02.04.2026
Das Chamäleon in Cleveland
Die Statistik denkt, Dennis Schröder sei noch nicht richtig angekommen bei den Cleveland Cavaliers. Dabei füllt der DBB-Kapitän bereits jetzt eine klare Rolle aus. Eine Rolle, die auch deshalb so wertvoll ist, weil sie mehrere Aufgabenfelder abdeckt und Coach Kenny Atkinson eine Vielzahl an Möglichkeiten schenkt.

Selbst im Basketball, wo sich mittlerweile irgendwo wohl auch messen ließe, wie der Wurf bei diesem oder jenem Spieler fiel, nachdem er am Vorabend um 22.43 Uhr noch ein Glas Wasser trank, während der Wind aus Nord/Nord-Ost durch das gekippte Fenster im ersten Stock wehte, sind Zahlen nicht alles. Das gilt auch für Dennis Schröder.
Dass der DBB-Kapitän, seit er in Cleveland spielt, nur 38,2 seiner Würfe, lediglich 27,8 Prozent seiner Dreier trifft, insgesamt 7,8 Punkte beisteuert, ist deshalb nicht gleich ohne Gewicht. Gleichzeitig scheinen die Zahlen zu erzählen, Schröder sei noch nicht angekommen bei den Cavs, trage nicht nachhaltig dazu bei, das Team besser zu machen. Das führte jedoch deutlich zu kurz.
"Für mich ist er ein Starter auf der Eins", sagte Coach Kenny Atkinson Ende Februar, nach einer knappen Niederlage in Milwaukee, bei der den Cavs mit James Harden, Donovan Mitchell und Evan Mobley ihre drei Besten gefehlt hatten; bei der Schröder mit 26 Punkten und fünf Assists Verantwortung übernommen hatte. "Er hat das schon gezeigt. Wenn andere ausfallen, dann haben wir absolut kein Problem, mit Dennis zu beginnen."
Gleichzeitig beginnt meistens dann doch einer aus Harden und Mitchell, zuletzt vermehrt beide. Dazu ist Max Strus wieder fit. Anders als in Sacramento kam Schröder bei den Cavaliers in ein Team, das viele Waffen besitzt. Das Möglichkeiten hat - und genau deshalb übersteigt Schröders Wert seine Zahlen so deutlich.
| Team | Spiele | MIN | PTS | FG% | 3P% | AST |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Kings | 40 | 26,4 | 12,8 | 40,8 | 34,3 | 5,3 |
| Cavs | 25 | 21,6 | 7,8 | 38,2 | 27,8 | 4,1 |
Gewissermaßen ist er für Cleveland ein Hybrid. Ein Chamäleon, der sich so anpasst, dass er dem Team gibt, was es gerade braucht. Einer, der sowohl den Ball selbst bringen als auch abseits spielen kann. Letzteres entspricht zwar nicht exakt Schröders Naturell, im Rahmen der Basisidee Atkinsons ergibt die Rolle jedoch auch dann Sinn, wenn der Dreier nicht perfekt fällt.
Clevelands Coach möchte seine Spieler am liebsten permanent in Bewegung sehen. Sie sollen Defenses attackieren, in die Zone ziehen, Reaktionen provozieren und am Ende gute Würfe herausspielen. Steht Schröder nun abseits des Balls und bekommt den Pass, kann er natürlich werfen. Ebenso gut kann er Richtung Korb gehen, seine Geschwindigkeit nutzen, selbst abschließen oder Teamkollegen durch seine Geschwindigkeit einfache Würfe ermöglichen.
Das bestätigt sogar die Statistik. Laut Databallr zählt Schröder auf seiner Position zu den Besten, wenn es darum geht, für andere gute - sprich, offene - Würfe zu kreieren, ihnen den Ball für den offenen Dreier oder Layup zu servieren. Bereitet Schröder vor, haben seine Mitspieler eine hohe Effective Fiel Goal Percentage. Was ihn wiederum in unterschiedlichen Rollen wertvoll macht.

