04.03.2025
Enges Rennen an der Spitze
Rund anderthalb Monate vor Saisonende richtet sich der Fokus mehr und mehr auf die individuellen Awards. Der Defensive Player of the Year schien eigentlich schon mehr oder weniger vergeben zu sein - eine Verletzung hat das Rennen jedoch wieder geöffnet. Wer holt sich die Krone in diesem Jahr?

Selten schien es so klar zu sein, wer am Ende DPOY sein würde - Victor Wembanyama war der Favorit vor der Saison, zum Start der Saison und während der Saison. Nach dem zweiten Platz im Rookie-Jahr verteidigte Wemby in Jahr zwei sogar noch dominanter, blockte die meisten Würfe (3,8) und transformierte die Spurs, ein ohne ihn schlechtes Defensiv-Team (115,9 Defensiv-Rating; Platz 22), in seinen Minuten zu einer starken Defense; die defensive On/Off-Differenz von -8,1 war laut Cleaning the Glass die zweithöchste aller Spieler, die wenigstens 1.000 Minuten auf dem Court verbrachten (Platz 1: Pascal Siakam!).
Natürlich bedurfte es eigentlich keiner Zahlen, um Wembanyamas Dominanz zu beschreiben - man konnte ihm auch einfach zusehen, die Angst in den Augen angreifender Spieler sehen. Nun verpasst Wemby jedoch aufgrund tiefer Venenthrombose in seiner rechten Schulter den Rest der Saison und wird die 65-Spiele-Marke nicht erreichen, sich also nicht für den Award qualifizieren.
Das stinkt, offensichtlich. Möge er vollständig genesen und dann in den nächsten Jahren wieder jeweils der überwältigende Favorit sein.
Aber wer ist dann in diesem Jahr an der Reihe? Gute Cases gibt es tatsächlich zuhauf - auch wenn diese bisher im riesigen Wemby-Schatten ein wenig untergingen …
Vor der Top 5, noch ein Hinweis: Die mit großem Abstand beste Defense der Liga gehört den Oklahoma City Thunder. Wir müssen sie hier erwähnen, einen brandheißen DPOY-Kandidaten sehen wir bei ihnen aber nicht.
Isaiah Hartenstein, Chet Holmgren und Alex Caruso haben den statistisch größten Impact, erreichen aber alle keine 65 Spiele. Lu Dort ist der defensive Anführer und taucht bei Buchmachern weit oben auf, interessanterweise ist die Thunder-Defense in den Minuten ohne ihn aber noch besser, weil es für seinen Job auch andere, ziemlich überragende Optionen gibt.
Die größte Stärke der Thunder ist womöglich, dass ihr gesamtes Team nur aus guten Verteidigern (und Isaiah Joe) besteht. Unersetzlich ist am ehesten Jalen Williams, aufgrund dessen Vielseitigkeit - er war unser letzter Cut vor der Top 5. Geben wir OKC stattdessen den Award für die beste Defensiv-Einheit des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts.
(Weitere Honorable Mentions: Dyson Daniels, Ivica Zubac, Bam Adebayo, Toumani Camara)
Die Chance, dass Gobert den Award in dieser Spielzeit gewinnt, geht gegen 0. Das liegt weniger an seinen Leistungen, die vergleichbar sind mit denen der letzten Spielzeit, auch wenn er weniger Würfe blockt (1,5) und die Team-Defense in seinen Minuten etwas weniger dominant ist. Sie ist immer noch dominant (109,4er Defensiv-Rating statt 107,8 wie im Vorjahr).
Der primäre Grund ist, dass Gobert schon viermal DPOY wurde und es ein Narrativ bräuchte, um eine fünfte Auszeichnung zu rechtfertigen. Eine signifikante Steigerung etwa. Gobert ist stattdessen vermutlich nur zu 95 % so gut wie im Vorjahr, und die Wolves sind nicht mehr das gleiche Bollwerk wie 23/24, als sie mit Abstand die beste Defense stellten (diesmal: Platz 5).
All das ändert wenig daran, dass der Franzose als Ringbeschützer weiter zu den absolut besten seiner Zunft gehört. Der Metrik DARKO zufolge ist er auch in dieser Spielzeit der Verteidiger mit dem größten Impact. Da gehen wir zwar nicht ganz mit, zur Top 5 sollte Gobert nüchtern betrachtet aber wohl dennoch wieder gehören.

