03.07.2025
Center in Portland entlassen
Die Los Angeles Lakers haben sich nach einiger Wartezeit endlich den erwarteten Center gesichert: Deandre Ayton schließt sich dem Team für zwei Jahre an. Der frühere Nr.1-Pick wird dadurch prompt einer der größeren X-Faktoren der Liga - wieder einmal.

Zeitreisende aus 2018 würden sich verwirrt die Augen reiben, wären sie auf einmal mit der heutigen Welt konfrontiert. In mehr als nur einer Hinsicht, natürlich. Nicht zuletzt aber wegen allem, was in der Zwischenzeit mit den damals gedrafteten NBA-Spielern passiert ist. Dass der damals an 11 (von Charlotte) gedraftete Shai Gilgeous-Alexander heute der amtierende MVP, Finals-MVP und bald bestbezahlte NBA-Spieler ist, beispielsweise: Eine große Überraschung. Vielleicht aber nicht die größte.
Von den damaligen Top-3-Picks steht einer momentan ohne Team da (Marvin Bagley). Die anderen beiden sind bei den Lakers - was allerdings wohl nicht daran liegt, dass sie vor Jahren Geheimpläne geschmiedet haben wie einst die Heatles in Miami. Luka Doncic, der Nr.3-Pick von 2018, fiel den Lakers im Winter durch einen der schockierendsten Trades der NBA-Geschichte in den Schoß.

Der Nr.1-Pick kam auf einem weniger glamourösen, aber nicht minder überraschenden Weg. Deandre Ayton legte vergangene Saison ein Double-Double im Schnitt auf (wie über seine gesamte Karriere), trotzdem wollte sein voriges Team ihn dringend loswerden. So dringend, dass sie ihn nach fehlenden Trade-Angeboten kurzerhand aus seinem Vertrag herauskauften.
Dieser Vertrag lief 2026 aus - unter normalen Umständen lässt sich damit eine andere Lösung finden, als ihn einfach als irreversible Kosten anzusehen, zumal Ayton nicht verletzt war wie etwa Damian Lillard. Seiner ist jedoch, offensichtlich, ein Sonderfall. Mit Portland hatte nun bereits das zweite Team gelinde gesagt die Schnauze voll vom Big Man.
Woraus sich nun eine Chance für die Lakers ergibt, auf der einen Seite. Woraus sich zwangsläufig aber auch die Frage ergibt: Was ist bei Ayton über die vergangenen sieben Jahre alles schief gelaufen?
Ein kurzer Blick zurück nach 2018 ist angesagt. Damals sprach schon einiges dafür, dass nicht Ayton, sondern Doncic der Nr.1-Pick der Phoenix Suns hätte sein sollen; Phoenix‘ damaliger Head Coach war Lukas slowenischer Nationaltrainer Igor Kokoskov, man kannte sich. Man konnte auch ahnen, dass das Wunderkind aus Europa ein solider NBA-Spieler werden könnte.
Dass Phoenix sich trotzdem für Arizona-Big Ayton entschied, wurde damals dennoch weitaus weniger verdammt als beispielsweise die Entscheidung der Kings an Position 2, statt Doncic Marvin Bagley zu draften. Was nicht wirklich zu rechtfertigen, aber doch zu erklären ist, wenn man insbesondere auf Aytons Hardware blickt.
Ayton ist riesig. Mobil. Athletisch. Hat einen Körper, der ihn von den meisten Spielern abhebt. Dazu bringt er einen Touch mit, der selten für Spieler dieser Größe ist, ist ein exzellenter Midrange-Shooter. Er kann nahezu alles, was Teams von einem modernen Big sehen wollen - noch vergangene Saison, in seinem fünftletzten Spiel für Portland, legte er 25 Punkte und 20 Rebounds auf. An Talent hat es Ayton noch nie gefehlt.
Über die ersten vier Jahre sprach manches dafür, dass Phoenix zwar nicht die richtige, aber eine solide Entscheidung mit ihm getroffen hatte. Zwar wurde Ayton direkt nach dem Start seiner Sophomore-Saison für 25 Spiele gesperrt, nachdem ein unerlaubtes harntreibendes Mittel bei ihm festgestellt wurde, ansonsten lief seine Karrierestart jedoch vielversprechend.
Ayton räumte keine All-NBA-Nominierungen ab wie Doncic ab seinem zweiten Jahr, aber Phoenix gewann, auf höherem Niveau. 2021 erreichten die Suns die Finals, 2022 die beste Bilanz der Regular Season, ehe ein Flame-Out in den Playoffs gegen ausgerechnet Dallas folgte.
Ayton spielte dabei eine prominente Rolle, zeigte gerade in der 21er Postseason ziemlich konstant alles, was das Team sich von ihm erträumt hatte. 16 und 12 legte er über die Playoffs auf, traf 66% seiner Würfe, einen Großteil daraus aus dem Pick’n’Roll, in einer klar definierten Rolle als Roll-Man und Spielpartner von Chris Paul und Devin Booker.
Defensiv kam er mit allen Aufgaben mindestens solide zurecht, sei es am Perimeter, sei es beim Sweep der Suns gegen die Jokic-Nuggets - nur Giannis Antetokounmpo war in den Finals dann eine Nummer zu groß. Schade, aber verkraftbar: Ayton war 22. Es waren seine ersten Playoffs. Das Ende der Fahnenstange schien noch längst nicht erreicht.
Bis dahin sollte es jedoch nicht mehr lange dauern. 2022 lief nach außen hin lange alles gut, intern begann die Stimmung in Phoenix jedoch zu kippen, Frustrationen zu Aytons Einstellung und Professionalität machten sich breit, insbesondere beim damaligen Coach Monty Williams. Als Phoenix in Spiel 7 gegen Dallas unterging, saß Ayton nahezu die komplette zweite Halbzeit draußen - "es ist intern", gab Williams danach zu Protokoll.
Wenige Wochen später unterschrieb Ayton einen neuen Vertrag über vier Jahre und 133 Millionen Dollar - bei den Pacers. Den Phoenix allerdings matchte. Ohne Gegenwert verlieren wollte man den Big Man nicht, trotz aller Frustration. Es bestand wohl auch noch die Hoffnung, dass Ayton spielerisch noch nicht sein Limit erreicht hatte.
Tatsächlich motivierte der üppige Zahltag Ayton, dessen Spiel sich über vier Jahre zuvor nicht signifikant verändert hatte, aber nicht zu einer großen Weiterentwicklung. Anfang 2024 äußerte Ayton mal, was Beobachter ohnehin längst vermuteten: "Ich habe in dieser Liga nichts zu beweisen. Ich bin ein Max-Player, und das werde ich auch weiterhin sein." Was einiges erklärte.

