vor 9 Stunden
Warum der Guard für die Thunder so wichtig ist
Alex Caruso zählt zu den prägenden Figuren der Conference Finals. Mitunter wirkt es, als sei OKCs Guard an mehreren Stellen gleichzeitig - weshalb bereits Vergleiche zu den besten Rollenspielern der Geschichte aufkommen. Nicht zu unrecht. Eventuell reicht Carusos Einfluss aber sogar ein wenig darüber hinaus.

Angst, sich bis zur Taille aus dem Fenster zu lehnen, verspürt Kendrick Perkins selten. Hat er eine Idee, teilt er sie mit der breiten Öffentlichkeit. Danach steht er zu ihr. Mit Nachdruck. Perkins spricht laut. Mit Überzeugung. So auch, als er nach Spiel 4 der Western-Conference Finals etwas Positives über Alex Caruso sagen möchte.
Sowohl Shai Gilgeous-Alexander als auch Isaiah Hartenstein bekämen zwar das meiste Lob, zurecht, "aber wir starten diese Diskussion verdammt noch mal nicht, ohne Alex Caruso zu erwähnen, ok? Alex Caruso war in diesen Conference Finals der zweitbeste Spieler der Oklahoma City Thunder."
Wenig später: "Er ist einer der fünf besten Rollenspieler." Nicht dieser Tage. Aller Zeiten! Auf einer Stufe mit Robert Horry, Derek Fisher und Danny Green, der zwei Stühle weiter im selben ESPN-Studio sitzt und, ein wenig stolz, kurz sein Jacket zurechtrückt. Beim Titel der Lakers sei er ein großer X-Faktor gewesen. "Das bringt mich zurück zu einem Moment im letzten Jahr, im Halbfinale gegen Jokic in Spiel 7, wie er einfach ein Schweizer Taschenmesser ist."
Rund ein Jahr ist es her, dass die Nuggets OKC in den Conference Semi-Finals erst überraschend in ein siebtes Spiel zwangen, dort dann auch an Caruso scheiterten. 40 direkte Halfcourt-Duelle notiert GeniusIQ laut ESPN-Reporter Tim MacMahon zwischen Jokic und Caruso. Dabei gibt der Guard pro Play nur 0,78 Punkte ab, und am Ende leistet sich der dreifache MVP ebenso viele Ballverluste, wie er Würfe trifft.
Weil seinem Gegenspieler egal ist, dass er gegen einen deutlichen längeren und schwereren Center spielt. Weil Caruso Jokic unter Druck setzt, gleichzeitig locker lässt, um ihn aus der Balance zu bringen. weil er Pässe auf den Serben verhinderte und dessen eigene erschwerte. Weil er gleichzeitig überall ist. Weil er Alex-Caruso-Basketball spielt. Wie er es eigentlich immer tut.

Lang muss Mark Daigneault nicht zusehen. Der, von dem er ohnehin erwartet hatte, dass er herausstechen würde, sticht heraus. Nur auf andere Art. Im September 2016 bieten die Thunder Caruso, den im Juni niemand draftete, ein Tryout für die Oklahoma City Blue an, OKCs G-League-Team. Mit fünf anderen darf er vor Blue-Coach Daigneault und seinem Staff vorspielen; ist am Ende aber der einzige mit ernsthaften Chancen.
Die anderen hätten "bei allem Respekt kein Profiniveau" gehabt, sagt Daigneault zu ESPN. Caruso spürt es und reagiert anders als es die meisten Beteiligten erwarten. "Als wir bei der Hälfte des Workouts ankommen, coacht er das Workout." Caruso erhält einen Vertrag, verbringt eine Saison bei den Blue. Einen Two-Way-Vertrag bei den Thunder bekommt er jedoch nicht. 2017 zieht Caruso zu den Lakers weiter.
