03.04.2025
Die neuen Gesichter der NBA
Das Christmas Game zwischen den Warriors und Lakers bescherte der NBA Quoten wie lange nicht. Auch in ihren späten 30ern und frühen 40ern ziehen Steph Curry und LeBron James wie sonst niemand. Doch was passiert, wenn die beiden aufhören? Wer könnte die Liga in den kommenden Jahren prägen, Massen mobilisieren? Eine vorläufige Auswahl…

Theoretisch hat Shai alles, angefangen mit einem Spitznamen, verpackt als Akronym, als Versprechen für Basketball jenseits jeglicher körperlicher Beweglichkeitsgrenzen. SGAs Stil ist einzigartig. Kaum einer biegt seine Gelenke so weit, um Verteidiger mittels Hesitation-Dribbles oder Finten in die falsche Richtung zu locken. Kaum einer kommt schneller zum Stilstand, um unmittelbar zu beschleunigen oder zum Wurf hochzugehen. Shai tanzt sich durch Defenses. Dazu kommt die Effizienz. Was auch immer sich die Defense ausdenkt, Gilgeous-Alexander bleibt entspannt. Während er Defenses filetiert, wirkt er dabei, als stünde er über den Dingen. Er strahlt maximale Gelassenheit aus, während er jegliches Problem zu lösen scheint. Ein Mr. Wolf der Neuzeit.
Dazu trägt er sein Team gerade zur besten Bilanz der Liga, zusätzlich in die Nähe des besten Net Ratings aller Zeiten. Shais Saison ist besonders, gleichzeitig kein Ausrutscher. Über die Jahre verbesserte er sich stetig, gewinnt nun womöglich seinen ersten MVP Award, ein paar Wochen später eventuell seinen ersten Titel. Zum Sportlichen kommt das Optische. SGA mag Mode, prägt seinen eigenen Stil. Er hat Charisma, jedoch eher das eines Weisen, denn das eines Entertainers. Shai spricht leise, ruhig, bedacht, nicht laut, mit verbalisierter Wucht. Das schadet seiner Kandidatur etwas. Zumal einige sein Spiel als zu methodisch, zu sehr auf den Freiwurf konzentriert betrachten - wobei Gilgeous-Alexander auch Topscorer der Liga wäre, striche man Freebies aus der Wertung. Wahrscheinlich hätte die Liga nichts gegen einen US-Amerikaner. Ansonsten ist SGA ein hervorragender Kandidat.
ANT grinste, provozierte und dominierte sich durch die ersten beiden Playoff-Runden 2024. Angesichts seiner Fußarbeit und seines Midrange-Games mit Hang zum Fadeaway kamen sogar Jordan-Vergleiche auf. Bildete Edwards’ Charisma eine Kette, sie genügte, um alle 1000 Seen Minnesotas mehrfach zu umrunden. Teilweise spricht er schneller, als er in dieser Saison zum Dreier hochsteigt. Verbale Konfrontationen scheut er nicht, er füllt sie mit neuem Leben: als wandelte Kevin Garnetts Geist noch durch die Gänge des Target Centers und schlüpfte Nacht für Nacht in Edwards.
Gleichzeitig ist die Schwelle zwischen Schlagfertigkeit und Arroganz schmal. So schmal, dass ANT regelmäßig zwischen den Welten wandelt. Selbst Barack Obama konfrontierte er vor den Olympischen Spielen mit seinem endlosen Selbstbewusstsein. Schwierig ist die private Situation. Berichten zufolge hat Edwards vier Kinder von vier Frauen, steckt in Gerichtsverfahren zur Klärung von Vaterschaft und Unterhaltszahlung. Privates geht einerseits vor allem die Beteiligten an, andererseits könnte die Liga Einwände haben, sobald derlei Berichte an die Öffentlichkeit dringen.
