11.07.2025
Ist Dallas ein Contender?
Die Dallas Mavericks stehen nach dem wohl bizarrsten Jahr ihrer Franchise-Geschichte vor dem Start einer neuen Ära - mit einem Supertalent, das zu einem vermeintlichen "Win-Now"-Team stößt. Doch können die Mavs mit Cooper Flagg tatsächlich im Hier und Jetzt gewinnen?

Nico Harrison hat über die vergangenen Monate viele Sätze gesagt, welche die eine oder andere Augenbraue hochschnellen ließen. Sein Statement zum Draft-Abend machte da keine Ausnahme. "Das Glück hilft den Tapferen", sagte der Top-Entscheider der Dallas Mavericks, nachdem diese mit dem Nr.1-Pick wie erwartet Cooper Flagg gezogen hatten.
Man könnte auch sagen: Wer solches Glück hat, der kann es sich wohl leisten, sich nicht zu sehr selbst zu reflektieren. Natürlich ist dieser Nr.1-Pick, den die Mavs trotz der überschaubaren 1,8-prozentigen Wahrscheinlichkeit in der Lottery bekamen, nicht ihr Verdienst, natürlich kann er nicht auf einen Schlag alles wettmachen, was im letzten halben Jahr sonst so passierte.
Selbst unmittelbar vor dem Draft wurde Harrison in Dallas noch ausgebuht. Es wird dauern, bis alle Wunden verheilt sind, vielleicht ist das ohnehin nie so richtig möglich. Harrison wird damit leben müssen, dass die Fan-Basis ihm weiterhin nicht sonderlich wohlgesonnen gegenübertritt und sich in großen Teilen Luka Doncic zurückwünscht.

Zur Realität gehört nun jedoch auch, dass die Fans recht bald einen neuen Lieblingsspieler haben könnten. Vergangene Nacht gab Flagg sein Summer-League-Debüt, es ist nun "echt", die neue Ära hat angefangen. Und die Mavs, ob tapfer oder nicht, gehen in die neue Spielzeit als eines der spannenderen Projekte der Liga.
Auf der einen Seite fokussiert sich in Dallas von jetzt an viel auf Flagg, den jüngsten Nr.1-Pick seit LeBron James im Jahr 2003. Einen Spieler, der getestet und entwickelt werden soll, der sich im Normalfall die Timeline seines Teams komplett zu eigen machen würde.
Flagg findet in Dallas jedoch eine völlig andere Situation vor als LeBron damals bei den Cavs, oder die meisten anderen Nr.1-Picks. Er ist bei einem Team gelandet, das gewinnen möchte, das sich (unnötigerweise) erst im Februar das eigene Zeitfenster verkleinert hat. Der beste Spieler ist 32 Jahre alt, der andere Star ist 33 und verletzt, soll angeblich aber irgendwann Richtung Januar wieder auf dem Court stehen können.
Die Mavs sind eigentlich für die Gegenwart gebaut, Harrison selbst sprach mal, ehe er von seinem Lottery-Glück wissen konnte, von einem "drei bis vier Jahre"-Zeitfenster. Dieser Teil der Gleichung hat sich nun zweifellos verändert. Spannender ist für den Moment der andere Teil: Wie sieht es denn eigentlich mit der kommenden Saison aus?
Nach dem Draft verlebte Dallas bis dato eine recht ruhige Offseason. Zwar hatten unmittelbar nach der Lottery schon manche Experten gefordert, nun sollte (mindestens) Anthony Davis getradet und alles auf Flagg ausgerichtet werden, und über die letzten Wochen schwirrten Namen wie LeBron oder Kevin Durant herum, passiert ist in diese Richtung jedoch nichts.
Dallas einigte sich stattdessen mit Kyrie Irving auf ein neues Arbeitspapier (3 Jahre, 118 Mio. Dollar), ehe dessen Free Agency ein echtes Thema hätte werden können. In der Gewissheit, dass Irving die erste Saisonhälfte nach seinem Kreuzbandriss verpassen wird, konzentrierte sich Dallas auch bei seinen Neuverpflichtungen auf die Point-Guard-Position.
