17.04.2026
Playoff-Preview: Celtics-Sixers
Die Boston Celtics empfangen in der ersten Runde der Playoffs die Philadelphia 76ers und wollen nahtlos an die Serien der vergangenen Jahre anknüpfen. Philly muss dagegen auf gleich mehrere Wunder hoffen.

Hätte man vor der Saison Geld darauf gewettet, dass die Boston Celtics die Philadelphia 76ers in der ersten Runde der Playoffs als 2. Seed im Osten empfangen würden, wäre man heute wohl um einige Euro reicher. Denn die Celtics waren vor der Saison die größte Wundertüte der Liga. Mit der schweren Verletzung und dem geglaubten Saison-Aus von Jayson Tatum sowie dem finanziell getriebenen, radikalen Umbruch, durch den in Jrue Holiday, Kristaps Porzingis und Al Horford drei feste Größen das Team verlassen mussten, war nahezu alles neu beim Meister von 2024.
Niemand wusste, ob Jaylen Brown in der Lage sein würde, ein Team als erste Option anzuführen (kann er), ob Coach Joe Mazzulla es schaffen würde, aus einem komplett umgekrempelten Kader das Maximum rauszuholen (konnte er), wie die Center-Rotation aussehen soll (gut!) und ob die Celtics es überhaupt schaffen würden, eine vernünftige Rolle im Kampf um die Playoff-Plätze zu spielen (q. e. d.). Das alleine ist schon ein riesiger Erfolg,
Dass Tatum viel früher als erwartet von seiner Verletzung zurück ist und mittlerweile schon wieder wie der Top-5-bis-10-Spieler der Liga aussieht, der er davor war, ist ein absoluter Bonus und lässt die Fans in Massachusetts groß träumen.
| Celitcs | Stat | Sixers |
|---|---|---|
| 56-26 | Bilanz | 45-37 |
| 120,0 (2.) | Offensiv-Rating | 114,3 (16.) |
| 111,7 (4.) | Defensiv-Rating | 114,4 (17.) |
| +8,3 (4.) | Net-Rating | -0,1 (18.) |
| 2-2 | Direkter Vergleich | 2-2 |
Auf der Gegenseite ist die Saison (mal wieder) deutlich anders verlaufen als eigentlich geplant. Nach dem überragenden Saisonstart, als Tyrese Maxey und Rookie VJ Edgecombe das explosivste Backcourt-Duo der Liga waren, haben sich schnell die Probleme breitgemacht: Joel Embiid kam von seiner Verletzung zurück und sah wie ein Schatten seiner selbst aus, Paul George spielte zunächst ordentlich, wurde dann aber aufgrund eines Verstoßes gegen das Anti-Drogen-Programm der Liga für 25 Spiele gesperrt.
Embiid fing sich nach seinem Stotterstart zwar und legte zwischenzeitlich richtig starke Zahlen auf (knapp 30 Punkte im Schnitt zwischen Januar und März), fällt pünktlich zu den Playoffs aber nach einer Blinddarm-Not-OP auf unbestimmte Zeit aus. Dass er beim Play-In-Sieg über die Magic bei seinen Teamkollegen auf der Bank saß, war zwar schon mal ein kleiner Lichtblick, ob er in der Serie gegen die Celtics aber überhaupt eingreifen kann, ist unklar.
Das sind die Sixers allerdings auch schon gewöhnt, schließlich stand der Ex-MVP in dieser Spielzeit nur insgesamt 38 Mal auf dem Feld, nach dem All-Star Break sogar nur noch siebenmal. Ähnlich wie ihr Big Man ist auch das restliche Team nie richtig ins Laufen gekommen, was die längste Siegesserie der Saison (4 Spiele) gut verdeutlicht. Entsprechend waberten die Sixers stets um die Plätze sechs bis zehn herum und durften sich bei Orlando bedanken, dass sie das Play-In-Spiel in der Wells Fargo Arena ausrichten durften.
Wenn alles normal läuft, sind die Celtics das klar bessere Team - und das wissen sie auch. Obwohl die Sixers-Fans am Ende des Play-Ins euphorisch "We want Boston" skandierten, sollte ihnen ein Trip nach Beantown eher Angst bereiten. Der letzte Seriensieg von Philly gegen Boston reicht bis ins Jahr 1982 (!) zurück und in den vergangenen neun Saisons scheiterten die Sixers in dieser einseitigen Rivalität gleich dreimal (4-12-Bilanz).
Boston hat in Brown und Tatum die beiden besten Spieler der Serie und ist an einem guten Tag offensiv kaum zu stoppen. Sie sind Meister darin, den Ball schnell laufen zu lassen, Mismatches zu suchen und die gegnerischen Schwachstellen zu attackieren. Sie nehmen die siebtmeisten Dreier der Liga (41,6 pro Spiel) und haben fünf Spieler im Kader, die teilweise deutlich über 38 Prozent von draußen treffen. Die großen Positionen sind die vielleicht größte Schwachstelle, ohne Embiid dürfte dies aber zunächst kein Thema werden, da Andre Drummond und Adam Bona offensiv zu unauffällig sind.
Wichtig wird nur sein, dass sie sich ihrem Spiel treu bleiben, denn sie können sich quasi nur selbst schlagen. Im Vorjahr gegen die New York Knicks gaben sie in den ersten beiden Partien 20-Punkte-Führungen ab, da sie gegen Ende des Spiels fahrig wurden, nicht mehr in ihre Schemes kamen und schlechte Würfe nahmen.

