27.06.2025
Portlands Wahl wirft Fragen auf
Als sie mit dem 16. Pick Yang Hansen drafteten, ernteten die Portland Trail Blazers viel Unverständnis. Zu unsicher sei das Potenzial des Centers in der NBA, zu voll der Frontcourt. Doch die Blazers kennen den Chinesen schon lange, verfolgen eine klare Idee - und erhalten Unterstützung von einem, der es theoretisch wissen muss…

Yang Hansens Weg war weit. Stufe für Stufe stieg er von der Tribüne hinab, durchquerte den Green Room, erklomm das Podium, um sich dort erst einmal mit seiner Draft Cap zu beschäftigen. Nicht, weil er Farbkombination, Schriftart, Logo und Schnitt genau begutachten wollte. Yang musste seinen neuen Kopfschmuck erst einmal richtig einstellen. Bei Frist-Round Picks ist das meistens vorab erledigt: der elegante, reibungslose Ablauf. Doch Yang, der erste chinesische First Rounder seit Yi Jianlian 2007, ist keine gewöhnliche Wahl.
Gerechnet hatte mit Yang niemand. Ein Projekt sei er, hieß es rund um den Draft. Einer für die zweite Runde, für einen späten Gamble ohne große Verlustangst. Aber in Lottery-Nähe? Niemals! Sein Skillset mag Interesse provozieren, nur spielte Yang in Chinas CBA, einer Liga, die eine valide sportliche Evaluierung mit Maßstab NBA verkompliziert. Treten dort bereits Schwierigkeiten zu Tage, so die Annahme, könnten sie im Kontext der Association die in China offenbarten Stärken unter sich begraben. Sicherheiten schenken solche Fälle kaum.
Nicht zu wissen, kann Zweifel säen - oder Hoffnung stimulieren. Während viele Beobachtende Fragen stellten, gaben sich die Blazers ihren positiven Impressionen hin. Nicht etwa ihrem Bauchgefühl. ESPN-Draft-Experte Jonathan Givony berichtet, Portland habe Yang erstmals während der U19-Weltmeisterschaft wahrgenommen. Später, so heißt es, seien die Assistant-GMs Mike Schmitz und Sergi Oliva nach China gereist, um den Center genauer zu beobachten. Das Urteil blieb: Dieser 7 Footer könnte sich soweit unters Radar gezwängt haben, dass Portland auch ohne Top-Pick einen Steal landen könnte.
Als Yang sich im vergangenen Jahr gegen Draft entschied, wollten die Blazers diesmal daher keine Risiken eingehen. "Er war unser Ziel", erklärte GM Joe Cronin eine Entscheidung, die außerhalb Portlands viele Ungläubige zurückließ. "Aber die Frage war, wie weit wir nach hinten rutschen und ihn immer noch bekommen konnten." Vier Plätze, mehr wollten die Blazers nicht riskieren. Da Memphis unbedingt Cedric Coward wollte, erhielt Portland für den kurzfristigen Verzicht zudem einen zukünftigen First- sowie zwei Second-Round-Picks.

