24.07.2025
14 Jahre in der NBA
Tyrone "Muggsy" Bogues ist der kleinste Spieler der NBA-Geschichte - und fand in einer Liga, die nach Größe giert, einen prominenten Platz. Über einen, der als Kind angeschossen wurde, den Basketball der Straße vorzog, immer Größennachteile überwinden musste, sie am Ende zu seinem Vorteil nutzte, zum Vorbild für den Nachwuchs wurde - und beinahe mit Dirk Nowitzki gespielt hätte…

Manchmal sahen sie Muggsy Bogues einfach nicht kommen. Unterhalb ihres Radars schlich er sich rasant heran, hinterließ manchmal nur einen kurzen Windhauch. war auch schon wieder weg, bevor sie wussten, was gerade passiert war. Den Ball im Gepäck. Der mit Abstand Allerkleinste unter den ganz Großen zu sein, kann auch Vorteile bringen, und Bogues nutzte sie während seiner Karriere höchst effektiv aus.
Beispielsweise, als Patrick Ewing Alonzo Mourning mit einem kurzen Pumpfake aus dem Konzept bringen wollte. Giganten unter sich. Ewings Fokus lag auf Mourning. Weder sah noch hörte er Bogues heranschnellen - und als er ihn bemerkte, war der Ball weg. Muggsy Bogues, 1,60 Meter groß, hatte soeben Patrick Ewing, 2,13 Meter groß, geblockt. "Ich sagte ihm, er sei jetzt Teil meines Highlight-Films", erinnert sich der Point Guard später einmal an die Szene. Highlights. Hätte Bogues sie nicht selbst produziert, erzwungen, zugeflogen wären sie ihm kaum.
Der kleine Tyrone ist gerade fünf Jahre alt, da hört er, wie draußen ein Streit losbricht. Neugierig geht er ans Fenster und sieht, wie eines der Kinder einen Stein nimmt und in die Fensterscheibe einer Bar wirft. Eine Tür schwingt auf: der Besitzer.
"Der alte Mann rannte auf die Straße", erinnert sich Bogues in Mark Jacksons Come And Talk 2 Me Podcast "und geht direkt zu seinem Schuppen, anstatt erstmal mit den Jugendlichen zu sprechen." Kein gutes Zeichen. "Er holte seine zweiläufige Shotgun und alle rannten. Er lud durch und begann zu schissen. Zum Glück für mich verfehlte die Kugel meinen Kopf, aber der Schrot traf mich überall." Tyrone überlebte. Die Herausforderungen und Gefahren des Alltags blieben.
Familie Bogues lebte in den Lafayette Court Housing Projects in Baltimore. Drogen und Gewalt prägten den Alltag. Mit zwölf Jahren sah Tyrone, wie ein Mann mit einem Baseballschläger erschlagen wurde. Sein Vater musste wegen eines bewaffneten Raubüberfalls für zwanzig Jahre ins Gefängnis. Die Lebenserwartung, so sagte Bogues einmal in einem Interview mit den Mulliganbrothers, hätten nicht wenige auf 20 Jahre taxiert. Viele hätten sich zu schnell dem Leben auf der Straße zugewandt, wären ins Drogengeschäft eingestiegen, um ihre Familien zu versorgen, schnelles Geld zu verdienen und schicht Rechnungen zu bezahlen. Tyrone fand den Sport.
Er spielte Basketball, Football, Baseball, machte Leichtathletik, war ein guter Ringer. Sport, so gab er einmal zu, hielt ihn von der Straße fern. An eine Karriere dachte Tyrone noch nicht. Sport war schlicht etwas, das ihm Freude bereitete, das er machen wollte. Dabei war es nicht immer einfach. An vielen Abenden kam Tyrone weinend nach Hause. Mal wieder hatten sich andere Kinder wegen seiner Größe über ihn lustig gemacht. "Wenn es dir Spaß macht", blickt Bogues im Gespräch mit den Mulliganbrothers auf die Antwort zurück, "lass dich nicht abbringen und spiel weiter." Tyrone spielte weiter - auch dank Leon Howard.