Spielt er an der Seite von Harden, einem dominanten Spielmacher, der sich Defenses gern zurechtlegt, um danach Mitspieler zu bedienen, nimmt Schröder häufig genau diese Rolle ein. Er gibt der Offense die Möglichkeit einer zweiten Welle, was ihn auch dann wertvoll macht, wenn Verteidiger absinken, weil sie seinen Dreier derzeit nicht fürchten.
Darf Schröder mit Mitchell ran, wandelt sich sein Aufgabenbereich. Dann gibt er wie gewohnt häufiger den Playmaker, initiiert Angriffe. Für Mitchell, Clevelands besten Punktesammler, hat das zwei Vorteile: Einerseits muss er Angriffe nicht permanent selbst einleiten, spart so Kraft. Andererseits kann ihm Schröder den Ball aus der Bewegung servieren, sodass Mitchells unmittelbare Verteidiger selbst bereits in Bewegung sind. Das erhöht den Handlungsspielraum.
Zusätzlich hat Atkinson die Möglichkeit, seinen beiden Star-Guards gemeinsam Pausen zu geben und Schröder die Anleitung der Offense zu überlassen. In solchen Fällen spielt er häufig mit Keon Ellis zusammen, mit dem er aus Sacramento nach Cleveland wechselte. Hinzu kommen Schützen wie Sam Merrill, Dean Wade und der wiedergenesene Strus sowie ein Center.
Mit Shooting um ihn herum und Defense an seiner Seite (Ellis, Mobley/Jarrett Allen) kann Schröder seine Geschwindigkeit voll ausspielen, in die Zone ziehen und selbst abschließen oder für Teamkollegen auflegen. In Perfektion funktioniert all das noch nicht. Doch Atkinson, der Schröder aus gemeinsamen Zeiten in den Atlanta kennt, probiert vieles aus und möchte die neuen Gelegenheit bestmöglich nutzen.
Schwierig ist das, weil eigentlich permanent jemand verletzt ist. Harden, Mitchell, Allen und Mobley standen bislang beispielsweise erst 36 Minuten gemeinsam auf dem Feld. Mit Allen hatte Schröder wegen dessen Verletzung im März bislang nur wenige Minuten, mit Mitchell und Mobley zusammen immerhin 60, mit Harden und Mobley 37 absolviert. Vieles ist noch in der Entstehung. Was gut zwei Wochen vor Playoff-Start natürlich keine optimale Situation schafft.
Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente, die illustrieren, was möglich ist. Wo Schröder nuanciert dem Team geben kann, was es gerade braucht. Beim Sieg gegen Detroit, die aktuelle Nummer eins im Osten, Anfang März zog der Weltmeister von 2023 im dritten Viertel aggressiv zum Korb und verdiente sich an der Freiwurflinie den Extrapunkt.
Während der finalen 1,5 Minuten verteidigte Schröder erst Pistons-Center Jalen Duren, um danach schnell umzuschalten und Clevelands Vorsprung gegen Tobias Harris auf fünf Punkte auszubauen. Überhaupt ist Geschwindigkeit ein zentraler Aspekt. Sowohl mit Ball als auch im Kopf.

Gegen Orlando erkannte Schröder nach Punkten von Moritz Wagner, dass Mobley der Magic-Defense davon gesprintet war. Ein schneller Pass, und Clevelands Big musste den Ball nur noch durch den Ring legen. Einen zusätzlichen Point Guard zu haben, der das Spiel lesen, schnelle Entscheidungen treffen kann, schafft Möglichkeiten. Auch, wenn Schröder auf dem Flügel den Ball bekommt und schnell weiter bewegt, damit die gesamte Offense in Bewegung bleibt.
Dort kann er mit Mitspielern zudem kleine Inseln kreieren, auf denen sie sich gegenseitig gute Wurfgelegenheiten erschaffen. All das erscheint dann nicht zwingt im Spielberichtsbogen, ist aber ungemein wichtig - und kann in den Playoffs noch wichtiger werden. Zumal Schröder, der DBB kennt es, seine Mitspieler auch ohne Superstarstatus anleitet.
Thomas Bryant gab er gegen die Magic nach einem Play ein paar Tipps mit auf den Weg. Und auch sonst spricht Schröder immer wieder und regelmäßig. Für ein Team, das in der Vergangenheit eher ruhig daher kam, das im Ruf steht, sich seinem Schicksal hin und wieder zu schnell zu fügen, ungemein wertvoll.
Gleichzeitig prangerte Atkinson kürzlich den Mangel an Kommunikation an. Gerade in der Defense; wo der Coach grundsätzlich Nachholbedarf sieht. "Ich hab dem Team gerade im Locker Room gesagt, dass wir einen kurzes Playoff-Abenteuer haben werden, wenn wir so verteidigen", berichtete er nach dem 136:131-Sieg gegen Orlando.
Dabei hat Cleveland eigentlich vieles, was es braucht, um hochwertig zu verteidigen: zwei Ringbeschützer (Allen und Mobley), von denen einer auch im Raum kleinere Gegenspieler verteidigen kann (Mobley). Vielseitige Flügel (Wade, Strus, Jaylon Tyson), dazu aggressive Defender am Ball, zu denen neben Ellis auch Schröder zählt.
Wie unangenehm er gerade in den Playoffs sein kann, demonstrierte der EuroBasket-MVP in den Playoffs 2025, als er für Detroit Jalen Brunson intensiv bearbeitete. Mit Mobley und Allen dahinter kann sich Schröder theoretisch sogar noch ein bisschen mehr ausleben, mehr Druck machen, im Verbund mit Ellis Gegenspieler jagen, um danach in Passwege zu springen.
Bekommen es die Cavaliers bis zu den Playoffs hin, können sie eine gute Postseason-Defense stellen. Auch wegen Schröder, der seine Fähigkeiten und seinen defensiven Wert auch jetzt bereits situativ beweist. Wenngleich es sich (noch) nicht in Zahlen niederschlägt. Am Ende finden sich weiterhin positive Ansätze, gleichzeitig Raum für Verbesserung. Perfekt läuft es längst nicht. Besser als seine Zahlen ist Schröder in Cleveland allerdings jetzt schon…
Max Marbeiter