18.06.2025
Zehn Picks, viele Fragen
Mit Desmond Bane schickten die Memphis Grizzlies einen ihrer besten Spieler nach Orlando. Sportlich stehen sie seither schlechter da - was nicht heißt, dass auch Ja Morant oder Jaren Jackson Jr. demnächst ebenfalls eine neue Heimat finden. Womöglich nutzt Memphis eine Flut an Picks, um das Team im Sinne des neuen Headcoachs Tuomas Iisalo um seine beiden verbliebenen Stars frisch aufzustellen …

Zach Kleiman wurde deutlich. "Ich kann anderen Executives keinen Vorwurf machen, wenn sie davon träumen, dass wir Ja traden", ließ sich Memphis’ General Manager am 19. Februar im Daily Memphian zitieren. "Allerdings ist es auch nur das: eine Fantasie. Unterschätzt Ja, dieses Team und diese Stadt ruhig weiter, und wir werden unsere Leistung auf dem Court für sich sprechen lassen. Ich werde diesem Unsinn keine weitere Nahrung geben und freue mich darauf, mich wieder auf den Basketball zu konzentrieren."
"Dieses Team" machte seither einiges durch. Während eines 12-16-Runs zum Abschluss der Regular Season entließ Memphis Coach Taylor Jenkins, rutschte dennoch ins Play-in, kam durch und durfte sich zur Belohnung vier Spiele lang mit den Thunder beschäftigen. Einmal verloren die Grizzlies mit 51 Punkten, einmal gaben sie eine 29-Punkte-Führung ab. Eine echte Chance hatten sie nie; hätten sie auch nicht gehabt, hätte sich Morant während der Serie nicht an der Hüfte verletzt.

Was also tun? Ein Team, das vor wenigen Jahren noch eine relativ sichere Route Richtung Contender haben sollte, schien plötzlich seine Grenze erreicht zu haben. Dass Jaren Jackson Jr. spätestens kommenden Sommer eine maximal großen neuen Vertrag unterschreiben möchte, schüttelte den Strategiebaukasten zusätzlich durcheinander. Würde es doch Morant treffen? Jackson? Oder würden die Grizzlies einfach mit ihren großen Drei weitermachen? Sie würden nicht. Desmond Bane spielt ab kommender Saison in Orlando.
Bill Simmons interpretierte den Trade, der in die Finals hineinplatzte wie Alex Caruso in ein gerade noch so schön aufgemaltes Play, als "weiße Flagge". Angesichts der Stärke der Western Conference, mutmaßte er in seinem Podcast, könnte Memphis nun alles einreißen, um dann fertig zu sein, wenn andere Teams, vor allem OKC, schlagbarer erscheinen. Tatsächlich erhielten die Grizzlies gleich vier First-Round Picks, zudem einen Pick Swap: Stoff für exzessive Rebuild-Träume. Zumal die Grizzlies mit Kentavious Caldwell-Pope und Cole Anthony zwar zwei solide bis gute Rollenspieler hinzubekamen, sich durch Banes Abgang qualitativ dennoch verschlechterten.
Memphis könnte den Deal also durchaus als Anfang vom Ende einer Zeit verstehen, die nie so ganz hielt, was sie einmal versprach. Genau eine Playoff-Serie gewannen die Grizzlies seit sie Morant 2019 drafteten. Vieles blieb unerfüllt. Auch diesmal: "Die Saison endete nicht so, wie wir wollten", diktierte Bane noch als Grizzly nach dem Erstrunden-Aus. "Wir wissen klar, wer wir sind und wer wir sein wollen. Wir haben in dieser Serie kein Spiel gewonnen und wissen daher, dass wir noch ein gutes Stück vor uns haben. So werden wir die Offseason angehen."
Ob die Grizzlies ihrem Idealbild in naher Zukunft wirklich näher kommen, muss Bane nun aus der Ferne bewerten. Dass er dabei einer Franchise zusehen muss, das eine Saison lang um möglichst gute Chancen auf einen hohen Draft-Pick kämpft, ist jedoch nicht ausgemacht. Vielmehr könnten die Grizzlies all die hinzugewonnenen Picks nutzen, um das Team zu verstärken, das derzeit bleibt.
| Spiele | Punkte | Rebounds | Assists | FG% | FG3% | FT% |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 313 | 17,8 | 4,6 | 3,8 | 47,2 | 41,0 | 88,3 |
10 First-Rounder, dazu drei Pick Swaps hat Memphis angesammelt. Damit lässt sich arbeiten. Zumal Anthony für die Saison 2026/27 eine Teamoption besitzt, womit sein Vertrag de facto ausläuft, was für mögliche Tradepartner interessant sein könnte. Mittels einiger kleinerer Deals könnte sich Memphis laut The-Athletic-Experte John Hollinger so aufstellen, dass sie für Anthonys 13 Millionen 20,6 Millionen an Gehalt aufnehmen könnten. Auch dank einer 8,8 Millionen großen Room Exception.
Das, so schreibt Hollinger, würde für große, werfende Wings wie Cam Johnson oder P.J. Washington reichen, ebenso für Center wie Daniel Gafford, Jakob Poeltl oder Isaiah Stewart. Natürlich muss es keiner dieser Spieler werden. Das Gedankenspiel illustriert jedoch den möglichen Spielraum. Übrigens auch dann, wenn Memphis Santi Aldamas auslaufenden Vertrag verlängert und sich mit Jackson auf einen neuen Kontrakt einigt.
Gleichzeitig gestaltet sich gerade der Fall von Memphis’ bestem Defender ein wenig kompliziert. Teil kleinerer Trade-Fantasien war wegen seines wahrscheinlich dicken neuen Vertrags auch JJJ. Obwohl er regelmäßig liefert. Jackson ist ein herausragender Verteidiger, trifft als Big über seine Karriere immerhin 35,1 Prozent seiner Dreier und legte vergangene Saison durchschnittlich 22,2 Punkte auf. Gleichzeitig gerät JJJ immer wieder in Foulprobleme und greift sich im Schnitt nur 5,5 Rebounds. Ein sehr guter Spieler, gleichzeitig einer mit Schwächen, der während der ersten Playoff-Runde keine Konstanz fand.