Je länger Ayton in der Liga spielte, desto mehr zeigten sich die Limitierungen, die Probleme, die nahezu allesamt mehr mit der Software als mit der Hardware zu tun hatten. Er ist kein Creator von Offense, weder für sich noch für andere. Er kann ein sehr guter Play-Finisher sein, ist aber keiner, der dahin geht, wo es wehtut - über seine Karriere nimmt er 2,3 Freiwürfe pro Spiel, mit sinkender Tendenz.
Sein Motor ist viel zu oft auf "neutral" eingestellt, er spielt sehr selten wie jemand, der körperlich sehr vielen Gegenspielern klar überlegen ist. Booker brachte es 2023 mal auf den Punkt, als Ayton erstmals gegen Phoenix aufgelaufen war und überzeugt hatte. "Er hat heute extra-hart gespielt. Meine Herausforderung an ihn ist, dass er immer so spielt."
Überdies begleiten ständige Verletzungen seine Karriere. Als Rookie absolvierte Ayton 71 Spiele, seither waren es nur zweimal wenigstens 60 Spiele. Insbesondere die Knie machen ihm in schöner Regelmäßigkeit zu schaffen.
Die Suns, die während Aytons fünfter Saison ihr Team durch den Trade für Kevin Durant komplett veränderten, hatten 2023 genug und gaben Ayton (gemeinsam mit Toumani Camara) in einem Deal ab, der ihnen im Wesentlichen Grayson Allen und Jusuf Nurkic einbrachte, was andeutet, wie sehr sein Ansehen mittlerweile gesunken war. In Portland ging es nur weiter bergab.
Auf den ersten Blick sahen Aytons Zahlen zwar solide aus. Gerade defensiv verweigerte er bisweilen aber komplett den Dienst, blockte nicht aus, verschlief Rotationen - The Athletic zufolge präsentierte er sich außerdem nicht kritikfähig, rastete in der Kabine aus, wenn er seiner Meinung nach zu früh ausgewechselt oder unfair für fehlenden Einsatz kritisiert wurde.
Überdies erschien er immer wieder zu spät zum Teamflugzeug oder zu Trainingseinheiten, ging die Reha nach seinen Verletzungen nicht mit letzter Konsequenz an. Im Januar 2024 verpasste er ein Spiel, weil die Straßen in seiner Nachbarschaft vereist waren. Dass er in Portland eher langsam startete, erklärte er damit, dass er monatelang kein richtiges Bett hatte und auf einer Luftmatratze schlafen "musste" - während er über 30 Millionen Dollar im Jahr verdiente.
Immer wieder gab Ayton Zitate zum Besten, die Spieler, Coaches und Fans mit den Augen rollen ließen, bezeichnete sich als "DominAyton". Tatsächlich dominierte er von 95 Spielen in zwei Jahren nicht viele, und demonstrierte eine Einstellung, die Portland nun dazu verleitete, ihn von den jungen Bigs im Kader (Donovan Clingan, Yang Hansen) um jeden Preis fernhalten zu wollen.

Nun darf er sich bei einem dritten Team versuchen. Nicht nur die Lakers wollten ihn haben - was wiederum für sein Talent spricht, das nach wie vor da ist. Mit noch immer erst (fast) 27 Jahren passt Ayton besser in die Doncic-Timeline, als es ein Brook Lopez oder ein Al Horford tun würde. Er ist ein besserer Spieler als Vorjahres-Starter Jaxson Hayes, immerhin.
Er ist nun außerdem weit weg von einem Max-Contract - vielleicht hat er wieder "etwas zu beweisen", sieht die zwei Jahre auf diesem Vertrag wie klassische Contract-Years an. Dann könnte er den Lakers tatsächlich helfen. Es müsste dafür jedoch eine große Umstellung erfolgen.
Seit Jahren nimmt Ayton bloß rund 40% seiner Abschlüsse am Ring, wenig für einen Big Man (in Jahr 3 waren es 61%!). Gerade Doncic liebt es aber bekanntermaßen, mit physischen Rim-Runnern zu spielen, die ihm mit harten Screens Räume schaffen und denen er Lobs servieren kann. Und die ihm defensiv den Rücken freihalten können.
Ayton könnte theoretisch vieles davon abdecken, wenn er sich daran erinnert, warum es in seinem dritten Jahr so gut lief. Es ist unterm Strich sinnvoll, dass die Lakers diesen Versuch mit ihm unternehmen. Klar ist aber auch, dass all die roten Flaggen nicht von ungefähr da sind. Theorie und Praxis stimmen bei Ayton schon seit langer Zeit nicht mehr überein.
Ole Frerks