vor 5 Stunden
Nur ein Dreier beim Zittersieg
Beim 55:52 gegen Italien ist Team USA gerade noch einmal davongekommen. Der Topfavorit bewies zwar, dass er selbst an einem katastrophalen Wurftag gewinnen kann - legte dabei aber eine Schwäche offen, die im weiteren Turnierverlauf noch bestraft werden könnte.

Schon gegen China benötigten die Amerikanerinnen einige Minuten, um offensiv ins Rollen zu kommen. Damals lösten mehrere Dreier in Serie den Knoten, am Ende standen zwölf Treffer von außen. Gegen Italien blieb dieser Befreiungsschlag aus: Nur einer von zwölf Distanzwürfen fiel. Plötzlich wirkte das sonst so übermächtige Starensemble erstaunlich gewöhnlich.
Die Probleme beschränkten sich nicht auf die Dreierlinie. Team USA traf insgesamt nur 28,6 Prozent aus dem Feld und verwandelte innerhalb der Dreierlinie gerade einmal 15 von 44 Versuchen. Caitlin Clark, Kahleah Copper und Breanna Stewart kamen zusammen auf einen erfolgreichen Feldwurf bei 19 Versuchen. Im Halbfeld fehlten phasenweise Bewegung, Geduld und eine klare Idee gegen die italienische Zone.
"Italien hat uns das Spiel wirklich unangenehm gemacht und es uns schwer gemacht, zu punkten", räumte Stewart ein. Die erfahrene Führungsspielerin traf selbst nur einen ihrer neun Würfe - ausgerechnet ihr später Treffer brachte die USA in der Schlussphase wieder nach vorne. "Ich war bis zum Ende null von was auch immer. Aber als gute Basketballspielerinnen müssen wir einfach weiterwerfen."
Italien lieferte damit zumindest eine mögliche Blaupause. Der EM-Dritte wechselte zwischen Zone, unterschiedlichen Zuordnungen und Switches, störte die Passwege und verhinderte, dass die USA ihren bevorzugten Rhythmus fanden. "Wenn sie erst einmal in ihren Rhythmus kommen, sind sie kaum zu stoppen. Deshalb wollten wir genau diesen Rhythmus brechen", erklärte die italienische Starspielerin Cecilia Zandalasini. In der letzten Sekunde hatte Italien sogar noch den Wurf zum Ausgleich.
Gerettet wurden die USA von ihrer Defensive. Sie erzwangen 18 Ballverluste, erzielten daraus 16 Punkte und hielten Italien bei 52 Zählern. "Uns war klar, dass wir unsere Energie und unseren Einsatz steigern mussten, besonders in der Defensive", sagte die US-Topscorerin Jackie Young im Gespräch mit basketball-world.news. "Manchmal trifft man seine Würfe, manchmal eben nicht. Aber wir müssen zu jeder Zeit mit voller Intensität spielen."
Für Kara Lawson war genau das der positive Kern dieses Abends. "Selbst wenn wir nur 29 Prozent in der Zone treffen, haben wir genug, um zu gewinnen. Wir sind widerstandsfähig genug, um auf unterschiedliche Arten zu gewinnen. Das ist Qualität", sagte die US-Trainerin. Gegen Italien stimmte das. Ob 55 Punkte und ein einziger Dreier aber auch gegen Frankreich oder einen anderen Titelanwärter reichen würden, ist eine ganz andere Frage.

Denn ein stärkerer Gegner könnte jene offenen Würfe treffen, die Italien liegen ließ, und die amerikanischen Offensivprobleme konsequenter bestrafen. Die USA bleiben wegen ihrer individuellen Qualität und enormen Tiefe der klare WM-Favorit. Unverwundbar sind sie jedoch nicht. Fällt der Distanzwurf erneut aus und findet die Mannschaft im Halbfeld keine Lösungen, ist eine Niederlage keineswegs ausgeschlossen.
Young wertete die Beinahe-Pleite deshalb als wertvollen Weckruf. "Wir sind eine neue Gruppe, spielen mit vielen neuen Mitspielerinnen und in ungewohnten Aufstellungen. Wir versuchen noch herauszufinden, was funktioniert", erklärte sie.
Auch die Umstellung auf den internationalen Basketball ist noch nicht abgeschlossen. Auf die Frage, ob sie sich weiterhin an die FIBA-Regeln und die Spielweise gewöhnen müsse, antwortete Young: "Ja - und auch an den Ball. Wir haben aber noch ein paar Spiele. Das wird schon werden." Lawson formulierte das Ziel passend dazu: Team USA wolle sich im Verlauf dieser WM stärker verbessern als jede andere Mannschaft. Nach dem Italien-Spiel ist klar, weshalb das notwendig ist. Die Amerikanerinnen sind noch längst nicht bei ihrem besten Basketball angekommen - doch genau das dürfte der Konkurrenz zugleich Hoffnung und Sorge bereiten.
Sam Müller