24.04.2025
L.A. plötzlich im Kreis der Contender
Kawhi Leonard hat in Spiel 2 der Nuggets-Serie die bisher vielleicht beste Individualleistung dieser Playoffs gezeigt. Seit Wochen lässt der Superstar die L.A. Clippers träumen. Ist dieses Team der vierte "echte" Contender?

Wie schön die Vorstellung wirkt, sich manche Basketballspiele komplett ohne Kontext im Hinterkopf ansehen zu können. Wenn es etwa möglich wäre, nach Spiel 2 der exzellenten Clippers-Nuggets-Serie einfach zu konstatieren, dass der beste Spieler der Welt einem ebenbürtigen Superstar gegenübersteht.
Einem Spieler, der sich in Bestform vor nahezu niemandem in der NBA-Geschichte verstecken muss und nicht aus Zufall bereits zwei Finals-MVP-Awards in seinem Trophäenschrank stehen hat (falls der Mann so etwas nicht einfach in einer anonymen Lagereinheit verstaut). Der ein gutes Team auch 2025 zu einem der heißesten Titelanwärter machen könnte.
In der Realität ist Kontext nicht einfach wegzudenken. Schon gar nicht in diesem Fall. Was auch für Kawhi Leonard selbst gilt: "Ich bin einfach glücklich darüber, dass ich mich bewegen kann", sagte der 33-Jährige nach seiner Demonstration in Game 2. "Darauf bin ich stolz, einfach gesund zu sein. Über die letzten beiden Jahre habe ich diese Playoff-Serien im Sitzen verfolgt."
Die letzten beiden Playoff-Runs dauerten für Kawhi tatsächlich nur jeweils zwei Spiele an; alle Postseason-Spiele seines Teams absolviert hat er zuletzt 2020. Die Clippers sind also gut damit beraten, vorsichtig zu sein, nicht zu überreagieren. Ein Spiel nach dem anderen, so in etwa hat es auch Leonard selbst formuliert.
Aber was, wenn die Knie diesmal tatsächlich halten? Es wäre zumindest verständlich, wenn der eine oder andere Fan so langsam vorsichtig zu träumen anfängt …
| Spiel | Datum | Uhrzeit | Team 1 | Team 2 | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 19. April (Sa). | 21.30 Uhr | Nuggets | Clippers | 112:110 OT |
| 2 | 22. April (Di) | 4 Uhr | Nuggets | Clippers | 102:105 |
| 3 | 25. April (Fr) | 4 Uhr | Clippers | Nuggets | |
| 4 | 27. April (So) | 0 Uhr | Clippers | Nuggets | |
| 5 | 30. April (Mi) | 4 Uhr | Nuggets | Clippers | |
| 6* | 2. Mai (Fr) | tba | Clippers |
Leonard legte ein eher überschaubares Game 1 hin, insbesondere die sieben Ballverluste fielen darin negativ auf. Dennoch hätten die Clippers dieses Spiel beinahe gewonnen, und positiv stach dabei heraus, dass Leonard körperlich fast wie zu besten Zeiten in der Lage dazu war, zeitweise Lockdown-Defense gegen den besten Wing-Scorer des Gegners zu spielen.
Und dann kam Game 2. Die Defense war erneut da, unter anderem in Form eines abgefangenen Jokic-Passes in der letzten Spielminute, der das Spiel mitentschied. Eigene Turnover waren nahezu gar nicht da (Kawhi hatte einen). Ebenso wenig wie Fehlwürfe, also beinahe. 14/19 traf Kawhi für 39 Punkte aus dem Feld, unglaubliche elf von zwölf aus dem Zweierbereich. Wobei kaum ein leichter Abschluss zu sehen war.
Wobei: An manchen Tagen sieht für Kawhi alles leicht aus. Nahezu niemand kreiert mit einem einzigen Schritt so eine Separation, geht so methodisch und kompromisslos zu Werke. Wie an der Schnur gezogen fallen seine Midranger, gegnerische Hände scheint er dabei gar nicht wahrzunehmen, selbst wenn sie ihn beim Wurfversuch an der Nase kratzen.

