vor 11 Stunden
Marlies Askamp im exklusiven Interview
Marlies Askamp gewann 1997 EM-Bronze, spielte bei einer Heim-WM und wechselte als erste Deutsche in die WNBA. Im Gespräch mit basketball-world.news spricht sie über die bevorstehende Heim-WM, ungewöhnliche Trikots, ihre Anfänge in den USA und die strukturellen Probleme im deutschen Frauenbasketball.

Frau Askamp, beim Blick auf alte Mannschaftsfotos von der WM 1998 fallen sofort die eng anliegenden gelben Trikots auf. Was hatte es damit auf sich?
Marlies Askamp: Auch damals hat man schon versucht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Soweit ich mich erinnere, hatte man sich diese Bodys ein wenig bei den Australierinnen abgeschaut. Ich glaube, wir hatten sie bereits bei der EM 1997 an und trugen sie noch bis 1998.
Standen Sie als Spielerinnen hinter der Idee?
Askamp: Gefragt hat man uns nicht. Wir haben es hingenommen - auch mit dem Gedanken, dass es vielleicht etwas Aufmerksamkeit bringen könnte.

Sie haben die damalige Aufmerksamkeit angesprochen. Wie professionell war die Heim-WM insgesamt organisiert? Und wie präsent war das Turnier in den Medien?
Askamp: Mit heute lässt sich das kaum vergleichen. Es gab noch keine sozialen Medien, keine Streamingdienste und auch nicht die Möglichkeit, praktisch jedes Spiel auf YouTube oder anderen Plattformen zu sehen. Die mediale Aufmerksamkeit war größer als das, was wir aus dem Alltag kannten, aber deutlich geringer als heute.
Wir spielten mit der deutschen Mannschaft in Wuppertal, und dort war der WDR die ganze Zeit dabei. Mit Wuppertal hatten wir selbst als Euroleague-Sieger regelmäßig darum kämpfen müssen, überhaupt Fernsehbilder zu bekommen.
Fühlte sich die Heim-WM damals wie ein internationales Sportgroßereignis an?
Askamp: In der Vorrunde eher nicht. Die Gruppen waren über ganz Deutschland verteilt, sodass vor Ort jeweils nur vier Mannschaften waren. Ein richtiges Großereignisgefühl kam dabei nicht auf. In Berlin war das etwas anders.
Als Spielerin bekommt man von allem, was rund um ein Turnier passiert, ohnehin nicht besonders viel mit. Man ist auf die eigenen Spiele und den Wettkampf konzentriert. Bei mir kam hinzu, dass ich vor der WM verletzt war und lange nicht wusste, ob ich überhaupt spielen könnte. Diese Sorge hat meine Wahrnehmung des Turniers stark bestimmt.
Deutschland hatte ein Jahr zuvor überraschend EM-Bronze gewonnen. Erhöhte das den Druck vor der Heim-WM?
Askamp: Natürlich wollten wir nach der Bronzemedaille bei einer WM im eigenen Land gut abschneiden. Bei mir wurde dieser Druck durch die Verletzung aber überlagert, weil ich zunächst froh war, überhaupt spielen zu können. Was mich geärgert hat: Rund um die EM bekam ich viele Anfragen von Fernsehen und Radio, doch ein großer Teil davon bezog sich auf meinen anschließenden Wechsel in die WNBA. Irgendwann habe ich gesagt: Es ist schön, dass ich nach Amerika gehe - aber wir haben gerade mit der Nationalmannschaft die erste Medaille überhaupt gewonnen.
Die Bronzemedaille fiel in eine besondere Phase: Die WNBA war gerade gegründet worden, zugleich lag der Erfolg zwischen den Olympischen Spielen 1996 und 2000. Kam die Medaille mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung und den olympischen Zyklus gewissermaßen zum falschen Zeitpunkt?
