vor 4 Stunden
Der starke Saisonstart des Mavs-Hoffnungsträgers
Cooper Flagg ist exzellent in die neue Saison gekommen. Zum Start legte der Rookie of the Year nicht nur Zahlen auf, die an einen der Besten aller Zeiten erinnern, vor allem macht er aus den Mavs trotz kleinerer Schwierigkeiten zuletzt vielleicht einen ernstzunehmenden Playoff-Kandidaten. Flagg profitiert dabei von Kyrie Irving, gleichzeitig nimmt er selbst die nächste Entwicklungsstufe und schärft damit womöglich den Plan der Mavs…

LeBron James' Prime exakt zu datieren, ist nahezu unmöglich. Über bislang 23 Jahre gab es immer wieder neue, dann wieder andere Höhen. Drei seiner vier Titel gewann James jedoch zwischen 2012 und 2016. Die Zahlen dahinter: 26,3 Punkte, 7,2 Rebounds, 6,8 Assists. Cooper Flaggs Statistiken im Oktober? 26,8 Punkte, 6,0 Rebounds und 6,0 Assists. All das verzierte der Forward mit 1,2 Blocks und 2,6 Steals. Klar, die Stichprobe ist mit fünf Spielen minimal. Dennoch bewegt sich der Rookie of the Year in bester Gesellschaft stark in Richtung absolute Elite.
Dass Flagg erneut einen Sprung machen könnte, schlug bereits die vergangene Saison vor. Gewissermaßen Monat für Monat lernte der damalige Nummer-1-Pick etwas dazu; sein Spiel wurde immer erwachsener, Defenses fanden seltener Wege, die Umsetzung seiner Ideen zu verhindern. Flagg ist das, was sich viele vor dem Draft 2025 von ihm versprachen: einer, der einmal zu den Besten der gesamten Liga zählen kann. Auch, weil er zuerst Point Guard spielen musste - und jetzt nicht mehr muss.
"Er zieht viel Aufmerksamkeit auf sich", sagte Flagg kürzlich. "Das öffnet das Feld für alle." "Er" ist Kyrie Irving, der 18 Monate nach seinem Kreuzbandriss seit Saisonstart wieder (größtenteils) zur Verfügung steht und bislang genau das tut, was sich die Mavs erhofften: Der Point Guard absorbiert nicht nur Aufmerksamkeit, gleichzeitig versteht er zu initiieren, einzusetzen abzuschließen; was wiederum Flaggs Aufgabenprofil anpasst. Noch so ein Angleichen von Theorie und Praxis.
Neu-Coach Dusty May vertraut Irving häufig den Ball an. Um ihn danach selbst schnell zu erhalten, kommt Flagg aus der Bewegung - was zwei Vorteile hat: Einerseits muss sich einer, dessen Handles nicht perfekt sind, nicht permanent druckvollen On-Ball-Verteidigern auseinandersetzen. Andererseits kann Flagg seine Dynamik so noch besser nutzen.
Erhält er den Ball nach Handoffs oder Pässen mit Anlauf - Walter Clayton und Naji Marshall übernehmen diesen Part ebenfalls regelmäßig -, ist der Forward kompliziert aufzuhalten. Flagg besitzt diese natürlich Explosivität, die ihn eher schweben, als brachial wirken lässt; und wer einmal schwebt, der lässt sich nur schwer einfangen. Zumal Flagg nicht nur den geraden Weg kennt.

