vor 16 Stunden
Kurzer Boom durch die Heim-WM genügt nicht
Basketball wächst in Deutschland, die Nationalmannschaft liefert neue Vorbilder und die Heim-WM soll weitere Mädchen für den Sport begeistern. Doch zwischen dem ersten Training und dem Schritt in den Leistungssport gehen zu viele Spielerinnen verloren - weil Trainer, Standorte, Zeit und eine verlässliche Perspektive fehlen.

Auf den ersten Blick befindet sich der Mädchenbasketball in Deutschland im Aufschwung. Nach den Bestandserhebungen des Deutschen Olympischen Sportbundes stieg die Zahl der weiblichen Basketball-Mitgliedschaften bis einschließlich 18 Jahre von 39.887 im Jahr 2024 auf 43.058 im Jahr 2025. Das entspricht einem Wachstum von knapp acht Prozent. Besonders stark legte die Gruppe der 7- bis 14-Jährigen zu: um fast zehn Prozent.
Das Interesse ist also vorhanden. Die schwierigere Aufgabe beginnt danach: Mädchen nicht nur für Basketball zu gewinnen, sondern sie über Pubertät, Schulabschluss und die steigenden Anforderungen des Leistungssports hinweg zu halten. Genau dort beschreiben Marlies Askamp und Lina Sontag eine Lücke zwischen einzelnen starken Ausbildungsorten und einer Struktur, die Spielerinnen unabhängig vom Wohnort verlässlich auffängt.
Dass sich die Talentsichtung verbessert hat, bestreitet Askamp nicht. Die Europapokalsiegerin wurde selbst nie durch das Nachwuchsprogramm des DBB gefördert und tauchte erst mit 19 Jahren in der Bundesliga auf. "Das würde einer Spielerin wie mir heute wahrscheinlich nicht mehr passieren", sagt sie im Gespräch mit basketball-world.news.
Ihre Tochter Frederike erlebt den Weg inzwischen anders, musste dafür aber schon mit 15 Jahren nach Freiburg ziehen. In der Heimat wäre der Fahrtaufwand spätestens in Richtung Abitur kaum zu bewältigen gewesen. Freiburg und andere Ausbildungsorte könnten gute Bedingungen bieten, sagt Askamp. "Quantitativ sind es auf jeden Fall zu wenige Standorte." Der Fortschritt besteht damit vor allem darin, Talente früher zu erkennen. Noch nicht gelöst ist die Frage, wo sie anschließend dauerhaft gut trainieren können, ohne dass ihre gesamte Familie ihr Leben neu organisieren muss.

| Altersgruppe | 2024 | 2025 | Wachstum |
|---|---|---|---|
| bis 6 Jahre | 2.543 | 2.625 | +3,2 % |
| 7 bis 14 Jahre | 26.409 | 28.962 | +9,7 % |
| 15 bis 18 Jahre | 10.935 | 11.471 | +4,9 % |
| Mädchen bis 18 insgesamt | 39.887 | 43.058 | +7,9 % |
Wie konkret dieses Standortproblem wird, schildert Nationalspielerin Lina Sontag. In Osnabrück spielte sie mit Jugendlichen, die für jede Trainingseinheit anderthalb Stunden mit der Regionalbahn anreisten und parallel ihr Abitur machten. "Sie verloren einen halben Tag allein durch die Fahrt", sagt Sontag im Gespräch mit basketball-world.news. Eine Mitspielerin zog schließlich mit 16 oder 17 Jahren nach Freiburg ins Internat, weil es in ihrer Heimatregion niemanden gab, der gezielt mit ihr arbeiten konnte.
Selbst dort, wo ein leistungsfähiges Programm existiert, fehlt häufig Personal: Ein Osnabrücker Assistenztrainer betreute neben dem Bundesligateam gleichzeitig die WNBL und ein weiteres Jugendteam. Für einzelne Trainer wird Nachwuchsförderung so zur Dauerbelastung, für Spielerinnen zur Frage des Wohnorts. Wer zufällig in der Nähe eines guten Standorts lebt, hat einen Vorsprung. Wer täglich stundenlang fahren oder früh von zu Hause ausziehen müsste, entscheidet sich womöglich gegen diesen Weg.
Der kritischste Moment kommt häufig mit dem Ende der Schulzeit. Dann konkurriert Basketball nicht mehr nur mit anderen Hobbys, sondern mit Studium, Ausbildung, Beruf und dem Wunsch nach einem eigenständigen Leben. Unterhalb der Bundesligen gibt es kaum Geld; gleichzeitig bleiben Mitgliedsbeiträge, lange Auswärtsfahrten und mehrere Trainingstermine pro Woche. "Irgendwann stellt sich die Frage, ob sich das zeitlich noch mit dem übrigen Leben vereinbaren lässt", sagt Sontag.
Askamp sieht darin den entscheidenden Wendepunkt: Guten Gewissens könne man jungen Frauen kaum raten, ohne Abschluss oder Ausbildung ausschließlich auf Basketball zu setzen, weil nur wenige langfristig davon leben können. Lässt sich ambitionierter Sport nicht mit Studium oder Beruf verbinden, entscheiden sich viele gegen die sportliche Laufbahn. Nachwuchsarbeit endet deshalb nicht mit der U16 oder U18. Sie muss einen glaubwürdigen Übergang schaffen, an dem eine Spielerin weder ihre Ausbildung noch ihre sportliche Entwicklung opfern muss.
Im Zentrum steht für Askamp der Trainermangel. "Das ist eine Katastrophe", sagt die frühere Nationalspielerin. Kaum jemand stelle sich unbezahlt an Abenden und Wochenenden in die Halle; motivierte Menschen verfügten zudem nicht automatisch über die notwendige Ausbildung und müssten Fortbildungen teilweise selbst finanzieren. Dabei entscheidet sich Entwicklung nicht bei einzelnen Auswahlmaßnahmen. "Eine Spielerin wird nicht gut, weil sie zweimal im Jahr zu einer Maßnahme des DBB fährt", sagt Askamp. "Sie entwickelt sich, weil sie zwölf Monate im Jahr bei einem guten Trainer arbeitet und in Spielen Erfahrungen sammelt."
Schlechte Ausbildung in jungen Jahren "lässt sich später nur schwer korrigieren." Trainerinnen und Trainer sollen deshalb nicht nur Technik vermitteln und Talente erkennen, sondern auch dafür sorgen, dass Mädchen mit Freude dabeibleiben. Sie sind für Askamp "das A und O" und zugleich die Ressource, an der es am stärksten fehlt.