"Vielleicht sollten wir dafür sorgen, dass er sich mehr eingeengt fühlt, aber ich denke er ist daran gewöhnt", sagte Jokic nach dem Spiel. "Er hat schwere Würfe getroffen, aber sind das für ihn wirklich schwere Würfe?" Jokic muss es eigentlich wissen; so in der Art fühlen sich sonst schließlich auch seine Gegenspieler.
Bisher scheint die beste Defense der Nuggets gegen Kawhi in jedem Fall zu sein, darauf zu hoffen, dass er den Ball wegwirft, wofür sie in Spiel 1 zum Teil mit aggressiven Traps gesorgt haben. Wirft er, ist die Chance sehr hoch, dass er trifft: In der Serie hat er bisher all seine Abschlüsse am Ring (5/5) und aus der kurzen Mitteldistanz (10/10) getroffen, dazu je 4/9 bei langen Zweiern und von der Dreierlinie.
"Ich hatte das Gefühl, dass er gar nicht danebengeworfen hat", schwärmte James Harden nach Game 2. "Seine Fähigkeiten als Shotmaker sind elitär. Und diese Aggressivität brauchen wir von ihm. Es ist egal was gerade passiert, oder wer ihn verteidigt, er geht einfach zu seinem Spot und steigt hoch. Er ist ein großartiger Spieler."
Dem lässt sich nur beipflichten. Zumal: Auch wenn diese Partie ein Ausbruch und sein bestes Scoring-Game in dieser Spielzeit war, in die Richtung bewegt sich Leonard seit Wochen. Seit seinem Saisondebüt Anfang Januar wurde er erst einmal behutsam herangeführt, über einen Monat spielte er nie 30 Minuten, mittlerweile ist das Limit jedoch längst gefallen.
Im März spielte Leonard 36 Minuten im Schnitt und legte 25 Punkte, 7 Rebounds und 3 Assists auf, bei über 61% True Shooting. Im April steigerte er sich sogar noch leicht, kulminierend in dem Saisonfinale gegen die Warriors, in dem er in 47 Minuten 13/20 traf und 33 Punkte sowie 7 Assists auflegte. Über die gesamte Saison wäre das First Team All-NBA-Material.
Zumal Leonard die Clippers dabei zu einem völlig anderen Team gemacht hat. Angeführt von Harden, Ivica Zubac und einer elitären Defense war L.A. ein Playoff-Kandidat, klar, eine der positiven Überraschungen der Saison, im Großen und Ganzen aber harmlos für die absolute Elite. Mit Kawhi jedoch? Nun …
1.180 Minuten hat Leonard in der Regular Season absolviert. In diesem Zeitraum legte das Team ein Offensiv-Rating von 120,2 auf, das über die Saison für Platz 5 gereicht hätte. Das Defensiv-Rating lag bei 108,4, übertroffen lediglich von der historischen Thunder-Defense. Auch das Net-Rating mit Kawhi (+11,8) hat über die Spielzeit nur OKC übertroffen.
Seit Anfang März waren die Werte allesamt sogar noch besser - die Clippers haben ihre Identität gefunden, neben der bereits etablierten Infrastruktur haben sie nun eben auch noch den potenziellen Top-5-Spieler, der Upside personifiziert, weil er sich in jeder Serie einreden kann, der beste Spieler auf dem Court zu sein.
Und ja, natürlich warten aktuell nicht nur Pessimisten darauf, dass früher oder später eine Pressemitteilung seitens der Clippers erscheint, in der irgendein Update zu Leonards Gesundheit steht, das eigentlich kein Basketball-Fan lesen möchte. Es ist nur verständlich, nach all den Jahren voller Verletzungen.
Nur gibt es ja auch Gegenbeispiele. 2019 führte Leonard ein Raptors-Team zum Titel, das nicht unähnlich wie die heutigen Clippers eine Identität mit ihm und eine Identität ohne ihn hatte. Wenn er für einen Playoff-Run gesund war, ermöglichte er seinen Teams fast immer tiefe Runs; auch die Teilnahme an den Conference Finals 2021, bei der Leonard aussetzen musste, wäre ohne seine Fabelleistungen in der ersten Runde gegen Dallas nicht möglich gewesen.
Unterm Strich hat Leonard seit seinem Abgang aus San Antonio 2018 54 Playoff-Spiele absolviert. Insgesamt zu wenig, aber wenn er spielt, macht er: 29,4 Punkte, 8,6 Rebounds, 4,4 Assists im Schnitt. Bei 51,4% aus dem Feld und bisweilen elitärer Defense. Das ist, eigentlich, ganz klar ein All-Time-Spieler in den Playoffs. Wenn da bloß nicht dieser nervige Kontext wäre.
Selbst mit dem Kontext jedoch ist Kawhi zweifellos einer der Spieler, der andere Teams am meisten einschüchtert - eben weil es, wie Jokic sagte, kein Mittel gegen ihn zu geben scheint. Er hat den Wurf, die Fußarbeit, er kann Verteidiger mit seiner Physis überpowern, selbst kräftige wie etwa Jimmy Butler (siehe das Saisonfinale).
Er ist nicht der allerbeste Playmaker, dafür kann er mit seinen Pranken jeden Loose-Ball oder Offensiv-Rebound einsacken. Er kreiert kurzum so viele Vorteile für sein Team, dass es kein Zufall ist, dass er einen der besten On/Off-Fußabdrücke der Liga-Historie sein Eigen nennt … wenn er spielen kann.

Niemand kann aktuell wissen, ob das Knie diesmal hält oder wie lange. Gewiss scheint nur, dass die Clippers mit Kawhi in der Game-2-Form jedes Team schlagen können. Dass sie ein legitimer Titelkandidat sein können, vielleicht der vierte im engsten Kreis nach OKC, Boston und Cleveland.
Die Clippers träumen, dass er ausgerechnet jetzt, wo fast alle die Kawhi-"Ära" schon abgeschrieben hatten, doch nochmal einen kompletten Playoff-Run durchhalten kann. Die Gegner wiederum haben Albträume davon, dass dieser Terminator die Serie gegen sie übersteht. Kawhi selbst? Denkt von Spiel zu Spiel, so sagt er zumindest.
Es ist eine komische Situation. Es könnte aber auch nicht anders sein bei einem Spieler, der ebenso viele Finals-MVPs gewonnen hat wie Kevin Durant und Kobe Bryant - und gleichzeitig deutlich weniger Karriere-Punkte auf dem Konto hat als Tobias Harris. Schon jetzt ist Leonard einer der größten "What If?"-Spieler der NBA-Geschichte.
Nun: Was, wenn es doch noch einmal funktioniert?
Ole Frerks
| Nuggets |
| 7* | 3. Mai (Sa) | tba | Nuggets | Clippers |