vor 13 Stunden
Professionalisierung der Liga stockt
Ausverkaufte Hallen, ein historisches Halbfinale, ein neuer Zuschauerrekord: Die Heim-WM hat den deutschen Frauenbasketball in neue Sphären katapultiert, die die eigene Liga so nie erlebt hat. Seit Anfang Oktober läuft die neue Saison in der 1. DBBL - mit nur zehn Teams, weiter holprigen Standards und der bangen Frage, ob von der Euphorie überhaupt etwas hängen bleibt.

Zwölf Tage lang war Berlin die Hauptstadt des Weltbasketballs. Über 236.000 Fans besuchten das Turnier und stellten damit einen neuen Zuschauerrekord für eine Frauen-Basketball-WM auf, mit im Schnitt mehr als 6.500 Zuschauern pro Spiel. Die deutsche Mannschaft von Bundestrainer Olaf Lange zog erstmals ins Halbfinale ein, ehe sie dort mit 64:86 gegen Frankreich verlor - trotzdem die beste WM-Platzierung der Verbandsgeschichte. Für einen Sport, der in Deutschland traditionell im Schatten der Männer steht, war das ein Ausnahmezustand.
Und jetzt? Jetzt beginnt wieder der Ligaalltag. Ab dem 4. Oktober springt in der 1. DBBL wieder der Ball durch die Hallen und zeigt eine Liga, deren Kontrast zur leuchtenden WM kaum größer sein könnte. Trotz Expansionsplänen gehen auch in der kommenden Saison lediglich zehn Teams an den Start. "Im weiblichen Bereich haben wir, glaube ich, sehr viel Nachholbedarf", meint auch der neue DBB-Vize Mithat Demirel im Gespräch mit basketball-world.news.
Was Demirel meint, ist insbesondere die fehlende langfristige Strategie auf Klubebene: In etlichen Vereinen genieße die Jugendarbeit im Frauenbereich nicht dieselbe Priorität wie anderswo. Dazu stagniert die Professionalisierung seit Jahren; sogar die Einführung ordentlicher Hallenböden oder von LED-Werbebanden führt zu Streitpunkten.
So hatten sich die DBBL-Klubs bereits vor einigen Jahren auf diverse Lizenzierungsstandards geeinigt, die die Liga vorantreiben sollten. Geändert haben sich die Probleme dadurch allerdings nicht. Immer noch halten sich einige derselben Vereine nicht an alle eigens auferlegte Vorgaben. So paradox es klingen mag: Es sind die Klubs selbst, die bei der Professionalisierung teilweise noch auf die Bremse treten.
Überzeugungsarbeit soll DBBL-Chefin Ireti Amojo leisten. "Ich finde es super, dass Ireti jetzt da ist", sagt Demirel über die frühere Nationalspielerin, die seit März an der Ligaspitze steht und für mehr Austausch mit den Vereinen sorgen soll. "Es gibt viele Verbesserungsmöglichkeiten. Wie gewillt alle sind, dabei mitzuziehen, das kann ich aber noch nicht abschließend einschätzen."

Wie schnell sich in Deutschland etwas bewegen kann, wenn Wille und Ressourcen tatsächlich zusammenkommen, zeigt das Beispiel Alba Berlin, das 2022 erstmals in die 1. DBBL aufstieg und sich 2024 prompt den Meistertitel sicherte. "Das ist natürlich nicht an allen Standorten so möglich, aber in welcher Geschwindigkeit das entstanden ist, wenn Infrastruktur und Aufwand vorhanden sind, ist schon echt krass."
Dass das Alba-Rezept nicht auf jeden Standort anwendbar ist, begründet sich freilich allein schon durch die Größe. Weniger relevant sind die kleineren Städte deshalb aber keinesfalls: „Man muss versuchen, alle, soweit es geht, zu unterstützen. Je mehr Möglichkeiten es gibt, je mehr Klubs es gibt, desto mehr Mädchen können wir für den Sport langfristig begeistern."
Heißt: Zum langfristigen Wachstum braucht es nicht nur strukturelle Professionalisierung, sondern auch ein breites Grundgerüst aus Jugendarbeit.
Der Basketballboom der vergangenen Jahre führte bereits zu einem kleinen Ansturm auf die Vereine, die diesen dann aber kaum zu bewältigen wussten. Denn wachsende Vereine allein nützen wenig, wenn niemand da ist, der die Mädchen trainiert. Hier setzt eines der ältesten DBB-Programme an, das seit Kurzem auch offiziell mit der DBBL verzahnt ist. "Die Minitrainer-Offensive", erklärt Demirel. "Es wurden seit 2021 circa 1.500 Minitrainer-Zertifikate an Neueinsteiger oder Trainer aus anderen Bereichen vergeben. Das gilt als eines der besten Ausbildungsprogramme in ganz Europa“ und soll nun auch den Frauenbereich nachhaltig stärken.
Bereits in den vergangenen Jahren habe der DBB einige Erfolge feiern können. So sei laut Demirel das Einstiegsalter junger Basketballer(innen) von elf auf sieben Jahre gesenkt worden. Auch der Gesamtanteil von Mädchen zu Jungen sei gestiegen: "Wir sind inzwischen bei circa 25 bis 30 Prozent. Der Wert ist bereits gestiegen, dennoch können und müssen wir da auch noch mehr machen, um Mädchen den Zugang zu vereinfachen."
Dabei helfen sollen Kampagnen wie "Her World, Her Rules" und dem selbst ausgerufenen "Jahrzehnt des Frauenbasketballs". "Wichtig ist, dass wir dieses aktuelle Hoch, diese Atmosphäre, dieses Momentum mitnehmen und für die Zukunft nutzen - in allen Bereichen, aber insbesondere im Nachwuchs."
Ob das gelingt, wird sich nicht in Berlin entscheiden, sondern in Hallen wie Nördlingen, wo die DBBL-Saison mit dem Duell gegen Titelverteidiger Rutronik Stars Keltern eröffnet wird. Die DBBL tritt, dank der Erfolge des DBB-Teams ihre neue Saison mit mehr Aufmerksamkeit an als je zuvor an. Was sie daraus macht, liegt jetzt an ihr selbst.
Julius Ostendorf