Askamp: In gewisser Weise schon. Mit der Bronzemedaille qualifizierten wir uns für die WM, für die wir als Gastgeberinnen ohnehin gesetzt waren. Wäre dieselbe Platzierung in einem anderen Zyklus gelungen, hätten wir damit möglicherweise auch die Olympiaqualifikation geschafft. Bei Olympischen Spielen war ich nie dabei, und damit hadere ich bis heute ein wenig.
| Team | GP | MIN | PTS | REB | STL | FG % | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| DBB | 8 | 32,2 | 19,9 | 12,0 | 2,8 | 53,7 |
Sie waren die erste Deutsche in der WNBA. Wie wurde dieser Schritt in Deutschland aufgenommen? Hatten Sie das Gefühl, dafür die angemessene Anerkennung zu erhalten?
Askamp: Für damalige Verhältnisse war die Aufmerksamkeit groß. Ich war beispielsweise im Morgenmagazin, und RTL schickte einen Reporter, der mich später auch noch in der WNBA besuchte. Zu diesem Zeitpunkt wusste jedoch noch niemand genau, wie bedeutend diese Liga einmal werden würde.
Wie schwer war es, sich als Europäerin in der WNBA zurechtzufinden? Vor allem als Pionierin.
Askamp: Eigentlich war es kein großes Problem. Im ersten Jahr der WNBA gab es ligaweit vielleicht zehn oder zwölf Nicht-Amerikanerinnen. Mir half, dass ich als MVP der Europameisterschaft in die USA kam, denn solche Auszeichnungen haben dort einen hohen Stellenwert. Außerdem war Phoenix eine hervorragende Franchise. Organisatorisch war alles erstklassig. Als wir vor 15.000 Zuschauern spielten, haben wir uns trotzdem alle verwundert angesehen.
Ich sprach fließend Englisch, auch die Basketballsprache war kein Problem. Die soziale Kommunikation ist noch einmal etwas anderes und braucht Zeit. Insgesamt fühlte ich mich aber sehr wohl und gut aufgenommen.
| Jahr | Team | GP | MIN | PTS | REB |
|---|---|---|---|---|---|
| 1997 | Phoenix Mercury | 28 | 18,5 | 7,5 | 5,2 |
| 1998 | Phoenix Mercury | 26 | 12,3 | 5,3 | 3,3 |
| 1999 | Phoenix Mercury | 30 | 26,0 | 9,4 | 7,2 |
| 2000 | Miami Sol | 32 | 27,2 | 7,8 | 7,2 |
| 2001 | Miami Sol | 30 | 14,4 | 2,5 | 2,9 |
| 2002 | Los Angeles Sparks | 20 | 11,0 | 3,1 | 2,5 |
Ihre Tochter spielt in Freiburg und gehört zum deutschen Nachwuchsaufgebot. Erleben Sie die Nachwuchsarbeit dadurch aus einer neuen Perspektive?
Askamp: Ich selbst bin nicht durch das Nachwuchsprogramm des DBB gegangen und kann die Systeme deshalb nur eingeschränkt vergleichen. Ich wurde damals schlicht nie gesichtet. Das würde einer Spielerin wie mir heute nicht mehr passieren. Insofern hat sich die Talentsichtung verbessert.
Das bedeutet aber nicht, dass das Fördersystem bereits besonders gut ist. Es gibt noch viel Verbesserungsbedarf. Meine Tochter ist nicht ohne Grund nach Freiburg gegangen. Aus Elternsicht findet man es natürlich nicht toll, wenn das eigene Kind schon mit 15 Jahren so weit wegzieht. Sie wollte den Sport aber ernsthaft betreiben. Bei uns wäre der Fahrtaufwand zum Training spätestens in Richtung Abitur zum Problem geworden.
Kann man also sagen, dass es qualitativ gute Förderstandorte gibt, davon quantitativ aber schlicht zu wenige?