"Ich muss viel besser sein", sagte Jackson selbst nach dem Aus. Hätte er ein All-NBA Team erreicht, hätte er einen Fünf-Jahre-345-Millionen-Dollar-Supermax verlangen können. Der ist nun vom Tisch. Vorerst. Theoretisch könnten die Grizzlies also günstiger verlängern - sofern Jackson nicht kommende Saison erneut versuchen möchte, Wähler von seinem All-NBA-Case zu überzeugen. In diesem Fall müsste Memphis warten. Eventuell einigen sich beide Partien dennoch während dieser Offseason. Auch danach bliebe Spielraum für weitere Veränderungen. Erstrecht dank des Bane-Trades.
Zach Edeys Verletzung - nach einer Knöchel-OP dürfte der Center den Saisonstart verpassen - benötigt Memphis dringend Screener. Genau auf denen fußt ein Teil der Philosophie Tuomas Iisalos, der Jenkins zunächst interimsweise, nun Vollzeit beerbt. Zwar favorisiert auch der Finne einen fließenden Stil ohne großen Fokus auf Blöcke abseits des Balls. Das Potenzial explosiver Guards möchte er dennoch maximieren. Auch durch Screens. Dabei verändern Bigs entweder im letzten Moment den Winkel (Varejao Screen), oder sie blocken während des Abrollens den Weg des Ballführenden zum Korb frei (Gortat Screen).
Von beiden Aktionen sollte Morant profitieren. Viel wurde während der Regular Season über Memphis’ neue Offense und die Probleme, die sie dem Point Guard bereitete, gesprochen. Einiges wurde Iisalo zugeschrieben. Dabei setzte er während seiner Stationen in Paris und Bonn unter anderem auf eine Mischung aus explosiven Guards und harten Blockstellern. Entsprechend gern dürften die Grizzlies beobachten, ob eine reine Iisalo-Offense Morants Spiel wieder stimuliert.
Laut Cleaning the Glass schloss der 2024/25 nicht nur deutlich seltener am Ring ab als jemals zuvor in seiner Karriere (33 Prozent, zuvor zwischen 39 und 49 Prozent), auch die Quoten am Ring sanken von 66 auf 62 Prozent. Erleichtert der neue Coaching-Staff Morants Weg in Richtung Korb? Das Frontoffice dürfte es gern aus nächster Nähe verfolgen, statt mit ansehen zu müssen, wie der Point Guard in anderer Umgebung seine Stärke wiederfindet. Zumal andere Verantwortliche laut Zach Kleiman zwar träumen dürfen, deren Fantasien nach turbulenten Jahren, einer durchwachsenen Saison und neuen Verletzungen aber keine ganz großen Angebote ausspucken dürften.
Natürlich lässt sich nicht ausschließen, dass sich die Grizzlies Rebuild-Optionen offen halten, sich womöglich Angebote für Morant und Jackson anhören. Wahrscheinlicher erscheint, dass Banes Trade nicht Teil einer größeren Strategie des Abrisses in drei Schritten war. Eventuell bot sich den Grizzlies durch Orlandos Angebot eine günstige Gelegenheit, einen großen Vertrag weiterzureichen und Spielraum zu schaffen. Für einen tiefen Run braucht es angesichts der Stärke des Westens sicherlich dennoch Fantasie. Gleichzeitig haben sich die Grizzlies den Fesseln gleich dreier großer Verträge entledigt. Der Trade könnte ein Anfang sein. Von einem sanften Umbau, nicht von etwas Fundamentalem…
Max Marbeiter