Als Two-Way-Player wurde Ryan Nembhard verpflichtet, der Bruder von Indianas Andrew, der beim Summer-League-Debüt direkt mit 21 Punkten und 5 Assists die Show stiel. Erfahrene Hilfe kam ebenfalls: D’Angelo Russell ist bisher der einzige klassische neue Free Agent im Team, der frühere Nr.3-Pick kam für zwei Jahre und 11,6 Mio. Dollar zu den Texanern.

Russell löst nach mittlerweile zehn Jahren in der NBA keine großen Begeisterungsstürme aus, zumal er sein vielleicht schwächstes Karriere-Jahr hinter sich hat und nach einem schwierigen Start bei den Lakers auch in Brooklyn nicht zurück in seinen Rhythmus fand (insgesamt 12,6 Punkte, 39% FG, 31,4% 3FG). Bei Lakers-Coach J.J. Redick war Russell zuvor in Ungnade gefallen, da dieser ihn als unseriös wahrgenommen hatte.
Faktisch ist Russell für das, was Dallas brauchte, aber eine solide Besetzung: Noch im Jahr zuvor hatte er für die Lakers 41,5% von draußen getroffen, in drei seiner letzten vier Saisons waren es über 38%. Der 29-Jährige ist ein fähiger Passer, Dribbler und Shooter, was allesamt Fähigkeiten sind, die in der kolportierten Starting Five der Mavs gebraucht werden.
Russell ist in erster Linie eine Übergangslösung, ein Lückenfüller, bis Irving wieder gesund ist. Ein Vorteil, den er gegenüber anderen gehandelten Optionen wie Dennis Schröder (war am Ende ohnehin zu teuer) oder Chris Paul mitbringt, ist aber eben der Wurf: Russell ist ein fähiger, williger Off-Ball-Shooter, noch 23/24 etwa traf er in L.A. 43% seiner Catch-and-Shoot-Dreier.
Dieser Skill ist nicht zu unterschätzen für die Mavs - wegen Kyrie, neben dem Russell irgendwann Minuten spielen wird, aber nicht zuletzt auch wegen Flagg. Der bei den Mavs durchaus als Ballhandler eingeplant ist, bisweilen auch als Point Guard, wie bereits in der Summer League gesehen.
"Ich will ihm den Ball geben und einfach sehen, was passiert", hatte es Head Coach Jason Kidd im Vorfeld ausgedrückt. Was Sinn ergibt, denn: Die Mavs haben selbst mit einem fitten Irving zu wenig Ballhandling, zu wenig Creation. Noch im Play-In ließen sie aus Mangel an Alternativen Naji Marshall, einen gelernten Small Forward, auf der Eins starten. So sehr "Win-Now" sich Dallas selbst sah, sie brauchen eigentlich all das, was Flagg auf dem Papier bringen kann. Vielleicht brauchen sie sogar noch mehr.
Im Backcourt ist Dallas noch immer eher schwach besetzt. Zwar können sie irgendwann mit zwei künftigen Hall-of-Famern starten, das ist aber nur die halbe Wahrheit: Der eine kehrt dann von einer noch immer recht schweren Verletzung zurück, der andere ist seit seinen beiden schweren Verletzungen schlichtweg ein anderer Spieler.
Klay Thompson ist noch immer ein sehr guter Shooter, aber bei weitem nicht mehr der Verteidiger früher Tage - und noch limitierter beim Abschluss im Zweierbereich als früher ohnehin schon. Nie ein großer Dribbler, kommt Klay nahezu gar nicht mehr zu Abschlüssen am Ring oder an die Freiwurflinie.
Unterm Strich war sein erstes Jahr in Dallas das vielleicht schwächste seiner Karriere (14 PPG, 53,5% eFG). Kidd hat jüngere Optionen für die Zwei wie Max Christie oder Jaden Hardy, womöglich ist Thompson aufgrund seiner Wurfstärke aber trotzdem schwer zu verdrängen.