Sieben Jahre ist Tyrone alt, als sich die beiden treffen. Hier der kleine kleine Junge, der so gern Basketball spielt, dort der Direktor des Recreation Center der Lafayette Court Housing Projects. Howard nimmt Tyrone unter seine Fittiche, erklärt ihm das Spiel. Wie er dribbeln, dabei seine geringe Größer nutzen, wie er über größere Spieler hinüber werfen, wie er höchst unangenehm verteidigen kann, alles bringt Howard Tyrone bei. "Ein Segen" sei er gewesen, gab Bogues später einmal zu.

Für den Moment füllt Tyrone Howards Theorie mit Leben. Er nutzt seine Größe zu seinem Vorteil, verteilt und klaut Bälle. "Muggsy" heißt Bogues heute, weil er seine Gegenspieler "mug-te", weil er sie ausraubte und ohne Ball stehen ließ. Tyrone gelingt der Sprung an die Dunbar Highschool, die er es bis zu seinem Senior Jahr zum an Nummer eins gerankten Programm des Landes bringt. Neben Reggie Williams, Reggie Lewis und David Wingate, die später ebenfalls alle in der NBA spielen sollten, ist Bogues ein entscheidender Teil eines Teams, das während seiner finalen beiden Jahre erst 29, danach 31 Spiele ohne Niederlage absolviert.
Der kleine Tyrone "Muggsy" Bogues ist längst über Baltimore hinaus bekannt und bekommt daher ein Stipendium in Wake Forrest. Nach leichten Startschwierigkeiten schlägt auch dort sein Spiel durch. Bogues hat unglaublich schnelle Hände, ist extrem flink. So schnellt er entweder in Passwege oder schleicht sich an unaufmerksame Gegenspieler heran, um ihnen den Ball zu klauen. Hat er ihn, gibt er ihn selbst nicht mehr her. Bogues dribbelt so tief, dass Gegenspieler kaum an den Ball kommen. Noch ein Vorteil, der Allerkleinste unter vielen Giganten zu sein. Nur 1,6 Ballverluste unterlaufen ihm während seiner gesamten NBA-Karriere im Schnitt - und das bei 7,6 Assists pro Spiel.
"Auf den Basketball aufzupassen, macht mich stolz", sagt er. "Sicherstellen, dass wir mehr Gelegenheiten hatten als unsere Gegner. Als Point Guard ist es deine Aufgabe, auf den Ball aufzupassen." Bogues erfüllte sie über 14 Jahre in der NBA und vier in Wake Forrest.
Bereits im zweiten Jahr serviert er pro Spiel 7 Assists, im letzten sogar 9,5 und garniert alles mit 14,8 Punkten sowie 3,8 Rebounds. Genug für die Washington Bullets. Als sie beim Draft 1987 an 12. Stelle auswählen dürfen, entscheiden sie sich für Bogues. Ein besonderer Moment.
"Jedes Jahr bringt dieses Gefühl zurück", erinnert sich Bogues beim Guardian. "Die Nacht des Drafts war für mich etwas ganz Besonderes, für meine Familie, für Baltimore… Alles fühlte sich taub an, als ich meinen Namen hörte… Das Gewicht dieser Welt wurde von meinen Schultern genommen." Tatsächlich bedeutet der Draft so viel mehr, als "nur" die Chance zu erhalten, in der NBA zu spielen. "Wir waren nicht mehr im unteren Einkommensspektrum", erzählt er den Mulliganbrothers. "Ich hatte das Glück, dass ich meiner Mom nun ein Haus kaufen konnte. Mit meinem Dad und meinen Schwestern die Projects verlassen konnte."

In Washington trifft Bogues ausrechnet auf Manute Bol; der kleinste jemals gedraftete Spieler, dem selbst auf Lionel Messi zehn Zentimeter fehlen, spielt nun mit einem der größten der Geschichte (2,31 Meter). Bilder der beiden sind noch heute berühmt. Und tatsächlich beschlich Bogues zunächst das Gefühl, dass sie "uns als Gimmick nutzten, um die Halle zu füllen, aber davon ließen wir uns nicht beeindrucken." Tatsächlich bringt es Bogues während seiner ersten Saison auf 14 Starts, und am Ende ist er sowohl Assist- als auch Steals-Leader der Bullets.
