierte diese Taktik in den Minuten mit Isaiah Hartenstein auf dem Feld, da das Spacing durch das fehlende Shooting des Deutschen stets schlechter wird. So bekam Hartenstein in den ersten Minuten zwar viele offene Würfe und verwandelte vier seiner patentierten Floater in Folge, sonst schaffte es aber kein OKC-Spieler in den ersten 8:30 Minuten des Spiels zu scoren.

Grund dafür war nicht, dass die Thunder ungewöhnlich schlecht trafen, sondern schlichtweg keine offenen Würfe bekamen. Überragende 91 Prozent der Thunder-Würfe waren contested, was eines der großen Erfolgskonzepte war. "Wir versuchen einfach, es ihnen so schwer wie möglich zu machen, vor allem im Halbfeldangriff. Und ich denke, das ist uns heute Abend gut gelungen", erklärte auch De'Aaron Fox nach dem Sieg.
Fox und die anderen Guards wechselten sich dabei in der Defense gegen SGA ab und machten allesamt einen starken Job, vor allem, da sie im Gegensatz zu den vorherigen Spielen der Serie nur selten gegen den MVP doppelten. Da das auch gut gelang, waren die Räume in der OKC-Offensive deutlich kleiner und die Bankspieler seltener frei. Offene Dreier für Jaylin Williams oder McCain wie in Spiel 3 gab es kaum, sodass die Rotationsspieler auch nie in ihren Rhythmus fanden.
Alex Caruso, der in den vorhergehenden drei Spielen überragende 21 Punkte im Schnitt aufgelegt hat, nahm beispielsweise in der gesamten ersten Hälfte keinen Wurf und beendete die Partie auch mit null Punkten. McCain, Williams und Aaron Wiggins trafen dazu zusammen nur 4/28 aus dem Feld.
Die Spurs spielten das gesamte Spiel mit derselben defensiven Energie, die zum 15:0-Lauf zum Start von Spiel 3 geführt hatte. Sie waren ultraaggressiv, hatten in gefühlt jedem Pass eine Hand (11 Steals, 10 Blocks) und erzwangen einen Turnover nach dem anderen (17), die in vielen einfachen Punkten resultierte.
"Das ist unser Markenzeichen, die Defensive. Wir hatten das Gefühl, dass wir in den beiden Spielen, die sie gewonnen haben, einfach nicht wir selbst waren. Wir haben nicht auf dem Niveau gespielt, das wir können. Wir haben sie viel zu oft offen stehen lassen. Wir waren in vielen guten Rotationen, haben den Ball gut verteidigt, und das hat uns geholfen", erkannte auch Devin Vassell nach dem Sieg.
Wenn die Spurs so verteidigen und SGA meistens nur einen Verteidiger gegen sich hat, muss er das viel besser ausnutzen und seine Dominanz aus der Mitteldistanz ausspielen. Das gelang ihm aber genauso wenig wie Holmgren, der die ganze Serie über schon mit seinem langjährigen Rivalen Wembanyama zu kämpfen hat (11,3 Punkte, 46,9 FG%).
Zusammen kamen die beiden Stars nur auf 31 Punkte und nahmen auch nur 23 Würfe, was für ein wegweisendes Spiel 4 viel zu wenig ist. "Ich erwarte immer mehr von mir selbst und will besser werden", meinte auch Holmgren anschließend.
Besonders wichtig ist die Produktion ihrer beiden All-NBA-Spieler in Anbetracht der Ausfälle von Jalen Williams und Ajay Mitchell. Ohne die beiden fehlt dem Spiel der Thunder ein weiterer Ballhandler im Lineup, der SGA entlasten könnte. "Zwei unserer Ballhandler, unsere Kreativspieler, fehlen, aber die anderen Jungs sind gut ohne Ball, und wir haben dieses Jahr eine ganze Reihe von Spielen ohne Ballhandler bestritten", meinte SGA nach dem Spiel, der den Ausfall nicht als Ausrede gelten lassen wollte. "Wenn man mit der richtigen Energie rauskommt, fügt sich so etwas, und der Offensivfluss ist da. Und ich glaube nicht, dass wir heute mit der richtigen Energie rausgekommen sind", führte er aus.
Dabei war der Offensivfluss der Thunder in diesem Spiel wirklich außergewöhnlich schlecht. Sie trafen 33,0 Prozent aus dem Feld, 18,2 Prozent von draußen und legten die mit Abstand wenigsten Punkte ihrer gesamten Saison auf (82). Tatsächlich legten sie seit ihrer Tanking-Saison 2021 nicht mehr so wenige Punkte auf, damals scorten sie in einer 73-Punkte-Niederlage gegen die Grizzlies 79 Zähler. Noch ein Vergleich gefällig? Das letzte Mal, dass das Team mit dem besten Record der Regular Season so wenige Punkte auflegte, ist 13 Jahre her (Heat in Spiel 3 der Finals gegen die Spurs, 77 Punkte).

Auf der Gegenseite haben die Spurs aus ihren Fehlern der zwei Niederlagen gelernt. Wemby war offensiv von Beginn an viel engagierter und hatte nach wenigen Minuten schon so viele Field Goals wie in den ersten Hälften der Spiele 2 und 3. Nachdem er auch früh einen Dreier getroffen hatte, musste die Defensive ihn weiter draußen verteidigen und öffnete die Zone für ihn. Die Folge: 22 Punkte und die mit Abstand beste Halbzeit der Serie.
"Ich weiß nicht, ob ich hart zu mir selbst bin, aber wir alle haben hohe Ansprüche, und ich weiß, dass ich viel Verantwortung trage. Aber ich bin bereit dafür", erklärte der Franzose, der nach seinen 26 Zählern in Spiel 3 sehr selbstkritisch war.
Gleichzeitig sah man auch endlich, wie gut das Comeback von Fox dem Team tat. Der Veteran brachte eine unheimliche Ruhe in den Aufbau der Spurs, die ihre Turnover, die sie in den bisherigen Spielen viele Fastbreak-Punkte gekostet haben, limitierte (12). Dazu entlastete er auch die jungen Stephon Castle und Dylon Harper, die ohne Fox teilweise sehr überfordert gewirkt hatten.
Diesen Schwung wollen die Spurs nun mit in Spiel 5 nehmen, das in der Nacht auf Mittwoch (2.30 Uhr deutsche Zeit) in Oklahoma City steigt. Nun sind beide Teams zwei Siege von den NBA Finals entfernt.
Gianluca Fraccalvieri