Ohne Embiid lastet die offensive Produktion des Teams gewaltig auf den Schultern von Maxey, der sich zu allem Übel in Derrick White einem der besten Guard-Verteidiger der Liga gegenüber sieht. Maxey muss aber überperformen, wenn die Sixers eine Chance haben wollen, genau wie der Rest des Teams. George sieht seit seinem Comeback deutlich spritziger aus und erinnerte an alte Clippers-Tage, muss dies nun aber in seinen ersten Playoffs seit zwei Jahren unter Beweis stellen.
Viel abhängen wird auch Edgecombe: Der Rookie ist ein explosiver und furchtloser Scorer, mit seinen 20 Jahren aber noch sehr roh, was ihm gegen ein sehr erfahrenes Celtics-Team zum Verhängnis werden könnte. Gegen die Magic war er ein Baustein des Erfolgs, überdrehte aber auch einige Male und leistete sich unnötige Turnover, die gegen Boston kostspielig werden dürften.
Philly ist ein Team, das von seinem Spiel in der Zone, seinen Drives und Isolations lebt, was ohne Embiid allerdings deutlich schlechter läuft als mit dem Kameruner. Mit ihm stellen sie die drittbeste Offense der Liga (1,91 Punkte pro Possession), ohne ihn sind sie die fünftschlechteste (1,11 Punkte). Vielleicht sollten sie daher wie die Miami Heat bei ihrem Wunderlauf 2021 verstärkt auf den Dreier setzen (und treffen), aktuell liegen sie bei genommenen Dreiern pro Spiel nur auf Platz 21 ligaweit.
Ein großer Faktor ist auch die Zeit. Nach einer Blinddarm-OP muss man normalerweise mindestens 14 Tage mit sportlichen Aktivitäten pausieren, rechnet man Embiids Vorgeschichte dazu, sind es eher noch ein paar Tage mehr. Realistisch wäre daher eine Rückkehr des Bigs zu Spiel 4 oder 5, dafür müsste Philly zu diesem Zeitpunkt aber überhaupt noch Teil der Playoffs sein.

Läuft alles normal, sollte Boston in dieser Serie nicht in Bedrängnis kommen und seine Kräfte für ein physisches Matchup in Runde zwei gegen die Knicks oder Cavs sparen. Ein paar Fragezeichen stehen hinter der fehlenden Playoff-Erfahrung des Supporting Casts und der Frage, wie Tatums Körper auf die Mehrbelastung in den Playoffs reagiert. Die Kelten haben aber eindrucksvoll bewiesen, dass sie auch ohne ihren Superstar eines der besten Teams der Liga sind.
Wenn die Sixers irgendeine Chance auf ein Weiterkommen haben wollen, müssten die wahrscheinlich die beiden ersten Spiele in Boston klauen und hoffen, dass Embiid eher früher als später zurückkehrt. Zwei Spiele haben sie in dieser Saison bereits gegen die Celtics gewonnen, das Talent in der Spitze und Breite spricht aber klar gegen sie.
Prognose: Celtics in 5
Gianluca Fraccalvieri