Diese fehlt ansonsten nämlich im Prunkstück des Teams, dem Frontcourt. Dallas ist groß, athletisch, physisch, sehr defensivstark. Harrisons Mantra "Defense wins Championships" konzentriert sich auf diesen Teil des Kaders, bei dem aufgrund der Vielzahl an guten Spielern sogar ein Luxusproblem besteht.
Allerdings auch ein stilistisches. Offensiv hat Davis über seine Karriere immer dann am besten funktioniert, wenn er Center spielte. Das mag er jedoch nicht. In Dallas muss er es nicht, dort spielen schließlich in Daniel Gafford (just mit einem neuen Vertrag ausgestattet) und Dereck Lively II zwei bewiesene Rim-Runner, die allerdings 0,0 Floor-Spacing mitbringen.

Was auch für Davis gilt, der außerhalb der Disney-Bubble stets zu den schwächeren Jump-Shootern der NBA gehörte. Flagg wiederum hat am College riesige Fortschritte gemacht, ist aber auch mitnichten ein klassischer Catch-and-Shoot-Wing - vielmehr kommt er über Athletik, Dynamik, Tempo. Wo sich die Frage stellt, ob er all das in Dallas zeigen kann.
Auch bei P.J. Washington oder Marshall ist die Frage spannend, ob in diesem Team genug Platz bleibt. Washington war seit seinem Trade eine riesige Erfolgsgeschichte für Harrison und einer der besten Spieler in Dallas. Ein Flagg-Washington-Davis-Trio klingt sehr vielversprechend. Wenn Dallas jedoch darauf besteht, einen klassischen Center neben Davis aufzustellen?
Grundsätzlich ist die Frage angebracht (und wird spätestens seit der Lottery gestellt), ob ein Team mit Davis drei weitere gut verdienende "Bigs" beschäftigen muss, oder ob Dallas früher oder später per Konsolidierung versuchen sollte, mehr Balance in den Kader zu bringen.
Gafford schien dafür der wahrscheinlichste Kandidat, trotz seiner Verlängerung (3 Jahre, 54 Mio.) ist ein Trade theoretisch auch weiterhin möglich. Nach außen hin demonstrieren die Mavs bisher aber den Willen, tatsächlich all ihre Frontcourt-Optionen weiterhin zu behalten. Vielleicht auch deshalb, weil gerade Davis und Lively immer mal wieder Spiele verpassen.
Letztendlich begleiten dieses Team viele legitime Fragen, die zum Teil darüber hinausgehen, wie gut sich Flagg - der trotz allem Hype noch immer ein Rookie ist - in seinem ersten Jahr schlägt und wie sehr er schon in seinem ersten Jahr dafür sorgen kann, dass der Kader "rund" wirkt.
Es ist daher auch eine legitime Frage, wo sich Dallas kommende Saison eigentlich einsortiert. Die Chance auf eine gute Saison inklusive Playoffs steckt zweifelsohne in diesem Kader. Die Chance auf einen Titel allerdings? Das wäre dann doch eine große Überraschung. Dafür wirkt Dallas Stand jetzt noch zu sehr in Schieflage, zu sehr auf eine Stärke fokussiert.
Die Lottery hat bei den Mavs dennoch etwas Grundlegendes verändert. Es wirkt nicht mehr unmöglich, all das geradezuziehen. Die beste Chance besteht wahrscheinlich 26/27. Dafür muss einiges richtig laufen. Kyrie muss nach seiner Verletzung wieder der Alte werden. Vielleicht muss noch der eine oder andere kleine Move folgen. Flagg muss einschlagen, klar.
Nicht zuletzt braucht Dallas jede Menge Glück. Aber wie heißt es so schön? Das Glück hilft den Tapf- nein, das passt nur bedingt. Das Glück hat den Mavericks geholfen. Wer kann schon wissen, ob es damit nun erledigt ist?
Ole Frerks