Seine geringe Länge bleibt dennoch Thema. Teilweise unfreiwillig. Vor einem Auswärtsspiel in Milwaukee gehen Bogues und Moses Malone den kurzen Weg vom Hotel zur Halle zu Fuß. Als sie Kinder um Autogramme bitten, bleiben beide stehen. Tatsächlich interessieren sich die Kleinen für den Kleinen. Der Rookie saugt mehr Aufmerksamkeit auf als der große Malone, der daher schon mal weitergeht. An der Halle angekommen, hält ein Wachmann Bogues auf. "Junge, es tut mir leid, hier kannst du nicht rein", sagt er. Bogues entgegnet, er spiele für die Bullets. Erst als Malone auftaucht und seien Teamkollegen abholt, glaubt ihm der Wachmann.
Seine Größe begleitet Bogues sein gesamtes Leben. Sie machte das, was er machen wollte, deutlich unwahrscheinlicher. Nur nicht zum unüberwindbaren Hindernis. Dass er nur wegen seiner Größe überhaupt erst gedraftet wurde, gewissermaßen als besondere Attraktion, glaubt Bogues übrigens nicht. Dafür war er zu gut. So gut sogar, dass die Charlotte Hornets nach ihrer Gründung ihren Expansion Draft 1988 nutzen, um ihr neues Team Bogues anzuvertrauen. Nicht die schlechteste Idee.
In insgesamt neun Jahren führt Bogues die Hornets drei Mal in die Playoffs. An der Seite von Larry Johnson und Alonzo Mourning macht er die junge Franchise Mitte der 1990er dank ihres schnellen, athletischen Stils für kurze Zeit zu einer der größten Attraktionen der Liga. Zwischen 1989 und 1995 landet Bogues immer unter den besten sieben Assist-Gebern der Liga, drei Mal unter den gefährlichsten Balldieben. "Was er nicht an Körpergröße hat", sagte der ehemalige Lakers-Coach Pat Riley, "macht er durch Schnelligkeit, Stärke, seinen Zug zum Korb, Sprungkraft und Timing wett.“
Klein mag Bogues sein, jedoch niemals unauffällig. Vor allem für den Nachwuchs. "Wenn du ein Kind bist", schreibt Stephen Curry, dessen Vater Dell mit Bogues in Charlotte spielte, in Bogues’ Autobiographie "Muggsy: My Life from a Kid in the Projects to the Godfather of Small Ball", "denkst du, ‚Ok, 1,60 Meter. Wie lang dauert es noch, bis ich so groß bin und in der NBA spielen kann?’" Genau das ist der Kern. Einer, der während einer komplizierten Kindheit selbst von positiven Einflüssen profitierte, mit dem sich Kinder wegen seiner geringen Körpergröße identifizieren können, möchte nun selbst Positives bei der nächsten Generation bewirken. "Das ist das coolste", sagt Bogues, "die Perspektive von Kindern verändern."
Die NBA sah Muggsy Bogues nie wirklich kommen. Einer wie er passte nicht ins Bild des perfekten Athleten für einen Sport in luftiger Höhe. Dennoch verbrachte Bogues insgesamt 14 Jahre in der NBA, und das nicht nur als Rollenspieler. Sogar mit Dirk Nowitzki hätte er zum Ende seiner Karriere gespielt, hätte eine Knieverletzung die Karriere nicht vorzeitig beendet und das Erfüllen seines Dreijahresvertrags bei den Mavs unmöglich gemacht. Eindruck hinterließ Bogues dennoch - oder wie sein ehemaliger Hornets-Coach Allan Bristow formuliert: „Es wird eher einen zweiten Larry Bird als einen zweiten Muggsy Bogues geben."
Max Marbeiter