Askamp: Ja, schon. Es gibt neben Freiburg sicherlich weitere gute Standorte. Ob die Qualität dort wirklich sehr gut ist, kann ich nicht abschließend beurteilen, weil ich den Trainingsalltag nicht überall kenne. Quantitativ sind es aber auf jeden Fall zu wenige Standorte. Man sieht auch, dass die Basis nicht groß genug ist. Es fehlt an einer größeren Zahl von Spielerinnen, sodass man einen Kader von Position eins bis zwölf ohne deutlichen Qualitätsverlust besetzen kann.

Ist deshalb auch der Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbasketball problematisch?
Askamp: Ich glaube sogar, dass der sportliche Übergang für Frauen leichter ist als für Männer. Eine 18-jährige Spielerin aus dem Jugendbereich kann bei den Damen häufig bereits mithalten. Bei den Männern dauert es länger, bis ein Nachwuchsspieler körperlich zu 23- oder 25-Jährigen aufgeschlossen hat.
Kommt der entscheidende Moment also schon relativ früh - wenn sie sich fragen müssen: Spiele ich weiter oder schlage ich einen anderen Weg ein?
Genau. Das größere Problem entsteht am Ende der Schulzeit. Dann müssen sich die Spielerinnen zwischen Ausbildung oder Studium und dem Sport entscheiden. Nur sehr wenige werden langfristig so viel verdienen, dass sie vom Basketball leben können. Viele sehen Basketball deshalb nicht als realistische berufliche Option. Die aktuelle Nationalmannschaft könnte das ändern: Spielerinnen in der WNBA oder in Spanien zeigen, dass eine professionelle Karriere möglich ist. Wenn sich ambitionierter Sport nicht mit einem Studium vereinbaren lässt, entscheiden sich heute noch zu viele gegen die sportliche Laufbahn.
Wie gut gelingt deutschen Talenten der Übergang von der WNBL in die Bundesliga - und finden sie dort ausreichend Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln?
Askamp: Die besten zwei oder drei Spielerinnen eines Jahrgangs können diesen Schritt schaffen. Das Leistungsgefälle in der WNBL ist allerdings sehr groß. Es gibt hervorragende Teams und einzelne herausragende Spielerinnen.
In vielen Bundesligateams spielen zahlreiche Ausländerinnen. Zum Beispiel Keltern. Deutscher Meister. Alexandra Wilke war dort die einzige deutsche Spielerin mit einer wichtigen Rolle. Bei mehreren Vereinen stehen fünf, sechs oder sogar sieben ausländische Spielerinnen im Kader, während ein oder zwei Deutsche kaum Einsatzzeit bekommen.
Hinzu kommt, dass die Bundesliga im europäischen Vergleich nicht zur Spitze gehört. In Deutschland ist auf Ebene der ersten Liga aus meiner Sicht zu wenig passiert.
Wie bewerten Sie dieses Spannungsfeld: Die DBBL gehört im europäischen Vergleich nicht zur Spitze, bietet jungen deutschen Talenten aber dennoch nur begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten?
Askamp: Als Begründung heißt es häufig, die deutschen Spielerinnen seien entweder nicht gut genug oder - wenn sie gut genug sind - zu teuer. Es gab Versuche, über freiwillige Selbstverpflichtungen den Anteil und die Einsatzzeiten deutscher Spielerinnen schrittweise zu erhöhen. Dies ist aber leider gescheitert.
Freiburg verfolgt einen anderen Weg. Dort gibt es zwar ebenfalls ausländische Spielerinnen, der Großteil des Kaders ist aber deutsch und erhält Einsatzzeit. Wenn andere Vereine mit Ausländerinnen antreten und deutsche Talente lediglich pro forma im Kader stehen, muss man sich jedoch fragen: Wie sollen sich diese Spielerinnen entwickeln?

Deutschland verfügt mit Spielerinnen wie Satou und Nyara Sabally, Leonie Fiebich usw. über eine außergewöhnliche Generation. Ist das das Ergebnis besserer Nachwuchsarbeit - oder hatte der DBB Glück?
