17.06.2025
Indiana war nicht chancenlos
Die Oklahoma City Thunder haben mit einem starken Spiel 5 die Kontrolle in den NBA Finals zurückgewonnen und liegen erstmals in Führung. Jalen Williams und Shai Gilgeous-Alexander lieferten dabei meisterliche Vorstellungen ab, während Indianas bester Spieler einen Horrorabend erlebte. Die Erkenntnisse zum Spiel.

Über die gesamte Saison begleitete die Thunder eine Frage, die im Hinblick auf ihre Playoff-Tauglichkeit wieder und wieder gestellt wurde. Ist Jalen Williams bereit, auch unter Druck eine gute zweite Option zu sein? "Reicht" J-Dub als Partner für Shai Gilgeous-Alexander auf dem höchsten Level? Nun, diese Frage muss nicht mehr gestellt werden.
Nicht, dass Williams in der Postseason keine schwachen Spiele gehabt hätte - Game 6 gegen Denver sticht heraus, Game 1 dieser Finals war ebenfalls nicht berühmt. Unter Druck jedoch war der 24-Jährige einschließlich Game 7 gegen Denver sowohl offensiv als auch defensiv immer zur Stelle und scheint sein Spiel Schritt für Schritt auf ein neues Level zu hieven.
Game 5 war nun sein (bisheriges) Meisterstück. 40 Punkte, 14/25 FG, 9/12 FT, 6 Rebounds, 4 Assists, 1 Turnover, die gewohnt exzellente Defensive. Mehr "große" Buckets, als man an einer Hand abzählen kann, immer wieder auch in Schlüsselphasen - 13 Punkte machte Williams im dritten Viertel, 11 im vierten, traf Dreier, per Drive, in Transition, verlor in einem bisweilen unkontrollierten Spiel nie den Überblick.
"Er hat heute wirklich mutig gespielt", lobte Gilgeous-Alexander seinen Nebenmann. "Er hat große Plays am Fließband geliefert. Immer, wenn wir einen Wurf gebraucht haben, hat er ihn getroffen. Er hatte keine Angst. Ob der Wurf nun gefallen ist oder nicht, und offensichtlich ist er meistens gefallen, er hat alles mit Selbstvertrauen gemacht."
Das beste Spiel seiner Karriere brachte Williams in historische Gesellschaft - 40 Punkte in einem Finals-Spiel haben grundsätzlich noch nicht allzu viele Spieler aufgelegt, er ist seit heute der siebtjüngste. Drei aufeinanderfolgende Finals-Spiele mit wenigstens 25 Punkten haben vor ihrem 25. Geburtstag in den letzten 40 Jahren sonst nur Kyrie Irving, Dwyane Wade, Kevin Durant und Shaquille O’Neal aufgelegt.
"Das war eine unglaubliche Leistung von ihm", lobte auch Mark Daigneault. "Über das ganze Spiel, er hatte immer seinen Fuß auf dem Gaspedal. Hat eine Menge Druck ausgeübt, immer wieder das richtige Play geliefert."
Die J-Dub-Euphorie sollte dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch SGA ein überragendes Spiel zeigte. Der MVP kam diesmal auf 31 (9/21 FG, 13/14 FT), 10 Assists, 2 Steals und 4 Blocks, war mitnichten ein Nebendarsteller. Im Gegenteil: OKC zeigte sein wohl bestes Offensivspiel dieser Serie, weil sich die beiden besten Spieler so gut ergänzten.
Schon zum Ende von Game 4 hin hatte sich gezeigt, dass Shai und J-Dub sich mit gegenseitigen Screens helfen konnten, dass es insbesondere Shai gut tat, wenn OKC in der Lage war, Andrew Nembhard von ihm wegzuswitchen. Das probierten die Thunder auch in Game 5 häufig und erzielten dadurch abermals gute Resultate, auch dank der Screening-Arbeit von Isaiah Hartenstein oder Kenrich Williams.
Indianas Defense war immer noch gut - gerade am Ring ließ OKC abermals auch einiges an guten Möglichkeiten liegen. Grundsätzlich schien es aber, als wüssten die Thunder nun besser, wie sie Driving Lanes kreieren und die Zone attackieren konnten, der offensive Fluss sah wesentlich sauberer aus als in der vorigen Partie.
Das ließ sich auch an den Zahlen erkennen. Ganze drei Dreier hatten die Thunder in Game 4 getroffen, diesmal waren es schon im ersten Viertel 4/6, 14/32 insgesamt. Auf lediglich 10 Assists folgten diesmal 24.
"Der Flow war deutlich besser", sagte SGA. "Der Ball hat sich etwas mehr bewegt, wir waren aggressiver. Wir haben die Zone attackiert und dort Entscheidungen getroffen. Das war besser von uns."
Ein nicht unwesentlicher Faktor dabei bestand darin, dass OKC wieder mehr von seinen Rollenspielern bekam als bei den Auswärtsspielen. Aaron Wiggins streute nach mehreren Spielen als Non-Faktor vier Dreier ein, Cason Wallace traf drei - damit kompensierte OKC dann auch, dass Alex Caruso (1/8) und Chet Holmgren (4/15) eher schwache Scoring-Games zeigten.

