vor 10 Stunden
Eine neue Ära in der NBA
Auch die Oklahoma City Thunder können ihren Titel nicht verteidigen. Die NBA erlebt ein Zeitalter nicht gekannter Parität. Es ist die logische Konsequenz der Entwicklung der Liga und dürfte sich auch nicht so schnell ändern.

Wo sind sie nur hin, die Dynastien, die seit Beginn der Liga in den 50ern das Erscheinungsbild der Association prägten? Die frühen Mikan-Lakers, die Russell-Celtics, die Showtime-Lakers, die Celtics um Larry Bird, Michael Jordans Bulls, die ShaKobe-Lakers, Tim Duncans ewige Spurs, LeBron James (Miami und Cleveland) oder zuletzt die Warriors um Stephen Curry - keine Liga steht so sehr für Dynastien wie die NBA. Zumindest war das mal so.
Zeiten ändern sich, auch die Uhr in der NBA tickt inzwischen anders. Seit den Warriors 2018 konnte kein Team seinen Titel verteidigen, es siegten Toronto, die Lakers, Milwaukee, Golden State, Denver, Boston, OKC und jetzt eben New York oder San Antonio. Kein einziges Team erreichte in diesem Zeitraum mehr als zweimal die Finals, mit Ausnahme der Warriors und Thunder scheiterte die Titelverteidigung spätestens in Runde zwei.
Anomalie oder Trend? Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte, allerdings sind die Voraussetzungen so schwer wie noch nie konstant an der Spitze zu bleiben. Können das zum Beispiel die Spurs ändern? Möglich, schließlich könnten die Playoffs bereits die Wachlösung gewesen sein und Victor Wembanyama (22) wird das kommende Jahrzehnt dominieren. Die größten Stars garantieren historisch gesehen Erfolg, siehe Bill Russell, Kareem Abdul-Jabbar, Magic Johnson, Bird, Jordan, Duncan, Kobe Bryant oder zuletzt LeBron und Curry.
| Jahr | Champion | Folgejahr |
|---|---|---|
| 2026 | San Antonio oder New York | tba |
| 2025 | Oklahoma City Thunder | Aus in den Western Conference Finals |
| 2024 | Boston Celtics | Aus in der ersten Runde |
| 2023 | Denver Nuggets | Aus in den Western Conference Semifinals |
| 2022 | Golden State Warriors | Aus in den Western Conference Semifinals |
| 2021 | Milwaukee Bucks | Aus in den Eastern Conference Semifinals |
| 2020 | Los Angeles Lakers | Aus in der ersten Runde |
| 2019 | Toronto Raptors | Aus in den Eastern Conference Semifinals |
| 2018 | Golden State Warriors | NBA Finals verloren |
Was das Talent betrifft, muss sich der Franzose vor diesen Namen nicht verstecken. Die Zeit wird zeigen, ob er und wie lange er der Liga seinen Stempel aufdrücken wird. Doch selbst das ist heutzutage keine Garantie für Erfolg mehr. Moderne Superstars wie Giannis Antetokounmpo oder Nikola Jokic haben erst einen Ring - trotz ihrer zahlreichen individuellen Erfolge.
Nein, Star-Power ist zwar eine Grundbedingung für den Einzug ins gelobte Land, doch ein vielzitiertes Klischee ist wahrer denn je: "Es ist hart an die Spitze zu kommen, aber noch härter, doch zu verbleiben." Vor allem in dieser Ära, wo wir auf drei Faktoren blicken wollen, die es heutzutage so viel schwerer machen.
Dies ist der offensichtliche Hebel der NBA. Die Liga hat über die Jahre immer mehr Mechanismen eingebaut, um Finanzkraft einzuschränken. Ein Beispiel: In der Saison 1997/98, also Jordans letzter Saison für die Bulls, betrug der Salary Cap gerade einmal 26,9 Millionen Dollar. MJ bekam für die Saison 33 Millionen, mehr als 19 andere Teams für ihren Kader zusammengerechnet bezahlten. Heutzutage unmöglich.
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Früher oder später wird ein Team schlichtweg zu teuer, wenn alle Stars bezahlt werden müssen. Eine simple Rechnung: Ein absoluter Superstar (z.B. Curry) kann bis zu 35 Prozent des Caps fordern, sodass zwei Stars zusammen schon die Hälfte des verfügbaren Geldes verschlingen. Ähnliche Probleme könnten die OKC Thunder bekommen, Shai Gilgeous-Alexander tritt 2027 seinen Supermax-Vertrag an (35 Prozent des Caps), Jalen Williams und Chet Holmgren bekommen ab der neuen Saison einen Maximalvertrag (25 Prozent).
Vor nicht allzu langer Zeit war das nur bedingt ein Problem, solange der Besitzer bereit war, die Luxussteuer obendrauf zu zahlen. Die L.A. Clippers (Microsoft-Mitgründer Steve Ballmer), die Golden State Warriors (sie besitzen ihre Halle und drucken so Geld) oder auch die Cleveland Cavaliers (All-In wegen LeBron) zahlten gerne die Luxussteuer, weil es für sie trotzdem lohnte oder sie wie im Falle von Ballmer so stinkreich waren, dass es keine Rolle spielte.
Die NBA ist aber im Umfeld des Turbo-Kapitalismus eher ein Sozialstaat, wo alle die gleichen Chancen bekommen sollen. Völlig utopisch, aber mit der Einführung von First und Second Apron gibt es für zu teure Teams nicht nur finanziellen Strafen, sondern auch materielle.
Draft-Picks können eingefroren werden, Trades limitiert werden und weitere kleine Kniffe. So nützt auch die finanzielle Power wenig, wenn man kaum mehr ein funktionales Team bauen kann. Auch deswegen riss Boston ein Jahr nach seiner Meisterschaft die halbe Mannschaft auseinander, um nicht in diesen Strudel zu geraten.
Früher oder später wird auch San Antonio das blühen (vermutlich ca. 2028), bei den Knicks ist es ebenfalls ein Drahtseilakt. Sie profitierten aber massiv davon, dass Jalen Brunson auf rund 113 Millionen Dollar über mehrere Jahre verzichtete.