Askamp: Wenn mehrere Spielerinnen aus eng beieinanderliegenden Jahrgängen bis in die WNBA kommen, gehört dazu auch Glück. Natürlich wurden sie im deutschen System und teilweise später im amerikanischen College-System ausgebildet. Aber mehrere Spielerinnen dieses Niveaus hervorzubringen, lässt sich nicht vollständig planen. Systematische Förderung kann gute Voraussetzungen schaffen und helfen, das Potenzial auszuschöpfen. Den letzten Schritt von einer guten Nationalspielerin zu einer WNBA-Spielerin kann ein Verband aber nicht garantieren.
Hat Deutschland damit zumindest in der Spitze aufgeholt, während es in der Breite weiter an Qualität fehlt?
Askamp: Die fünf oder sechs Leistungsträgerinnen sind eine besondere Gruppe. Dahinter gibt es aber weitere gute Spielerinnen, und auch die Nachwuchsteams schneiden besser ab als früher. Wenn sich Deutschland dauerhaft für Europameisterschaften qualifizieren und dort zuverlässig das Viertelfinale erreichen will, muss aber konstant mehr nachkommen.
Die A2-Nationalmannschaft des DBB ist ein sinnvoller Schritt. Noch wichtiger ist jedoch die tägliche Arbeit in den Vereinen. Talente werden nicht erkannt, viele Mädchen hören auf, und die Qualität der Trainerinnen und Trainer schwankt stark. Eine Spielerin entwickelt sich nicht durch zwei jährliche DBB-Maßnahmen, sondern durch gutes Training und regelmäßige Spiele über das ganze Jahr.
Wie lassen sich mehr qualifizierte Trainerinnen und Trainer für den Nachwuchs gewinnen?
Askamp: Das ist eine Katastrophe und meines Erachtens eine der größten Aufgaben, vor denen wir stehen. Kaum jemand stellt sich unbezahlt an Abenden und Wochenenden in die Halle. Motivierte Menschen haben zudem nicht automatisch die notwendige Ausbildung; teilweise müssen sie Fortbildungen selbst bezahlen. Es braucht qualifizierte Trainerinnen und Trainer, die Grundlagen vermitteln, Talente erkennen und dafür sorgen, dass Mädchen dabeibleiben.
Mangelt es also weniger am anfänglichen Interesse als daran, die Mädchen dauerhaft im Basketball zu halten?
Askamp: Ja. Wenn jemand fünf Jahre lang schlechtes Training bekommt und mit 14 noch wichtige Grundlagen nicht gelernt hat, lässt sich das kaum aufholen. Dann haben sie auch keine Lust mehr. In Bezug auf die WM: eine erfolgreiche Heim-WM kann zwar mehr Mädchen in die Vereine bringen, löst aber die strukturellen Probleme nicht. Es fehlen Hallenzeiten und vor allem qualifizierte Trainerinnen und Trainer. Sie sind das A und O.
Können Schulprogramme wie in Berlin, etwa das von Alba, dabei helfen?
Askamp: Alba Berlin ist mit seinen Schulprogrammen ein Vorbild. Trainerinnen und Trainer gehen in die Schulen und bieten dort Basketball an. Dafür braucht ein Verein allerdings Personal und Geld. Alba verfügt über andere Möglichkeiten als ein kleiner Verein auf dem Land. Solche Modelle lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres überall umsetzen.
Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der kommenden Heim-WM zu?
Askamp: Das Viertelfinale muss das Ziel sein. Leonie Fiebich ist für mich eine Schlüsselspielerin. Mit einem weitgehend vollständigen Kader ist auch das Halbfinale realistisch. Eine Runde nach dem Viertelfinale wäre ein großer Erfolg - und ich würde mich besonders freuen, weil ich zum Halbfinale vor Ort sein werde.
Sam Müller
| 2002 | Miami Sol | 6 | 12,0 | 1,8 | 1,8 |
| Karriere | Drei Teams | 172 | 18,6 | 6,0 | 4,8 |