Die besten Europäer in den größten Märkten. Giannis’ Traum könnte auch seinen Case als Gesicht der Liga begünstigen. Milwaukee führte er zwar erstmals seit Kareem Abdul-Jabbar zur Meisterschaft. Seither hängen die Bucks allerdings etwas fest. Verletzungen. Das Alter. Mangelnde Flexibilität. Egal wie gut Giannis spielt, am Ende reicht es nicht. Dabei zählt Antetokounmpo weiter zu den unaufhaltsamsten Gewalten der Liga. Giannis dominiert, peinigt Gegner beinahe. Als permanenter MVP-Kandidat hat er durchaus Anspruch auf den Olymp. Zumal auch die Ausstrahlung stimmt. Gleichzeitig sucht die NBA nach der nächsten Generation. Giannis ist bereits 30. Viel Zeit bliebe also nicht.

Es lässt sich durchaus argumentieren, dass es die NBA verpasst hat, Jokic wirklich zu pushen. Nicht, dass der großes Interesse am Rampenlicht hätte. Die Mischung aus Süffisanz, Ironie, schwammiger Bewegung, messerscharfem Basketballverstand und Pässen, die sich nur ein Genie ausdenken kann, die neue Vorstellungen vom Möglichen schaffen, ließe sich sicher vermarkten. Mittlerweile ist es wohl zu spät. Jokic ist der, der immer wieder zaubert, der fast schon zu gut und damit irgendwie langweilig ist. Denver als Markt hilft nicht. Wenngleich Jokic und Jamal Murray zu den unterhaltsamsten Offensivduos der Liga zählen - und Aaron Gordon regelmäßig Flugeinlagen beisteuert. Im League Office entschied man sich anders. Jokic mag der beste Spieler der Liga sein, die NBA anführen möchte und wird er wohl auch nicht.
All die Aussagen, dieser oder jener habe dieses oder jenes, Jayson Tatum habe in der Netflix-Doku Starting 5 dagegen nur gesagt, dass er das Spiel und seine Mutter liebe, gehen ein Stück zu weit. Tatum mag nicht das Charisma eines Edwards haben, im Gegenteil, sogar zurückhaltend sein. Ihm aus der Distanz einen Mangel an Persönlichkeit zu unterstellen, funktioniert dennoch nur bedingt. Auf dem Feld wischt Tatum die Zweifel mittlerweile ohnehin größtenteils weg. Es gibt immer noch Phasen, in denen er sein Stück zu leise spielt.
Gleichzeitig tritt er in dieser Saison, im Jahr nach Titel Nummer eins, kompromissloser, nachdrücklicher auf. Regelmäßig dreht er Spiele in seine Richtung, postet gnadenlos auf, überpowert Gegenspieler. Tatum dominiert wie einer, der sich seines Status’ bewusst ist, der weiß, dass er zur absoluten Elite zählt. So sehr Urteile über seine Persönlichkeit zu weit gehen, womöglich strahlt er am Ende dennoch etwas weniger hell als Edwards, SGA oder Wembanyma.
Vor dem Draft 2021 galt Cade Cunningham als sicheres Ding, als zukünftiger Superstar. Drei komplizierte erste Jahre setzen mittelgroße Fragezeichen hinter die Rechnung - die in dieser Saison deutlich schrumpften. Cade führt die Wiedergeburt der Pistons an, wurde erstmals All Star und tut auch sonst Dinge, die Superstars nun mal tun.
Er schultert Detroit Offense und prägt sie durch seinen ganz eigenen Stil. Auch Cade geht methodisch vor, spielt nach seinem persönlichen Tempo, explodiert nicht und dominiert dennoch. Als Guard unter anderem aus dem Post heraus. Zudem setzt er seine Mitspieler ein, gilt zudem als umgänglich und guter Teamkollege. Entscheidend wird natürlich, wie weit Detroits Aufstieg nach oben führt.

