vor 15 Stunden
Frauen-Bundesliga international abgehängt
Während die deutsche Nationalmannschaft vor der Heim-WM von einer Medaille träumt, kämpft die Bundesliga mit semiprofessionellen Bedingungen, fehlender internationaler Konkurrenzfähigkeit und der Abwanderung ihrer Spielerinnen. Marlies Askamp, Lina Sontag und Ireti Amojo erklären im Gespräch mit basketball-world.news, wo die Probleme liegen und wie die Liga reagieren will.

Es gibt eine Zahl, die den Zustand des deutschen Frauenbasketballs auf Vereinsebene schonungslos beschreibt: null. Unter den 24 Klubs aus elf Verbänden, die für die EuroLeague Women 2026/27 gemeldet sind, befindet sich kein deutscher. International beschränkt sich die Präsenz der DBBL damit weiterhin auf den zweitklassigen EuroCup.
Meister Keltern und ALBA Berlin stehen dort direkt in der Gruppenphase, die Saarlouis Royals müssen in die Qualifikation. Deutsche Vereine sind in Europa also nicht unsichtbar, von dessen Spitze aber weit entfernt.
Wie groß der Abstand geworden ist, zeigt der Blick zurück. DJK Agon 08 Düsseldorf stand 1983 und 1986 im Finale des damaligen Europapokals der Landesmeister. Den Höhepunkt markierte Wuppertal: 1996 gewann GoldZack mit 76:62 gegen Como Europas wichtigsten Titel, ein Jahr später erreichte der Klub erneut das Endspiel. Marlies Askamp gehörte zu dieser Mannschaft. Seit den frühen 2000er-Jahren ist die deutsche Spur im höchsten europäischen Wettbewerb jedoch verschwunden. Während Vereine aus Frankreich, Spanien, Italien, Tschechien und vor allem der Türkei sportlich und wirtschaftlich neue Maßstäbe setzten, verlor die DBBL den Anschluss. Die drei deutschen EuroCup-Meldungen sind deshalb ein positives Signal, aber noch keine Rückkehr in Europas Elite.
Dieser Niedergang wirkt umso auffälliger, weil die Nationalmannschaft über eine außergewöhnliche Generation verfügt. Satou und Nyara Sabally, Leonie Fiebich und Luisa Geiselsöder stehen für eine Qualität, die dem deutschen Frauenbasketball vor wenigen Jahren kaum zugetraut worden wäre. Doch die Bundesliga war nicht das Zentrum dieses Aufstiegs. Die Sabally-Schwestern gingen früh in die USA, Fiebich entwickelte sich über Frankreich und Spanien bis in die WNBA. Auch Lina Sontag verbrachte zwei Jahre an der UCLA und wechselt nach ihrer Rückkehr in die DBBL nun nach Spanien. Darin steckt das zentrale Paradox: Deutschland besitzt internationale Spitzenspielerinnen, kann ihnen in seiner höchsten Liga aber häufig nicht die besten Bedingungen für ihre Karriere bieten.