Für allzu viele schlechte Entscheidungen ist OKCs General Manager Sam Presti nicht bekannt. Doch in diesem Fall: Er habe zugegeben, erzählt Caruso ESPN, "dass er da einen Fehler gemacht hat." Knapp sieben Jahre dauert es, bis Presti die Dinge gerade rücken kann. Im Sommer 2024 holt er Caruso via Trade aus Chicago. Der ist mittlerweile Champion und einer der besten Verteidiger der Liga. Mit Hartenstein wird er noch eines der beiden letzten Puzzle-Stücke zum ersten Titel der Thunder.
| Saison | Team | PTS | REB | AST | STL | 3P% |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 2018/19 | LAL | 9.2 | 2.7 | 3.1 | 1.0 | 48.0 |
| 2019/20 | LAL | 5.5 | 1.9 | 1.9 | 1.1 | 33.3 |
| 2020-21 | LAL | 6.4 | 2.9 | 2.8 | 1.1 | 40.1 |
| 2021-22 | CHI | 7.4 | 3.6 | 4.0 | 1.7 | 33.3 |
| 2022-23 | CHI | 5.6 | 2.9 | 2.9 | 1.5 | 36.4 |
| 2023-24 | CHI | 10.1 | 3.8 | 3.5 | 1.7 | 40.8 |
| 2024-25 | OKC | 7.1 | 2.9 | 2.5 | 1.6 | 35.3 |
| 2025-26 | OKC | 6.2 | 2.8 | 2.0 | 1.3 | 29.3 |
Perkins Schweizer-Taschenmesser-Analogie beschreibt die Realität ziemlich treffend. Seit seiner Ankunft in OKC macht Caruso, was gerade anfällt, ist gewissermaßen der Hausmeister des Teams. Vor allem in den Playoffs. Er verteidigt Guards oder Center. Er übt am Ball Druck aus, rotiert im Raum regelmäßig so gut, dass er Passwege dicht macht, mitunter zwei Schützen gleichzeitig covert, wenn die eigene Defense in Rotation ist.
Vorne bewegt sich Caruso ohne Ball extrem klug, cuttet zum Ring oder sprintet pointiert in die Ecke für den offenen Dreier. Selbst bleibt er dabei selten lang in Ballbesitze. Er entscheidet schnell, passt unmittelbar weiter, schließt selbst ab. Und zu alldem besitzt Caruso ein unglaublich gutes Gespür für Team und Moment.
Als die Spurs Spiel 3 mit einem 15-0-Run starten, dribbelt er zunächst gemächlich Richtung Baseline, um dort entspannt den Wurf über Victor Wembanyama zu treffen. Kurz darauf täuscht er defensiv unten an der Zone die frühe Help-Rotation nach innen an. De’Aaron Fox beißt an und feuert den Ball zu Julian Champagnie in die Ecke. Er kommt nie an. Caruso fängt ihn ab. SGAs Pass aus dem Double Team wenig später nutzt er für den schnellen Dreier vom Flügel.
Auch dank Caruso kommen die Thunder relativ schnell im Spiel an und drehen alles am Ende komplett. Es ist eine seiner großen Stärken. Betritt Caruso den Court, tragen sich gern positive Dinge zu. Weshalb die Rollenspieler-Analogie mitunter sogar ein wenig hinkt.
| Saison | Team | PTS | REB | AST | STL | 3P% |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 2019/20 | LAL | 6.5 | 2.3 | 2.8 | 1.1 | 27.9 |
| 2020/21 | LAL | 5.8 | 1.3 | 0.5 | 0.2 | 29.4 |
| 2021/22 | CHI | 6.3 | 2.8 | 4.3 | 1.3 | 38.9 |
| 2024/25 | OKC | 9.2 | 2.7 | 2.2 | 2.0 | 41.1 |
| 2025/26 | OKC | 11.2 | 3.1 | 2.1 | 1.5 | 47.7 |
Horry war für den Dreier da, traf unzählige kolossale Würfe, die Play-off-Serien und Meisterschaften entschieden. Auch Fisher glänzte in entscheidenden Momenten, machte viele kleine Dinge. Green verteidigte und brachte Spacing. Caruso spüren sowohl die Thunder als auch gegnerische Teams permanent; im Grunde, sobald er den Court betritt.
Caruso ist laut. Seine Energie löst eine Druckwelle aus, die häufig das gesamte Team erfasst. In seinen besten Phasen beeinflusst er das Spiel auf unzählige Arten. Fast mehr im Sinne eines Stars als in dem eines Rollenspieler. So wird der Guard zum Stilmittel, das Coach Daigneault einsetzen kann, wenn er neue Impulse braucht. Zumal Caruso seinen Hang zum Coaching nie verloren hat.

