17.02.2026
Immer mehr kritische Stimmen
Erst knapp über die Hälfte der NBA-Saison ist gespielt, da haben bereits zahlreiche Franchises das sportliche Abschneiden in den Hintergrund gerückt. Für die NBA wird das immer schamlosere "Tanking" zur Gefahr. Lauter werden deshalb die Forderungen nach Änderungen. NBA-Boss Adam Silver stellte indes sogar das gesamte System infrage. Doch was steckt dahinter?

Es ist schon kurios. Im wahrscheinlich hochkapitalisiertesten Land der Welt praktizieren die großen Sportligen Sozialismus - eine Wirtschaftsordnung, die auf hiesiger politischer Ebene weitgehend als verpönt gilt. In NBA und anderen Ligen ist das System aber bereits seit Jahrzehnten usus.
Anders als im europäischen Fußballgeschäft soll es eben keine Platzhirsche geben, die das sportliche Geschehen über Jahrzehnte hinweg dominieren. Das Draftsystem ist neben dem Salary Cap dafür ein ganz wesentlicher Hebel. Während die besten Teams um den Titel konkurrieren, wird das untere Drittel mit den verheißungsvollsten Talenten des Planeten kompensiert.
Es ist ein System, dass Gleichheit unter den 30 - teils sehr verschiedenen - Märkten garantiert. Nicht das größte Portemonnaie ist für die Verpflichtung der großen Stars verantwortlich, sondern primär die Draft-Zuweisung. Und so landete ein Star wie LeBron James, dem rein marktwirtschaftlich Teams aus Los Angeles und New York freilich deutlich mehr hätten anbieten können, im Jahr 2003 eben in Cleveland, eine recht triste Industriestadt im Mittleren Westen.
Die offensichtlichen Vorteile dieses Systems waren aber zugleich immer auch schon Gegenstand von Missbrauch. Was bringt es, dem sportlichen Treiben enteilter Teams hinterherzurennen, wenn man zugleich die Chancen auf eines der besten Talente des Sports erhöhen kann?
Zu diesem Zweck passte die Liga das Draftsystem in der Geschichte immer wieder an. "Die Lottery wurde in der Geschichte fünfmal verändert, um dem Verhalten einiger Mannschaften zuvorzukommen", erklärte NBA-Boss Adam Silver am Rande des All-Star-Wochenendes, an dem er sich erstmals ausführlich zur Problematik äußerte.
Zuletzt war das im Jahr 2019 der Fall, als man die Wahrscheinlichkeiten der Lottery abflachte. Hatte das Team mit der sportlich schlechtesten Bilanz bis dahin die klar beste Chance auf den ersten Pick im Draft, wird seither zwischen den "Worst Three" kein Unterschied mehr gemacht.

Nach ein paar Jahren, in dem die NBA stolz behauptete, die Anzahl "tankender" Teams sei auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten, hat man nun wieder die alte Leier. "Sehen wir Verhalten, dass schlimmer ist als in der zurückliegenden Zeit? Ja, das denke ich schon", so Silver weiter.
Zuletzt hatten unter anderem die Utah Jazz für einen kleinen Aufschrei gesorgt. Anfang Februar war das Team aus dem Tabellenkeller der Western Conference auf bestem Wege, einen klaren Erfolg gegen Orlando einzufahren. Mit bis zu 17 Punkten lagen die Männer vom Salzsee noch im dritten Viertel vorn, ehe man sämtliche Starter aus dem Spiel nahm und dem späten Comeback-Sieg der Magic Vorschub leistete. Die NBA sanktionierte die Franchise mit knapp 500.000 Dollar.
Jegliche Anpassungen dieser Art, wie dem Abflachen der Lottery-Wahrscheinlichkeiten, sind eben nichts anderes als das Drehen kleiner Stellschrauben. An der grundlegenden Logik ändern sie nichts. Im Mittelfeld der NBA zu versauern, bringt ein Team in der Theorie nicht weiter. Das große Ziel bleibt schließlich das Gewinnen - schafft man es heute nicht mit dem aktuellen Kader, dann ja vielleicht morgen mit eins, zwei interessanten Nachwuchstalenten.
"Der schlechteste Ort, an dem man sich aufhalten kann, ist in der Mitte der Straße", zeigte sich auch Silver verständnisvoll für die aktuellen Entwicklungen. "Man will entweder gut sein oder eben schlecht, weil dir dann der Draft zugutekommt."
Dass der geschäftsführende Stellvertreter der Liga dieses Verhalten nicht nur anerkennt, sondern es eben auch öffentlich diskutiert, ist durchaus bemerkenswert. Es stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob es zu Änderungen kommt, sondern nur noch in welchem Umfang.
Viele Vorschläge nehmen erneut die Stellschrauben in den Blick. Die Wahrscheinlichkeiten könnten weiter vereinheitlicht werden. Laut ESPN kam beim "Board of Governors"-Meeting im Dezember die Idee auf, bereits den 1. März als Stichtag der Lottery festzulegen. Warriors-Legende Draymond Green machte sich indes dafür stark, tankenden Mannschaften die Erstrundenpicks zu entziehen.
Silver selbst sieht aber noch eine viel tiefgreifendere Reform als veritable Option: "Es gibt nicht nur viele Ideen, die die Lottery mal wieder verändern, sondern auch die Frage, ob es nicht ein besseres System gibt, welches die Interessen aller vereinen würde."
Eine tiefgreifende Lottery-Reform bedarf einer Dreiviertelmehrheit der 30 NBA-Teams (mind. 23 dafür). Eine solche ist angesichts der vielen kleinen Märkte wohl nur schwer umsetzbar. Dass aber der Chef der NBA jenes Thema auf die Tagesordnung setzt, dürfte der Startschuss einer Diskussion werden - mit ungewissem Ausgang.
Julius Ostendorf