04.05.2026
PG-Duell der Extraklasse winkt
In den Conference Semifinals im Osten kommt es zwischen den New York Knicks und Philadelphia 76ers zur Neuauflage des Erstrundenduells von 2024. Während es auf der Guard-Position zu einem Duell zwischen zweien der besten ihrer Zunft kommt, ist die Gesundheit von Joel Embiid mal wieder die dominierende Frage.

Damals ließen die Knicks Philly kaum eine Chance und machten die Serie komfortabel in sechs Spielen zu. New York spielte mit mehr Energie und einem Jalen Brunson in Bestform (35,5 Punkte, 9 Assists), während Joel Embiid mal wieder nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Ähnlich wie es gegen Boston der Fall war (1982), liegt auch der letzte Serien-Sieg gegen die Knickerbockers lange zurück: 1983 setzten sich Moses Malone, Maurice Cheeks und Co. mit 4-0 in den Semifinals durch.
Schaut man auf das Ergebnis von Spiel 6 der ersten Runde, kann man kaum glauben, dass die Atlanta Hawks den Knicks über drei Spiele richtig Probleme bereitet haben. Nach einem Meisterwerk von CJ McCollum führten die Hawks zwischenzeitlich sogar mit 2-1 und gingen mit ordentlich Selbstvertrauen in Spiel 4, das am Ende aber klar an die Gäste ging.
Diese waren ab diesem Zeitpunkt auch endgültig in der Serie angekommen und hatten ihren Gegner entschlüsselt. Sie nahmen Jalen Johnon und McCollum defensiv völlig aus dem Spiel, was schlussendlich zum kompletten Zusammenbruch der Hawks-Offensive in den Spielen 5 und 6 führte.
Für Philly war das Erreichen der Runde da schon ein deutlich größerer Kampf. Nach dem 3-1 von Boston begann schon der Abgesang auf Philly und alles sah nach der vierten Serienniederlage gegen den Erzfeind in den vergangenen neun Jahren aus. Doch dann kam Embiid zurück und auf einmal wendete sich das Blatt.
Die 76ers erkämpften sich Spiel 5 und 6 und profitierten dann in Spiel 7 auch von dem Ausfall von Jayson Tatum. Allerdings war der Celtics-Star in den vorherigen Spielen fit und man kann durchaus behaupten, dass die Sixers die Serie verdient gewonnen und endlich ihren Fluch beendet haben.