Fitnessvideos muss Luka nicht verkaufen. Er soll die Liga prägen, und dafür stehen die Voraussetzungen nicht allzu schlecht. Dass er Teams schultern, in die Finals führen kann, bewies er in Dallas. Nun spielt Doncic auf der hellsten Bühne der NBA. Allein das dürfte seinen Status maximal pushen. Zumal Luka dieses Unvermeidliche ausstrahlt, diese an Arroganz grenzende Selbstsicherheit, die Situation im Zweifel eben doch im Griff zu haben.
Die Suns denken sicherlich gern an die kurzzeitige Führung 3-2-Führung während der 2022er Playoffs zurück. "Jeder kann groß reden, wenn er führt", sagte Luka und gewann die nächsten beiden Spiele, legte einmal 33, einmal 35 Punkte auf. Doncic wusste, dass er besser war und bewies es. Dass ihm der Makel anhaftet, physisch abseits des Courts nicht alles zu geben, mag ein Dämpfer sein. Gleichzeitig lebte auch Larry Bird nicht im Fitnesstempel. Einer der besten Spieler bei der vielleicht größten Franchise. Luka dürfte die Liga über Jahre prägen.
Blicken wir in einigen Jahren zurück, stellt sich die Frage vielleicht gar nicht mehr. Richtung Karriereende erweitern wir die die halboffizielle GOAT-Diskussion dann vielleicht um einen dritten Namen. So gut kann Wemby sein. So gut ist er bereits jetzt. Nach langsamem Saisonstart lernte er offensiv in Jahr zwei nahezu minütlich. Gleichzeitig ist sein defensiver Einfluss schon heute größer als alles, was schonmal da war. In wenigen Jahren dürfte Wemby zu den besten drei Spielern der Liga zählen.
Sofern der Körper mitmacht. Das Blutgerinnsel in der Schulter bereitet Sorgen. Gleichzeitig muss es keine langfristigen Folgen haben. Lange Spieler begleitet zudem immer Skepsis, was ihre Langlebigkeit betrifft. Wembanyama unternimmt jedoch alles, um seinen Körper auf maximale Belastbarkeit zu trimmen. Laut mag Wemby nicht sein, dafür ist er umso umgänglicher und wissbegierig. Selbst vor dem All-Star Game las er, wie vor jedem Spiel, ein Buch. Vermarktbar wäre Wemby also sicherlich. Als Europäer hat er gleichzeitig Nachteile gegenüber der Konkurrenz. Jedenfalls auf dem amerikanischen Markt.
Lächelt Tyrese Haliburton, nimmt er den gesamten Raum mit. Sein Charisma prädestiniert Indianas Point Guard für die erste Reihe der nahen und mittelfristigen Zukunft. Wie sehr sein Spiel die Persönlichkeit widerspiegelt, illustrieren vor allem die ersten Wochen der Saison 2023/24. Damals orchestrierte Haliburton die Pacers-Offense mit so viel Flair und Freude, dass sich Adam Silver im Ligabüro spontan einen Feiertropfen geöffnet haben dürfte. Es folgte eine Verletzung, ein Einbruch, eine Olympiamedaille ohne großen Einsatz, danach ein komplizierter Saisonstart.
Beinahe geriet Haliburton ein wenig in Vergessenheit. Dass er längst wieder auf ähnlichem Niveau unterwegs ist wie im Herbst 2023, die Liga größtenteils über andere Namen spricht, erklärt die Schwierigkeit. Zwar trägt Indianapolis seinen Spitznamen "Naptown" nicht, weil die Stadt aus Mangel an aufregendem Angebot permanent zum spontanen Nap animiert - vielmehr betonten Indianapolis’ Jazz-Musiker der 1920er die vierte Silbe -, häufig spielen die Pacers dennoch abseits des großen Spotlights. Vielleicht ändert sich das, sollten sie erneut in die Conference Finals einziehen. Schwierig, aber nicht vollends unmöglich. So oder so vereint Haliburton drei wichtige Faktoren: Er ist Amerikaner, pflegt seinen ganz eigenen Stil und unterfüttert ihn mit maximalem Charisma.
Max Marbeiter