Auf der Gegenseite war OKC ebenfalls zurück in seiner Komfortzone - welche den minimalen Komfort für jeden gegnerischen Spieler vorsieht. Ihre Ball-Pressure war erdrückend, 22 Ballverluste forcierten die Thunder diesmal, anders als in Spiel 1 etwa schlugen sie diesmal auch Kapital aus all diesen Ballgewinnen (32 Points off Turnovers).
Tyrese Haliburton leistete sich nur drei dieser Ballverluste, hatte aber trotzdem einen recht großen Anteil an den offensiven Problemen der Pacers - da er nur sehr eingeschränkt mitwirken konnte. Lu Dort klebte erneut über das ganze Spiel an ihm wie ein billiger Anzug, verhinderte in vielen Possessions bereits, dass Indianas Star-Guard überhaupt an den Ball kam.
Haliburton stürzte zudem im ersten Viertel und schien seine bereits existente Verletzung am Bein wieder zu provozieren. "Er ist nicht bei 100 %, das ist ja ziemlich offensichtlich", sagte Rick Carlisle. "Ich glaube aber nicht, dass er das nächste Spiel verpasst. Wir haben uns in der Halbzeit Sorgen gemacht, aber er bestand darauf, weiterzuspielen. In der zweiten Hälfte hat er einiges gut gemacht, aber bei 100 % ist er nicht."
Die Resultate in Game 5 sprachen in jedem Fall eine klare Sprache. Haliburton fand nie ins Spiel, hatte anders als in den ersten beiden Spielen auch keinen späten Push mehr im Repertoire. Er blieb bei sechs Versuchen ohne Field Goal aus dem Feld, seine 4 Punkte waren ein Playoff-Career-Low.
Haliburton hatte immerhin 6 Assists und 7 Rebounds, konnte sonst aber nicht allzu viel beitragen. Womit den Pacers ihr bester Passer UND Shooter genommen wurde - der Rest des Teams musste folglich viel Vier-gegen-Vier spielen, ohne Haliburtons Gravity nutzen zu können.
Als Outlet spielte er keine große Rolle, was mit erklärte, warum Indiana viele Notpässe spielen musste, die dann beim gegnerischen Team landeten.
"Ich habe heute wirklich nicht gut gespielt, aber es ist für mich nicht wirklich eine Option, nicht zu spielen", sagte Haliburton. "Wenn ich gehen kann, dann will ich spielen. Das verstehen sie. Und es lässt sich nicht ändern. Ich muss alles dafür tun, um in Spiel 6 bereit zu sein."
Bitter waren die Probleme Haliburtons vor allem deshalb, weil das Team sonst viel dafür tat, um eins der patentierten Pacers-Comebacks durchaus möglich zu machen. Der Start ins Spiel war sehr suboptimal und über weite Strecken der ersten Halbzeit wirkte OKC klar überlegen, im dritten Viertel schickte sich Indiana aber zeitweise an, die Kontrolle zurückzugewinnen.
Um jeden Rebound wurde gekämpft, phasenweise landete jeder Loose-Ball bei den Pacers. OKC ließ selbst ein paar Chancen liegen und leistete sich im dritten Viertel sechs seiner insgesamt bloß elf Ballverluste. Komplett kleinzukriegen war die Pacers-Offense trotz der Probleme Haliburtons nie.
Siakam riss das Spiel kurzzeitig an sich, kam auf 28 Punkte und war auch defensiv überall. Myles Turner war wieder besser als in den vorigen Spielen, T.J. McConnell war für einige Minuten der beste Guard auf dem Court, erzielte 13 seiner 18 Punkte im dritten Viertel und schien der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der beim Drive regelmäßig an Caruso vorbeikommen konnte.
Indiana ging nie in Führung, war zu Beginn des vierten Viertels aber kurz auf 2 Punkte dran, nachdem man zuvor mit bis zu 18 Zählern zurückgelegen hatte. Die Geschichte von (unter anderem) Spiel 1 wiederholte sich aber nicht; unmittelbar nach diesem Verkürzen traf J-Dub einen Dreier, dann fing Cason Wallace einen fehlerhaften Nembhard-Pass und stopfte auf der Gegenseite. Wenig später war der Vorsprung wieder zweistellig, in vier aufeinanderfolgenden Angriffen verloren die Pacers den Ball.
Die verpasste Chance der Pacers war Spiel 4, als sie ihren 7-Punkte-Vorsprung im vierten Viertel hergaben - auch in diesem Spiel wäre mit etwas besserer Execution und einem besseren Haliburton aber vielleicht mehr drin gewesen. Letzten Endes hat OKC aber scheinbar etwas mehr, worauf es sich auf dem höchsten Level verlassen kann: Die elitäre Defense, natürlich.
Aber eben auch zwei Offensivspieler, die ihr Glück am Ende erzwingen können, mit ihren Drives, ihrer Physis, ihrer Unvermeidlichkeit. Letzteres eine Komponente, die der Pacers-Offense bei all ihrer egalitären Brillanz vielleicht noch fehlt. Was nicht bedeuten muss, dass man das Team nun vollständig abschreiben sollte, der Underdog-Status ist für die Pacers schließlich normal.
"Wir standen über die letzten beiden Jahre oft mit dem Rücken zur Wand und mussten verschiedene Wege finden, um zu gewinnen", sagte Haliburton. "Niemand hat gesagt, dass das hier leicht werden würde. Es ist fast schon poetisch, dass wir jetzt hier stehen. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand."
Ole Frerks