Askamp sieht ein weiteres Spannungsfeld. Obwohl die DBBL international nicht zur Spitze gehört, erhalten junge deutsche Spielerinnen bei manchen Vereinen trotzdem wenig Einsatzzeit. "In vielen Teams spielen vor allem zahlreiche Ausländerinnen", sagt die frühere Nationalspielerin. Als Begründung heiße es häufig, die Deutschen seien "entweder nicht gut genug oder - wenn sie gut genug sind - zu teuer".
Internationale Profis sind nicht grundsätzlich das Problem: Sie können die Trainingsqualität erhöhen und die Liga sportlich aufwerten. Entscheidend ist, ob deutsche Spielerinnen daneben eine tatsächliche Rolle bekommen. Askamp nennt Freiburg als Gegenmodell, weil der Verein bewusst auf sie setzt und ihnen Verantwortung überträgt. Dass dieser Weg kurzfristig zulasten der Ergebnisse gehen kann, zeigte die vergangene Saison. Stehen Talente lediglich pro forma im Kader, müsse man sich fragen: "Wie sollen sich diese Spielerinnen entwickeln?"
| Platz | Team | Bilanz |
|---|---|---|
| 1 | Rutronik Stars Keltern | 21-1 |
| 2 | Saarlouis Royals | 16-6 |
| 3 | TK Hannover Luchse | 13-9 |
| 4 | ALBA Berlin | 12-10 |
| 5 | GiroLive Panthers Osnabrück | 11-11 |
| 6 | SYNTAINICS MBC | 11-11 |
| 7 | BC Marburg | 11-11 |
| 8 | Herner TC | 6-16 |
| 9 | Eigner Angels Nördlingen | 6-16 |
| 10 | Eisvögel USC Freiburg | 3-19 |
Lina Sontag beschreibt die finanziellen Folgen aus Sicht einer aktuellen Nationalspielerin. Die DBBL sei "eher semiprofessionell", sagt die 22-Jährige. Manche Spielerinnen können vom Basketball leben, andere studieren oder arbeiten nebenbei, jüngere Akteurinnen erhalten teilweise überhaupt kein Gehalt.
Im Ausland seien die Verdienstmöglichkeiten "im Durchschnitt schon auf jeden Fall besser". Bieten Klubs dort zusätzlich professionellere Bedingungen und eine größere sportliche Rolle, ist der Wechsel für deutsche Spielerinnen folgerichtig. Damit verliert die DBBL gerade jene Akteurinnen, die ihr Niveau steigern und der Liga ein stärkeres deutsches Gesicht geben könnten.
Auch das College ist für bundesligareife Spielerinnen zu einer ernsthaften Konkurrenz geworden. Sontag konnte an der UCLA Basketball und Studium unter professionellen Bedingungen verbinden. "Man hat alles, was man braucht und mehr", sagt sie. Durch NIL-Vereinbarungen können College-Athletinnen inzwischen zusätzlich Geld verdienen.
Die DBBL konkurriert damit nicht nur mit finanzstärkeren europäischen Ligen, sondern mit einem System, das sportliche Entwicklung, Ausbildung und wirtschaftliche Möglichkeiten miteinander verbindet. In Deutschland muss eine Spielerin Studium oder Beruf dagegen häufig selbst um Trainings- und Spielzeiten herum organisieren. Eine Liga, in der manche Akteurinnen Vollprofis sind und andere nebenbei für Prüfungen lernen oder arbeiten, kann diesen Wettbewerb nur schwer gewinnen.
Ireti Amojo, Vorsitzende der AG 1. DBBL, spricht in diesem Zusammenhang von einem "Henne-Ei-Problem". Einerseits stellt sich die Frage, ob deutsche Talente ins Ausland wechseln, weil sie in der Bundesliga zu wenig Spielzeit und keine ausreichende Perspektive erhalten. Andererseits sind viele der besten Spielerinnen bereits am US-College oder in stärkeren europäischen Ligen, bevor sie in der DBBL eine tragende Rolle übernehmen könnten. Askamps Kritik lasse sich deshalb aus Amojos Sicht nicht pauschal auf alle Vereine übertragen. Klubs wie zum Beispiel Berlin, Freiburg und Osnabrück investierten durchaus in die Entwicklung deutscher Spielerinnen.
Gleichzeitig müsse die Bundesliga zu einer "guten und attraktiven Alternative" für deren Entwicklung werden. Es gehe nicht darum, jeden Wechsel zu verhindern. Aber Spielerinnen müssten zumindest die "realistische Möglichkeit haben", in Deutschland zu bleiben und hier eine professionelle Karriere aufzubauen. Amojo nennt Alexandra Wilke als Vorbild: Solche langfristig mit einem Klub verbundenen deutschen Leistungsträgerinnen seien sportlich wertvoll und zugleich "Identifikationsfiguren für das Publikum."
Bevor die Liga ihre Spielerinnen halten kann, muss sie jedoch selbst stabiler werden. Aktuell besteht die erste Bundesliga aus zehn Vereinen. "Wir wollen wieder wachsen", sagt Amojo. Der größte strukturelle Bruch verlaufe zwischen erster und zweiter Bundesliga. Während die Erstligisten gemeinsame Standards beschlossen haben, gelten eine Klasse tiefer keine vergleichbaren Vorgaben. Für einen ambitionierten Zweitligisten bedeutet der Aufstieg deshalb sportlich wie organisatorisch einen enormen Sprung.

Amojo fordert eine gemeinsame Strategie, die Vereine und Spielerinnen schrittweise an die erste Liga heranführt. Gleichzeitig sollen die erreichten Standards dort gefestigt werden. Parkettböden, LED-Banden, einheitlichere Spielfelder, bessere Übertragungen sowie professionellere Geschäftsstellen sollen ein Produkt schaffen, das sich Zuschauern und Sponsoren besser verkaufen lässt.
Gerade kleinere Klubs können diese Anforderungen allerdings nur erfüllen, wenn die Einnahmen mitwachsen. Nach Angaben Amojos werden die Standards deshalb gemeinsam von den Vereinen erarbeitet und über mehrere Jahre eingeführt. So sollen die Klubs Zeit erhalten, ihre Budgets, Partnerschaften und Sponsorengespräche anzupassen.
Trotzdem bleibt das Grundproblem bestehen: Ohne mehr Geld kann die DBBL weder ihre Strukturen ausbauen noch bessere Verträge anbieten oder ihre besten Spielerinnen halten. "Wir müssen das Budget der Liga erhöhen, neue Sponsoren gewinnen und die Vermarktung weiterentwickeln", sagt Amojo. Auch Veranstaltungen wie das Pokal-TOP4 besäßen noch Potenzial. Ihre zentrale Forderung geht jedoch weiter: "Wir brauchen Investoren, die das Potenzial des deutschen Frauenbasketballs erkennen und bereit sind, in seine Zukunft zu investieren."
Die Heim-WM bietet dafür eine seltene Chance. "Die DBBL fliegt bei vielen Menschen komplett unter dem Radar", sagt Sontag. Ein erfolgreiches Turnier könnte Zuschauer dazu bringen, anschließend nach einem Frauenbasketballteam in ihrer eigenen Stadt zu suchen. Dafür dürfe sich die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf WNBA-Stars konzentrieren. Auch Spielerinnen wie Wilke, die seit Jahren in der Bundesliga prägend sind, müssten sichtbar werden.
Amojo nennt die Aufmerksamkeit der WM "wahrscheinlich das Beste, was dem deutschen Frauenbasketball momentan passieren kann". Vertreter der ersten und zweiten Liga wollen in Berlin über Professionalisierung und eine langfristige Strategie sprechen, zugleich sollen neue Partner und Investoren erreicht werden.
Aufmerksamkeit allein repariert keine Liga. Wird sie aber in höhere Einnahmen, professionelle Arbeitsplätze und bessere sportliche Perspektiven übersetzt, könnte die WM den entscheidenden Impuls liefern. Die DBBL muss nicht zurück in das Jahr 1996. Sie braucht aber Bedingungen, unter denen eine Spielerin für eine professionelle Karriere nicht zwangsläufig Deutschland verlassen muss.
Sam Müller