Trotz der schweren Spiele zum Serienauftakt präsentieren die Knicks sich bisher in starker Form. Die Offensive läuft (zweitbestes Offensivrating der Liga), das Prunkstück ist aktuell aber die Defensive. Diese ist seit Jahresbeginn schon stark, hat in den Playoffs aber noch mal einen ordentlichen Sprung gemacht. Mit 103,8 zugelassenen Punkten pro 100 Possessions liegt NY nur knapp hinter den Pistons und Spurs, die sich beide über ihre Defensive definieren.
Hauptverantwortlich dafür sind allen voran OG Anunoby und Josh Hart. Die beiden haben CJ McCollum und Jalen Johnson nach guten ersten Spielen komplett abgemeldet, sodass nur Johnson in Spiel 7 noch mal über 20 Punkte erzielte, McCollum gar nicht mehr. Mit den großen Flügeln und schnellen Guards der Sixers werden die Elite-Verteidiger erneut gefordert sein.
Da Anunoby auch offensiv glänzt und aktuell der zweitwichtigste Scorer ist (21,5 Punkte im Schnitt gegen die Hawks, 56,7 3P%), sind auch die Probleme von Mikal Bridges ein wenig ins Hintertreffen geraten. Der Flügel hat in Spiel 6 stark performt (24 Punkte, 10/12 FG), davor fand er in der Serie aber überhaupt nicht statt. Will New York weit kommen, brauchen sie dringend mehr Produktion (10 Punkte im Schnitt) von dem Ex-All-Star.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Bank. Hier hat New York gegenüber Philly einen klaren Vorteil, den es auch ausnutzen muss (31,2 Punkte vs. 17,1 Punkte). Jordan Clarkson, Miles McBride und Co. haben es gegen Atlanta geschafft, ihren Stars längere Pause zu geben (kein Spieler über 36 Minuten), bei den Sixers musste Tyrese Maxey dagegen über 40 Minuten pro Spiel abreißen.
Ein großer Faktor könnte auch Mitchell Robinson sein. Er hat vergangenes Jahr gezeigt, dass er mit dem richtigen Matchup eine Serie mitentscheiden kann - gegen Joel Embiid hat er dazu erneut die Chance. Aufgrund von Karl-Anthony Towns' defensiver Schwäche dürfte er deutlich mehr Minuten sehen als gegen die Hawks (13,8), muss aber seine Freiwürfe endlich treffen.
Apropos Embiid, er - und seine Gesundheit - sind für Philly ganz klar der Hauptfaktor für den Ausgang der Serie. Als er nach seiner OP zurück auf dem Feld war, waren die 76ers ein ganz anders Team, bei jedem harten Sturz hält man allerdings die Luft an. Ausgerechnet sein Teamkollege Maxey fiel am Ende von Spiel 7 dann auf sein linkes Knie, wodurch er den Rest des Spiels nur noch humpelte. Anschließend gab er Entwarnung, ist in Spiel 1 der Semifinals aber nur als "wahrscheinlich" gelistet - allerdings wegen Hüftproblemen. Es bleibt fraglich, ob Embiid Körper potenziell sieben Spiele gegen ein so physisches Team wie New York überstehen kann.
So oder so muss aber auch viel über Maxey gehen. Der Guard hat eine All-NBA-Saison gespielt und sein Team am Ende von Spiel 7 zum Sieg getragen. Er muss die Räume nutzen, die sich durch Embiids Präsenz öffnen, und kontinuierlich die Zone attackieren, vor allem da die Knicks keinen echten Shotblocker in ihren Reihen haben. Dazu wird er auch defensiv gegen Brunson stark gefordert sein. Gleiches gilt auch für Rookie VJ Edgecombe, der Spiel 2 und 7 durch seine Performance mitentschieden hat.
Ein weiterer X-Faktor ist auch Paul George. Der 36-Jährige hat eine starke erste Runde gespielt und aufblitzen lassen, warum er ein 9-maliger All-Star ist. Wenn er heiß ist, ist er immer noch kaum zu verteidigen und wird den Wings der Knicks mit seiner Länge auf der Gegenseite das Leben schwer machen. Er muss seine ganze Erfahrung ausspielen und die dritte Konstante Scoring-Option sein, die Edgecombe noch nicht ist.
Gut möglich, dass er es defensiv auch mit Brunson zu tun bekommt, der sich gegen größere Gegenspieler bekanntlich schwer tut. Auch Kelly Oubre Jr. dürfte Brunson hin und wieder ärgern, wie er es in der Boston-Serie schon mit Jaylen Brown getan hat. So oder so gilt für Philly: Legt Brunson wieder über 35 Zähler im Schnitt auf, werden sie keine Chance haben.

Das Comeback der Sixers gegen die Knicks war heroisch und wird eine der schönsten Geschichten der diesjährigen Playoffs bleiben, New York könnte allerdings eine Nummer zu groß sein. Embiid wird nicht, als könnte er sich ohne Probleme sieben Spiele lang mit den Knicks battlen, sich in den vergangenen einige harte Kämpfe in den Playoffs geliefert haben.
Dazu ist New York tiefer, hat die stärkere Flügelrotation und ist nach der bitteren Klatsche gegen die Pacers im Vorjahr auf Wiedergutmachung aus. Philly wirkt wie ein Team, das an einem guten Tag jeden schlagen kann, war aber bisher viel zu inkonstant, als dass man ihm das auch in den Semifinals einfach so zutraut.
Prognose: Knicks in 6
Gianluca Fraccalvieri