Als er nach Oklahoma City kommt, will er sich nicht aufdrängen. Caruso hält sich zurück. Er lässt nicht alles raus, was er denkt, teilt seine Eindrücke nuanciert. Er möchte sich das Vertrauen seiner neuen - und deutlich jüngeren - Mitspieler erst verdienen. Und kann dann irgendwie doch nicht ganz aus seiner Haut. "Seine Version von zurückhaltend ist immer noch ziemlich wortstark", erinnert sich Daigneault bei ESPN.
Caruso teilt, was er sieht. Und er sieht viel: welche Tendenzen gegnerische Teams offensiv wie defensiv besitzen. Welche Räume sich öffnen. Wie sich die Thunder selbst bewegen können. All das teilt Caruso, ohne die Bühne komplett für sich zu beanspruchen. Sein Gespür für das Spiel selbst transportiert er in die Interaktion mit seinen Mitspielern. Die hören zu, weil sie wissen, dass Caruso weiß - und umsetzen kann, was er da erzählt.
Steht er auf dem Feld, sind seine Teams besser. Das ist beinahe eine Grundregel, die sowohl in LA und Chicago galt, als auch nun in Oklahoma City gilt. Weil er all die kleinen Dinge tut, Lücken füllt, gleichzeitig vorangeht, wird das beste Team der Liga mit seinem ältesten Spieler immer noch ein gutes Stück besser.
Caruso zählt zur absoluten Elite, wenn es darum geht, Pässe zu verändern, auch ohne den Ball vollständig zu klauen. Durch sein Gespür für die Deflection stört er gegnerische Offenses permanent. Gleichzeitig erzwingt er regelmäßig den Turnover. Ebenso zählt Caruso zu den Besten, wenn es darum geht Offensiv-Fouls zu ziehen und ist laut Databallr in Sachen Stopps elitär.
Entsprechend braucht Caruso nicht zwingend laute Zahlen, um Spiele nachhaltig zu beeinflussen. Wenngleich auch die sich während der Play-offs regelmäßig einschleichen. In den Conference Finals legt er bislang 17 Punkte bei 56,8 Prozent aus dem Feld und 58,1 Prozent von draußen auf; das Ein-Wurf-Null-Punkte-Spiel-4 eingerechnet.

Nach Jalen Williams’ neuerlicher Oberschenkelverletzung argumentieren nicht wenige, Caruso sei OKCs zweitbester Spieler der Conference Finals. Richtig oder nicht, der Meister braucht seinen Guard. Das weiß auch der zweifache MVP.
"AC ist nicht einer dieser übertalentierten Jungs", sagt Gilgeous-Alexander nach Spiel fünf. "Er ist nicht 2,01 Meter groß, hat eine Spannweite von 2,21 Metern und trifft, wie er will. Aber er ist jede Nacht einer der besten Wettkämpfer der NBA. Er geht für dieses Team die gesamte Saison über voran, jetzt kann es die Welt jede Nacht im TV sehen. Er ist unglaublich wichtig für uns."
Caruso steht nicht immer auf dem Court. Während dieser Regular Season spielte er im Schnitt 18,2 Minuten, so wenig wie seit seiner ersten Saison bei den Lakers nicht mehr. Über seine Karriere sind es 21,8 Minuten. Sein Stil, heißt es oft, fordere seinen Körper zu sehr - und Daigneault will all die guten Dinge konservieren, damit er sie während der Playoffs auf Gegner loslassen kann, wann immer er will.
Gegen San Antonio steht Caruso daher 24,6 Minuten auf dem Court. 24,6 Minuten, in denen es mitunter wirkt, als sei er an mehreren Orten gleichzeitig. 24,6 Minuten, die die Spurs permanent spüren. Perkins hat durchaus Recht: Carusos Einfluss auf Siege und Meisterschaften spiegelt den der besten Rollenspieler aller Zeiten. Gleichzeitig geht sein Impact auf das Spiel selbst vielleicht sogar über die eines Rollenspielers im traditionellen Sinne hinaus.
Max Marbeiter