18.06.2025
Israeli greift mit Ulm nach dem Titel
Ben Saraf wählte zur Erfüllung seines NBA-Traums ratiopharm Ulm. Mit den Donauschwaben steht der Teenager im Finale der BBL. Der Israeli zeigt in jungen Jahren eine außergewöhnliche Reife und nähert sich seinem Ziel.

Als ob er es im Februar schon ahnte. An einem grauen Wochenende trifft sich halb Basketball-Europa in Neu-Ulm auf dem Orange Campus. Erstmals sind die Ulmer Gastgeber eines Qualifikationsturniers des adidas Next Gen Tournaments der EuroLeague und wir treffen Ben Saraf in einem der modernen Büroräume des Leistungszentrums.
Höflich kommt der Israelis daher, er entschuldigt sich für seine Verspätung, da er aufgrund des Andrangs keinen Parkplatz auf dem Gelände finden konnte. Ein Stockwerk tiefer jagen zahlreiche Youngster ihre Träume, wollen die NBA-Scouts beeindrucken. Saraf ist da schon ein Stück weiter. Seit seiner Ankunft in Ulm steht der Spielmacher unter dem Brennglas der NBA-Scouts, konstant wird der 19-Jährige als Erstrunden- womöglich sogar Lottery-Pick für den NBA Draft 2025 gehandelt.
Saraf weiß das, wohl aber noch nicht, welchen Wirbel er zusammen mit Teamkollege Noa Essengue - auch er dürfte am 26. Juni gezogen werden, womöglich sogar unter den ersten Zehn - verursachen würde. Viel wurde in den vergangenen Tagen über die Terminkollision von BBL Finals und NBA Draft geschrieben und gesprochen. "Ich will erst mit Ulm den Titel gewinnen und dann hoch gedraftet werden", gab sich der Teenager selbstbewusst.
Machbar ist das weiterhin, doch wenn Ulm die Serie noch drehen möchte, müsste Saraf für die Draft-Veranstaltung vor Ort verzichten müssen, da diese genau zwischen den Spielen 4 und 5 stattfinden würde. Wenige Monate später bekräftigte Saraf in einer Medienrunde für NBA-Prospects aus Europa noch einmal, dass er auf jeden Fall spielen würde, wenn dieses Szenario tatsächlich eintritt. Sollte die Serie über fünf Spiele gehen, bin ich ganz sicher nicht vor Ort, weil ich natürlich spielen würde“, versicherte Saraf.
Den Israeli umgibt eine erstaunliche Reife. Seine Worte sind genau gewählt, er lässt sich mit seinen Antworten Zeit, sagt aber auch nicht mehr als nötig. Es ist nicht selbstverständlich für einen Teenager, der mit 18 Jahren in ein fremdes Land ging und sofort eine große Verantwortung schultern musste. Ähnlich wie es die Ulmer mit Killian Hayes oder Juan Nunez taten, gab der Meister von 2023 dem Youngster die Schlüssel in die Hand. Große Teile der Saison war Saraf der Starter auf der Eins - für ein gutes EuroCup-Team und einen Titelanwärter in der BBL.
"Ich sehe mich nicht als 19-Jähriger auf dem Feld, sondern als Point Guard der Mannschaft", erklärt Saraf seine Sichtweise. "Ich habe als Spielmacher Verantwortung und muss mich um meine Teamkollegen kümmern." In insgesamt 56 Pflichtspielen lief Saraf bisher für Ulm auf, dabei verbuchte er durchschnittlich 12,2 Punkte und 4,2 Assists bei einer Feldwurfquote von 44,8 Prozent.
| Bewerb | Spiele | MIN | PTS | FG% | 3P% | AST |
|---|---|---|---|---|---|---|
| BBL | 30 | 23,1 | 11,6 | 46,3 | 33,8 | 4,1 |
| Play-Offs | 9 | 23,5 | 12,1 | 45,6 | 26,3 | 3,9 |
| EuroCup | 16 | 24,5 | 12,8 | 41,9 | 22,2 | 4,6 |
Es sind gute Werte für jemanden, der zuvor noch nie auf diesem Niveau gespielt hatte. Vor seiner Saison in Ulm spielte der Einser nicht etwa für eines der israelischen Topteams, sondern für zwei kleinere Teams. Mit Ironi Kiryat Ata ging es sogar bis ins Halbfinale, danach ging sein Stern bei der U-18-EM endgültig auf, als er Israel zu einem starken vierten Platz führte und mit durchschnittlich 28 Punkten als MVP ausgezeichnet wurde.
