vor 12 Stunden
Nach dem Ball-Trade
Die Charlotte Hornets haben ihr Team in der Offseason transformiert und dabei vor allem Brandon Miller ins Zentrum gerückt. Der 23-Jährige könnte vor einem Breakout-Jahr stehen - dafür muss jedoch einiges richtig laufen.

Die zweite Saisonhälfte 25/26 war wie ein Rausch: Von einem Tag auf den anderen avancierten die Hornets zum It-Team, waren jung, aufregend und sehr erfolgreich, gewannen nach einem 11-23-Start 33 ihrer letzten 48 Spiele, waren eine halbe Saison lang kurzum eins der besten Teams der Liga. Zwar scheiterte Charlotte im Play-In, trotzdem wurde im Vorbeigehen Euphorie geschürt wie seit den frühen 00er Jahren nicht mehr.
Was einerseits nicht viel heißt, bei dieser Franchise, die 2002 zuletzt eine Playoff-Serie gewann und noch nie die Conference Finals erreichte - andererseits wäre es den Hornets kaum zu verübeln gewesen, wenn sie sich im Sommer auf diesem Teil-Erfolg weitestgehend ausgeruht hätten. Es wäre vielleicht sogar naheliegend gewesen, die Perspektive für mehr war ja bereits da.
Charlotte sah das jedoch anders, offensichtlich. Als Reaktion auf die beste Saison seit vielen Jahren gaben die Hornets ihr Gesicht der letzten Jahre ab - LaMelo Ball und seine Popularität wurden nach Minnesota geschickt. Es war offensichtlich, dass das Front Office dem eigenwilligen Guard nicht (mehr) zutraute, das Gesicht einer ambitionierten Franchise zu sein.
Zudem ging man wohl auch davon aus, ein oder zwei bessere Alternativen bereits im Kader zu haben. Etwa Brandon Miller, der neben Top-Rookie Kon Knueppel jetzt automatisch noch mehr in den Fokus rückt. In gewisser Weise ist der Nr.2-Pick von 2023 nun sogar eine der spannendsten Figuren der neuen Spielzeit - und einer ihrer potenziell größten X-Faktoren.
"Ich denke, B Miller kann den Sprung machen. LaMelo ist weg. Er wird eine größere Rolle haben, sollte in der Lage sein, 25-26 Punkte pro Spiel zu machen", sagte NBA-Legende Tracy McGrady kürzlich im Podcast "Cousins" beim Gespräch über mögliche Breakout-Kandidaten. "Ich glaube, das hier sollte das Jahr sein, in dem wir sagen können, dass er ein Franchise-Player wird."
Mit dieser Erwartungshaltung ist T-Mac nicht allein. Viele Experten sehen Miller auch aufgrund des LaMelo-Weggangs als einen Anwärter für einen Durchbruch. Offensichtlich verhält es sich bei den Hornets ganz ähnlich - tatsächlich hat der 23-Jährige ja auch so einige Indizien geliefert, dass es in diesem vierten Jahr wirklich so weit sein könnte.
Miller bringt ein vielversprechendes Gesamtpaket mit. Er ist ein großer Scorer, mit gutem (bisweilen sehr gutem) Wurf, solider Athletik, teamdienlicher Spielweise. Er reboundet gut, ist zwar bis dato kein konstanter Verteidiger, zeigt hier aber zumindest regelmäßig Ansätze. Kurzum ist er ein Allrounder, der nahezu jedes Lineup komplettieren und zusammenfügen kann.
In Jahr drei war er nicht nur der Topscorer des Teams (20,2 Punkte) - der Turnaround des Teams koinzidierte auch sehr direkt mit seiner Rückkehr von einer Schulterverletzung. Als er wieder voll im Saft stand, startete Charlotte durch; 41 Siege holten die Hornets aus 65 Spielen mit ihm, drei (!) aus den restlichen 17. Das Net-Rating mit ihm war um 8 Punkte besser als ohne ihn, der On/Off-Swing klang nach dem Impact eines veritablen Stars.

Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht - und das sehen wohl auch die Hornets so, andernfalls wäre einige Einigung über eine vorzeitige Vertragsverlängerung wie bei seinen Jahrgangskollegen wie Victor Wembanyama oder den Thompson-Zwillingen bereits vermeldet worden.
Berichten zufolge naht diese zwar, den 25-Prozent-Max wird Miller aber ziemlich sicher nicht bekommen (im Raum stehen um die 200 Millionen Dollar über fünf Jahre, was etwa 55 Mio. unter dem Maximum wäre). Was mehrere Gründe hat.
Die Gesundheit einerseits; in seinen drei Jahren hat Miller bisher 8, 55 und 17 Spiele verpasst. Auch in der laufenden Offseason konnte er sich wieder nicht ausschließlich auf Basketball konzentrieren - Anfang Mai wurde er an der Schulter operiert, erst vor rund drei Wochen hat er die Freigabe für Basketball-Aktivitäten erhalten, wie er beim Media Day am Montag sagte.
Dabei hätte es einiges gegeben, woran Miller in der Offseason hätte arbeiten können. Auf Teamebene, schließlich hat sich bei den Hornets nicht nur durch Balls Abgang eine ganze Menge verändert, es gibt mit Dennis Schröder und Christian Anderson unter anderem zwei neue Playmaker und einen fast komplett erneuerten Frontcourt. Aber auch individuell.
Unter Charlottes Startern war Miller 25/26 nicht der größte Unterschiedsspieler in Sachen Net-Rating - das war Ball. Tatsächlich waren die Minuten, die Miller OHNE LaMelo auf dem Court verbrachte, sogar über die Saison gesehen negativ (per Cleaning the Glass: -1,6), was mit dem Fehlen eines adäquaten Ball-Backups vor der Ankunft Coby Whites zu tun hatte, aber auch mit den Dingen, die Miller selbst bisher nicht konstant beherrscht.
Der Swingman ist simpel gesagt kein guter Ballhandler oder Creator von Offense. Unter den 66 Spielern mit mindestens 100 Isolation-Plays rangierte er vergangene Saison auf Platz 61 in Sachen Effizienz. Obwohl er zum Teil spektakuläre Finishes zeigt, ist er kein guter Finisher am Korb. Vor allem schließt er dort für seine Größe viel zu selten ab (im 15. Perzentil für Wings).
Generell ist er bisher kein Spieler, der etwas erzwingen kann, sei es durch Kreativität mit dem Ball oder physisches Durchsetzungsvermögen - gerade letzteres fehlt, weshalb er auch kaum Freiwürfe zieht. Was wiederum schade ist, da er diese fast immer trifft (89,2% von der Linie).
Paradoxerweise war Miller 25/26 trotz exzellenter Dreier (38,3%) - UND Freiwurfquoten unterdurchschnittlich effizient in Sachen True Shooting, weil er - wie immer bisher - keine 50% seiner Zweier im Korb unterbrachte. Womit er ein Stück weit die Zweifel bestätigt, welche viele Draft-Experten schon während seines College-Jahres in Alabama regelmäßig geäußert hatten.

Was nichts daran ändert, dass Miller schon jetzt ein produktiver, guter Spieler ist und weiterhin sein sollte. Was der Vision, dass er ein echter Star oder gar das Gesicht einer Franchise sein könnte, aber doch im Weg steht. Zumindest in einigen Bereichen muss er sich zwingend steigern, zumal er ohne Ball mehr Möglichkeiten und mehr Verantwortung haben sollte.
Die physische Komponente scheint immerhin ein Augenmerk der Offseason gewesen zu sein. "Er war unglaublich. Er hat sich im Kraftraum den Hintern aufgerissen", schwärmte Team-Präsident Jeff Peterson im Rahmen des Media Days von Miller, der laut Eigenaussage nun 10 Pfund schwerer ist als vor der vergangenen Saison (nun 95 Kilo).
Miller selbst sprach ebenfalls über seine Fortschritte in der Offseason, gab an, seine Prozentzahl am Ring verbessern und stabiler werden zu wollen. "Ein Großteil des heutigen Spiels besteht darin, physisch zu sein, der langen Saison standzuhalten. Der Körper wird müde. Da stabiler zu sein, wird mein Spiel auf ein neues Level heben", so Miller.
Natürlich muss sich aber noch zeigen, dass er diesen Fortschritt auch auf den Court übersetzen kann. Die Zukunft der Hornets hängt zu einem großen Anteil daran, trotz Knueppel (der den Saisonstart wohl verpasst), trotz der Investitionen in die Kadertiefe, die Peterson und Co. über den Sommer noch getätigt haben.
Miller ist in Position gebracht worden, die Nummer 1 dieses Teams zu sein. Er erfüllt den Archetyp. Als Do-it-all-Wing mit Gardemaß ist er ein deutlich konventionelleres "Gesicht" eines Teams als der bisweilen zirkushafte LaMelo. Er ist aber eben auch selbst ein Spieler, der seine Lücken hat, seine Fragezeichen mitbringt.
"Wir haben Standards, die höher sind, als 'ein Play-In-Spiel gewinnen'", stellte Peterson beim Media Day klar. Es liegt jetzt an Miller, zu beweisen, dass das Team mit ihm als Fixpunkt diesem Standard gerecht werden kann.
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Ole Frerks