Wie wichtig dieses Umfeld ist, zeigt auch die psychologische Perspektive von Sonja Greinacher. Die Olympiasiegerin sprach zwar über Mannschaften im Spitzensport, nicht ausdrücklich über Jugendprogramme. Der Grundgedanke reicht dennoch in den Nachwuchs hinein: "Eine Spielerin muss spüren, dass der Trainer ihr alles zutraut." Ebenso unverzichtbar sei gegenseitige Wertschätzung innerhalb einer Mannschaft. Gerade Jugendliche bleiben nicht allein wegen eines Trainingsplans im Sport. Sie bleiben, wenn sie sich gesehen fühlen, eine Rolle besitzen, Fortschritte wahrnehmen und gerne in die Halle kommen. Fehlendes Vertrauen könne viel mit dem Selbstwert machen und werde besonders in Krisensituationen zum Problem, sagt Greinacher. Nachwuchsarbeit ist damit mehr als Sichtung, Athletik und Spielsysteme. Sie ist auch Beziehungsarbeit und benötigt Trainer, die dafür Zeit, Qualifikation und Verlässlichkeit mitbringen.
Alba Berlin zeigt, wie ein breiter Zugang aussehen kann. Trainerinnen und Trainer gehen in Schulen, Spielbetrieb und Vereinsangebote werden miteinander verzahnt, der Einstieg findet dort statt, wo Kinder ohnehin ihren Alltag verbringen. Nach Vereinsangaben spielen rund 400 Mädchen und Frauen bei Alba; in der Saison 2025/26 waren 39 Trainerinnen sowie 27 Nachwuchsteams aktiv. Askamp nennt die Schulprogramme ein Vorbild, warnt aber vor einer einfachen Übertragung: "Ein Großklub in Berlin besitzt andere finanzielle und personelle Möglichkeiten als ein kleiner Verein auf dem Land." Auch Alba kann nicht jedes Talent aufnehmen. Das Modell zeigt dennoch zwei entscheidende Hebel: Angebote müssen leicht erreichbar sein, und Mädchen benötigen vom ersten Kontakt bis zum leistungsorientierten Team eine erkennbare Anschlussmöglichkeit. Einzelne Leuchttürme ersetzen aber noch kein flächendeckendes Netz.
Die DBBL versucht inzwischen, ihre Vereine stärker in die Verantwortung zu nehmen. Ab der Saison 2026/27 sehen die Standards der ersten Liga grundsätzlich die Teilnahme an der WNBL und hauptamtlichere Strukturen im weiblichen Nachwuchsbereich vor. Ireti Amojo, Vorsitzende der AG 1. DBBL, erwartet davon eine bessere Betreuung an den Bundesligastandorten. Sie wünscht sich mehr Campusmodelle, an denen Halle, Schule oder Studium, medizinische Betreuung, Physiotherapie und Athletiktraining zusammengeführt werden. Zugleich betont sie, dass die Liga diese Aufgabe nicht allein lösen kann: Gefordert sind Vereine, DBB, Landesverbände, Kommunen und Politik.
Die Heim-WM kann neue Mädchen begeistern und bestehende Spielerinnen bestärken. Ein kurzer Boom genügt jedoch nicht. Wenn danach Hallenzeiten, qualifizierte Trainer und erreichbare Anschlussangebote fehlen, vergrößert Aufmerksamkeit lediglich die Wartelisten. Nachhaltig wird die WM erst, wenn ein Mädchen überall in Deutschland nicht nur anfangen kann - sondern auch eine realistische Chance erhält, dabeizubleiben.
Sam Müller