Ein anderer Aspekt ist die Liga selbst. Angefangen mit der Big Three der Miami Heat um LeBron haben Spieler deutlich mehr Macht als noch ihre Vorgänger. Zwar sind die großen Jahre der Free Agency vorbei, weil die NBA die Regeln für vorzeitige Vertragsverlängerungen extrem lockerte, doch dafür verschieben sich die meisten Transaktionen zur Trade Deadline im Februar.
Während es bis Ende der 80er quasi keine Free Agency gab (damals konnte ein Team einen Wechsel blockieren, obwohl der Vertrag ausgelaufen war), nahm das Personalkarussell erst in den 90ern langsam Fahrt. Man nehme die Utah Jazz. Diese versuchten es mit Karl Malone und John Stockton zwölf Jahre lang, bis sie endlich die NBA Finals erreichten.
So etwas ist heutzutage auch aufgrund des öffentlichen Drucks und des Ehrgeizes der Spieler undenkbar (auch hier spielt wieder der Faktor Salary Cap mit herein). Stattdessen wechseln Superstars so oft wie noch nie das Team (man denke hier an James Harden oder Kevin Durant), wodurch die Landschaft immer wieder aufs Neue durchgewirbelt wird.
Gleichzeitig ist Teambuilding schwieriger, selten bleiben Teams für viele Jahre ähnlich. Derzeit sind es fast nur die Warriors (Stephen Curry, Draymond Green), die Denver Nuggets (Nikola Jokic, Jamal Murray) und die Boston Celtics (Jayson Tatum, Jaylen Brown), die ihre Kernspieler seit einem Jahrzehnt beisammen haben.
Automatisierte Abläufe gibt es seltener, vieles muss während der Saison gelernt werden. Zufall, dass drei der vier Teams in den Conference Finals gar nicht (Spurs) oder nur minimal (Knicks, Thunder) etwas machten?

Und dann ist da noch der Faktor Verletzungen. Noch so ein Thema, welches in der vergangenen Dekade für immer mehr Gesprächsstoff sorgte. Bei aller Qualität bringt es am Ende nichts, wenn Stars verletzt fehlen. Die Bucks mussten das mit Antetokounmpo mehrmals schmerzhaft feststellen. Auch OKC fehlte für große Teile der Playoffs in Jalen Williams ein All-Star.
Man kann diese Liste für die vergangenen Jahre beliebig fortsetzen, Verletzungen beeinflussen das Geschehen enorm - und deutlich mehr als noch in der Vergangenheit. Um eines vorwegzunehmen: Nein, früher spielten keine härteren Kerle und das Spiel war "reiner". Das Gegenteil ist der Fall. Jeder ist eingeladen, mal ein x-beliebiges Spiel der Regular Season aus den 80ern oder 90ern anzusehen.
Was auffallen wird: Es wurde auch damals nicht immer mit dem letzten Einsatz verteidigt, nur kriegte es aufgrund des fehlenden Internets kaum einer mit. Dazu ist das Tempo heutzutage viel höher, es gibt kaum noch Post-Play und es muss viel häufiger gesprintet werden.
Coaches wie Steve Kerr mahnen schon seit Jahren, dass die Belastung zu hoch sei und der Spielplan eingedampft werden müsse. Passieren wird das nicht, zu gut verdienen alle Seiten am neuen Deal und außerdem waren es ja schon immer 82 Partien mit einer Spieldauer von 48 Minuten.
Es sorgt aber dafür, dass sich Spieler vermehrt verletzen und im schlimmsten Fall auch in den Playoffs nicht einsatzbereit sind. Besonders hoch ist die Belastung bei Playoff-Teams. Die Thunder haben in den vergangenen drei Saisons im Schnitt rund 100 Spiele absolviert, bei den Celtics sind es knapp 500 Partien über fünf Jahre und damit fast 100 Spiele mehr als die Charlotte Hornets absolviert haben.
Der sogenannte "Grind" ist kein Mythos, er ist real. Selbst das vermutlich beste Team aller Zeiten, die Warriors mit Curry und Durant, gingen in ihrem letzten Jahr nur noch auf dem Zahnfleisch und verloren schließlich KD mit einem Achillessehnenriss.
"Winning is hard" ist also keine Phrase, sondern die Realität in der NBA. Das alles kumuliert darin, dass es seit fast einem Jahrzehnt keine Mannschaft mehr geschafft hat, den Titel zu verteidigen. Möglich ist das, doch nach den Siegen von Denver, Boston und OKC riefen nicht wenige bereits die nächste Dynastie aus, die dann aber nicht kam. Diese Zeiten sind erst einmal vorbei - bis jemand die Welt vom Gegenteil überzeugen kann.
Robert Arndt