An 16 schlugen sie dann zu. Entscheidend waren dabei weniger die harten Zahlen - Yang legte in der CBA vergangene Saison 16,6 Punkte, 10,5 Rebounds, 2,6 Blocks und 3 Assists auf, wurde 2023 zudem Rookie of the Year - die Mischung aus potenziellem Skillset und physischen Voraussetzungen weckte Neugier und Faszination. "Ein High-End-Skillset" bescheinigt Cronin seinem neuen Center. "Seine Passfähigkeiten, sein Basketball-IQ, seine Funktionalität im Post, seine Fähigkeit, auch weiter raus zugehen. Wir glauben, er wird ein guter Freiwerfer und wird auch seine Dreier treffen. Defensiv ist er sehr klug, kann mit seiner Größe und seinem IQ im Post vielseitig sein." Portland richtet die Fokus auf die positiven Eindrücken.
Tatsächlich blitzt bei Yang ein gutes Gespür für das Spiel auf. Bekommt er den Ball rund um die Freiwurflinie, erspürt er cuttenden Mitspieler, besitzt gleichzeitig den notwendigen Passing-Touch um ihnen dann den Ball für den schnellen Layup zu servieren. Das Gefühl verlässt Yang auch beim eigenen Abschluss am Ring nicht. Sein Wurf könnte ebenfalls nutzbar sein - zumal er die Quoten von draußen in seiner zweiten CBA-Saison auf 33 Prozent (bei allerdings nur einem Versuch pro Spiel) nach oben drückte. All das veranstaltet ein 2,16 Meter langer Körper mit 2,21 Meter Wingspan.
Ein "sehr, sehr einzigartiges Talent" sei Yang, sagt Cronin. NBA-Insider Jake Fisher berichtet, eine Nuggets-Quelle habe ihm nach Portlands Pick schlicht "Chinesischer Jokic" geschrieben. Ein Kompliment aus nächster Nähe. Die Blazers dürften es gern hören. Es verstärkt den Fokus auf das Positive. Lauter waren dennoch die Zweifel.
Denn so verlockend Hansens theoretisches Skillset auch sein mag, diverse Beobachtende und Experten stellen in Frage, ob es die NBA jemals voll ausgeschöpft zu sehen kommt - und auch das hängt mit seinem Körper zusammen. Wegen seiner hohen Hüfte fürchtet The-Athletic-Draft-Experte Sam Vereine einen Mangel an Explosivität und lateraler Geschwindigkeit. Zudem fehle es Yang an etwas, das andere versierte Big Men wie Jokic, Domantas Sabonis oder Nikola Vucevic besäßen: die Fähigkeit, Gegenspieler mit latentem Schultereinsatz zu überpowern.
Auch defensiv bestehen Fragezeichen. So wurde Hansen 2024 zwar Defensive Player of the Year der CBA, gleichzeitig beobachten Scouts immer wieder Schwierigkeiten, gerade gegen kleinere, schnellere Spieler im Raum - sprich abseits von Zone und Ring - zu verteidigen. Switchen würde damit kompliziert. Hansen müsste traditionell Drop Coverage spielen, beispielsweise nach dem Pick and Roll nach unten absinken, um den Zug zum Korb zu verhindern. Direkt am Mann, so die Annahme, wäre er verloren.
Tatsächlich bestanden auch bei Jokic Bedenken, er sei am Ende nicht schnell genug, um gegen all die Athleten in der NBA zu verteidigen. Ein dominanter Verteidiger ist der dreifache MVP nach zehn Jahren USA tatsächlich nicht. Gleichzeitig gelingt es ihm und den Nuggets regelmäßig, seine defensiven Schwächen zu kaschieren und die Stärken zu stimulieren. Was nicht heißt, dass es bei Yang ähnlich laufen muss.
Talente erhalten vor dem Draft gern einen Paten, den sie imitieren könnten - um sich am Ende doch zu einem ganz eigenen Typus zu entwickeln. Jokic dichtete mancher beispielsweise eine Ähnlichkeit zu Pero Antic an. Sein Fußabdruck im Geschichtsbuch der Liga ist längst minimal größer. Der Maßstab Jokic ist undankbar. Scheitern muss Yang deshalb nicht, selbst wenn er ihm nie gerecht wird.

Während der Draft-Combine-Scrimmages wirkte er beispielsweise keinesfalls verloren. Yang hielt mit. Unumstößlich ist gleichzeitig der Fakt, dass er in Portland zu Donovan Clingan, Nummer-7-Pick 2024, Deandre Ayton und Robert Williams stößt. Vier Center haben die Blazers damit im Roster. Einerseits muss das nicht so bleiben. Andererseits soll Yang deshalb nicht erst einmal geparkt werden. Portland will ihn direkt bei sich haben, seine Entwicklung so stimulieren. Ohnehin, sagte Cronin nach dem Draft, ging es in Brooklyn weniger um den Fit. Eigenschaften waren entscheidend.
Während der Playoffs sei Portlands GM vor allem der Basketball IQ der Besten aufgefallen. "Ihre Skillsets, ihre Fähigkeit, andere und sich gegenseitig besser zu machen, hatte einen entscheidenden Anteil, wer diese Spiele gewann. Und das bringt Yang. Sein Basketball-IQ ist unglaublich hoch und er macht andere besser. Das versuchen wir hier zu schaffen: Jungs finden, die helfen, sich gegenseitig zu ergänzen und aufzubauen. Darin geht er auf."
Am Ende ist der Draft immer auch eine Wette. Die einen sehen negative Tendenzen und wetten, dass etwas nicht funktioniert, die anderen fokussieren sich auf das Positive. Die einen mahnen zur Vorsicht, die anderen beschwören Optimismus. Portland hat offenbar einen größeren, ausführlich, ausgearbeiteten plan mit Yang. Es gibt Gründe, die dafür sprechen, dass er aufgeht. Andere wecken Zweifel. Wo auch immer der Weg nach einem langen Start hinführt, zu Ende ist er längst nicht…
Max Marbeiter