Zahlreiche Top-Colleges standen Schlange, doch schon viele Monate zuvor hatten sich die Ulmer die Unterschrift des Israelis gesichert. "Wir hatten großes Glück, weil ich durch Freunde in Israel schon vor drei Jahren von ihm gehört hatte", erinnert sich Geschäftsführer Dr. Thomas Stoll. "Er hatte einen Vertrag ohne Ausstiegsklausel, trotzdem kamen Anrufe von Colleges, die ihm eine halbe Million für eine Saison geboten haben."
Saraf stand zu seinem Wort. "Es ist der beste Ort in Europa, um sich weiterzuentwickeln", sagt der Sohn zweier früherer Basketballer*innen über den Standort Ulm. "Sie haben in den vergangenen Jahren so viele Spieler weitergebracht, deswegen war das für mich eine einfache Entscheidung." Die schwelenden Konflikte in seinem Heimatland hätten dagegen keine Rolle gespielt, groß äußern möchte sich Saraf dazu aber nicht. Das ist verständlich, schließlich sollte niemand von einem Teenager erwarten, alle politischen Zusammenhänge zu kennen und diese mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Sportlich hat es sich gelohnt, Saraf steht mit Ulm in den Finals und könnte den ersten Titel seiner Karriere gewinnen, doch in den vergangenen Monaten fielen seine Aktien ein wenig. Derzeit ranken ihn die meisten Portale am Ende der ersten Runde. Saraf polarisiert unter den NBA-Scouts, die nicht vollends vom langen Guard (1,97 Meter) überzeugt sind. Zwar besitzt der Israeli schon eine erstaunliche Reife in seinem Spiel, doch es bleiben Fragezeichen.
Saraf ist nicht besonders explosiv, sein Dreier ist nicht verlässlich. Diese Dinge zeigten sich zuletzt auch in den Play-offs. Zwar traf der 19-Jährige in der Serie gegen Alba Berlin teils wichtige Würfe, netzt in der Postseason aber nur 26 Prozent seiner Dreier. Vor allem in den Spielen gegen die Bayern kam Saraf bisher kaum zur Geltung, weil diese es immer wieder schafften, dessen starke linke Hand wegzunehmen.
In Spiel 1 kam Saraf nur 13 Minuten zum Einsatz, Coach Ty Harrelson vertraute (erfolglos) in der Schlussphase seinen erfahreneren Spielern. Womöglich ändert sich das noch, da Saraf auch Qualitäten besitzt, die auf jedem Level gefragt sind. Er spielt meist in seinem Tempo, seine Drives sind kontrolliert und er ist der beste Passgeber im Ulmer Kader.
Das war es, was Ulm in Spiel 1 am Ende fehlte. Eine ordnende Hand, die seinen Mitspielern einfache Würfe verschaffte. Dennoch wird Saraf langfristig seine rechte Hand und seinen Wurf verbessern müssen, wenn er in der NBA bestehen will. Zeit bleibt dafür, in Ulm schwärmt man von dessen Arbeitseinstellung und dem Drang sich zu verbessern.
Ein echtes Vorbild hat Saraf dagegen nicht, stattdessen ist es der europäische Basketball, der ihm mehr zusagt. "Vor zwei Jahren habe ich Vasilije Micic studiert, aber jetzt schaue ich viel auf T.J. Shorts. Wir sind zwar ganz andere Spielertypen, aber ich mag seine Geschwindigkeit." Womöglich ergibt dieser Vergleich aber doch Sinn. "Er hat auf jedem Level Erfolg gehabt und sich immer angepasst. Ich würde gerne sehen, ob er es auch in der NBA schaffen würde."
Der ehemalige BBL-MVP zieht inzwischen Interesse aus der NBA auf sich, steht aber angeblich schon bei Panathinaikos im Wort. Doch wer weiß, vielleicht wird es das Duell Saraf gegen Shorts tatsächlich mal in der NBA geben. Saraf ist zumindest überzeugt, dass es für ihn klappen wird. "Erst der Titel mit Ulm, dann der Draft. Das ist alles, was ich brauche."
Robert Arndt