Seine Fußarbeit ist exzellent. So baut er auch bei Maximalgeschwindigkeit Tempoverzögerungen, Drehungen, Sidesteps ein, die Verteidigern regelmäßig jeglichen Zugriff verwehren. So dringt Flagg immer wieder tief in die Zone ein, oft auch ganz bis zum Ring vor, wo er dank softem Touch verlässlich abschließt. Wenngleich er nicht auf den Layup angewiesen ist.
Flaggs Dreier mag zwar immer noch nicht fallen (rund 23 Prozent 3FG bislang), dafür zählt er aus der Mitteldistanz zur absoluten Wing-Elite. Vor allem aus der kurzen. Dort lässt Flagg in dieser Saison mit Vorliebe seinen Floater los, der für Defenses immer häufiger zum Problem wird.
Einerseits besitzt der Forward einen herausragenden Touch und traf bis zum Spurs-Spiel 60 Prozent seiner Würfe aus der kurzen Mitteldistanz, also dem Bereich, der sich am besten für den Floater eignet. Andererseits wird er ihn so ansatzlos los, dass Defender nur schwer reagieren können, dass er gleichzeitig kaum von einem Lob-Anspiel auf beispielsweise Daniel Gafford zu unterscheiden ist.
In Kombination macht all das Flagg schwer ausrechenbar. Zumal den Forward nur am Rande zu interessieren scheint, dass der Schwierigkeitsgrad angesichts all der Hochgeschwindigkeitsspins, Richtungs- und Tempowechsel maximal hoch ist. Flagg erkennt Situationen, weiß, wann er selbst den Abschluss suchen, ebenso, wann und wie er Schützen einsetzen sollte.
"Was mich wirklich umgehauen hat", sagt Coach May, "dass der Ball zur richtigen Zeit seine Hand verlässt. Oft halten Spieler den Ball. Sie wollen den Assist. Sie halten den Ball, weil sie ein Play machen wollen. Er hat ebenso viele Hockey-Assists (den Pass, der zum entscheidenden Pass führt, Anm. d. Red.) wie normale Assist, weil es ihm egal ist."
Anders formuliert: Flagg scheint tatsächlich einer dieser "Winning Player" zu sein, die eben tun, was zu tun ist, um am Ende das bessere Team zu sein. Dass er dabei bereits mit 19 Jahren häufig gute Entscheidungen trifft, beeindruckt. Genauso wie das Wie. Flagg ist nicht James. Zwei Spieler, zwei Menschen, zwei Wege. Macht er sich auf den Weg Richtung Zone, hat er jedoch bereits jetzt häufig dieses Unvermeidliche, das LeBron über fast 20 Jahre in der Liga begleitete.
Zudem misst sich Flagg gern mit den Besten. Sowohl gegen Giannis Antetokounmpo als auch gegen Shai Gilgeous-Alexander wirkte er phasenweise wie der beste Spieler auf dem Court. Am Ende bezwang Dallas Miami, ehe es OKC die zu der Zeit erste Saisonniederlage zufügte.
"Er ist ein Spieler für die großen Momente", sagte dann auch Thunder-Coach Mark Daigneault. "Wegen seines Motors auf diesem Level ist er einfach beeindruckend. Für mich ist das entscheidend. Wenn ich bei uns an Jalen Williams und Chet (Holmgren, Anm. d. Red.) denke, geht es darum. Das ist ihr Geheimnis. Sie lieben den Wettkampf. Zu dieser Spezies gehört auch er."
Natürlich gibt es noch Spiele wie das gegen die Kings (Kyrie pausierte!), in dem Flagg nur drei von 19 Würfen traf und Dallas das erste Team der Saison war, das Sacramento unterlag. Grundsätzlich scheint sich der Rookie of the Year aber bereits in Jahr zwei seinen Platz unter den absolut Besten sichern zu wollen. Was Dallas' Planungen womöglich eine klarere Richtung gibt.

Viel wurde und wird spekuliert, ob die Mavs Irving, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, abgeben wollen und sollen. Mit 34 ist der Point Guard schließlich fast doppelt so alt wie Flagg. Andererseits passt Irving eben auch so gut zum Forward, weil er ihm genau die Aufgaben abnehmen kann, die Flagg weniger liegen; weil er gleichzeitig das Feld öffnet und ihm das Aufgabenfeld überlässt, das ihm am besten liegt.
So einen gibt kein Team ab, wenn es die Chance sieht, erfolgreichen Basketball zu spielen. Zumal Flaggs schwächste Saisonleistung mit Irvings Pause koinzidierte. Und tatsächlich wirken die Mavs derzeit wie ein Team, das durchaus Chancen auf die Playoffs hat; wie ein Team, für das es sich womöglich lohnt, Flaggs noch günstigen Rookie-Vertrag zu nutzen, um ein konkurrenzfähiges Team zu basteln - womit Dallas eher Käufer als Verkäufer wäre. Ein Deal, der zwar Picks, aber wenig Talent bringt, das sofort weiterhilft, ergibt damit vermutlich wenig Sinn.
| LeBron | Kategorie | Flagg |
|---|---|---|
| 79 | Spiele | 7 |
| 27,2 | PTS | 24,3 |
| 7,4 | REB | 6,3 |
| 7,2 | AST | 6,3 |
| 47,2 | FG% | 46,8 |
| 35,1 | 3P% | 21,2 |
| 2,2 | STL | 2,1 |
| 0,7 | BLK | 0,9 |
Dafür ist Flagg zu Beginn von Jahr zwei bereits zu gut. Der Forward hat die nächste Evolutionsstufe genommen. Vielleicht die übernächste. Was nicht heißt, dass ständig alles glatt und die Kurve dellenfrei steil nach oben verläuft.
Gegen San Antonio hatte Flagg gerade in der ersten Hälfte arge Probleme mit Victor Wembanyamas Zonenpräsenz, traf nur einen seiner ersten elf Würfe, setzte seine komplizierte Serie aus dem Kings-Spiel damit fort. Die komplette Umkehr gelang zwar nicht, auch in Halbzeit zwei dominierte Flagg nicht. Dafür hatte er mit sechs von acht und teilweise klugem Playmaking Anteil daran, dass die Mavs nach 19 Punkten Rückstand beinahe noch gewannen.
Es ist keine Raketenwissenschaft: Einer, der bis kurz vor Weihnachten noch als Teenager durch die Liga wandert, ist längst nicht perfekt. Flagg muss noch lernen - doch genau das macht er. Und während der ersten beiden Saisonwochen spielte er nicht nur besser als in der letzten Saison, er wirkte wie einer der am schwersten zu verteidigenden Offensivspieler der Liga. Fast wie einst LeBron James…
Max Marbeiter