Die viertbeste Defense der NBA besteht ähnlich wie die von OKC aus vielen guten Verteidigern, auch Dillon Brooks beispielsweise könnte durchaus hier stehen. Thompson allerdings sticht bei den Spielen am meisten heraus und hat gute Argumente dafür, in dieser Spielzeit der beste Flügelverteidiger der Liga zu sein. Wenn man ihn denn als Flügel bezeichnen mag.
Thompson ist ein einzigartiger Spieler, offensiv wie defensiv. Er kann Lockdown-Defense am Mann spielen, noch beeindruckender ist aber sein Einfluss als Helper und Ringbeschützer; als einer der besten Athleten der NBA gibt er bisweilen den de-facto-Ringbeschützer, niemand ist so schnell in der Luft wie er, auch beim zweiten Sprung. Seine Blockrate (1,9 %) wird ausschließlich von klassischen Bigs und Peyton Watson übertroffen.
Die Schnelligkeit und Athletik macht ihn auch zu einer ständigen Gefahr für Steals. Thompson spekuliert bisweilen noch etwas zu viel, kommt aufgrund seiner Athletik häufig aber rechtzeitig zurück in ein Play und kann Fehler noch reparieren. Estimated Plus/Minus zufolge rangiert er unter qualifizierten Spielern auf Rang 4 beim defensiven Impact ligaweit.
Ein Bonus seines defensiven Playmakings ist zudem, dass er nach Ballgewinn schneller vorn ist als nahezu jeder andere Akteur.
Viele Spiele darf Draymond nicht mehr verpassen. Er steht bei 14, es sind also nur noch drei möglich, ehe er disqualifiziert wird. Was bei ihm bekanntlich nicht nur aufgrund von Verletzungen oder dem Alter jederzeit möglich ist.
Spielt Green jedoch, bleibt er auch mit (seit heute!) 35 Jahren und einigem Grau in seinem Bart ein schlichtweg genialer Verteidiger. Niemand liest Offensiven so gut, niemand kann so problemlos zwischen defensiven Rollen hin und her tauschen und sowohl neben einem größeren Big als auch als alleiniger Center seinen Mann stehen, beziehungsweise mehr als das.
Green ist der Hauptgrund dafür, dass die Warriors auch in diesem Jahr trotz all der Instabilitäten wieder eine Top-10-Defense stellen. Vielleicht geht sogar auch noch mehr als der aktuelle Platz 8: Das meistgenutzte Lineup mit Neuzugang Jimmy Butler, in dem Draymond der einzige Big Man ist, hat bisher ein absurdes Defensiv-Rating von 100,8.
Sollte das halten, wird der Case des DPOY-Gewinners von 2017 vielleicht sogar nochmal etwas lauter. Die Advanced Stats hat er jetzt schon auf seiner Seite: DARKO (Platz 2), LEBRON (Platz 3 unter Spielern mit wenigstens 1.000 Minuten), und xRAPM (Platz 1 unter qualifizierten Spielern) sehen in Green allesamt einen Anwärter für die Pole Position.
Bei den Buchmachern ist der Gewinner von 2023 aktuell der Favorit, wobei sich das nach der gegen Atlanta erlittenen Knöchelverletzung nun ändern könnte. Gründe für seinen Status sind indes nicht schwer zu finden: Memphis hat eine Top-10-Defense (sackte zuletzt aber ab), und diese ist in seinen Minuten um 7,7 Punkte besser. Er ist in dieser Saison der beste Spieler und der beste Verteidiger des Teams, in beiden Kategorien ist es nicht wirklich knapp.
Jackson zählt seit Jahren zu den besten Shotblockern der Liga, zudem holt er für einen Center enorm viele Steals. Er ist noch immer foulanfällig, übertreibt es aber bei weitem nicht mehr so oft wie früher mit der Aggressivität, wobei ihm die recht kurzen Einsatzzeiten aller Grizzlies dabei wohl auch ein wenig entgegenkommen.
So oder so: Jackson verdient besondere Anerkennung dafür, dass er inmitten seiner mit Abstand besten Offensiv-Saison noch immer so verlässlich verteidigt. Ein interessantes Detail bei ihm: Im Sommer kann sein Vertrag neu verhandelt werden. Wird er DPOY oder Teil eines All-NBA-Teams, kann Memphis ihm einen Supermax-Vertrag (5 Jahre, 345 Mio. Dollar) anbieten.
Für uns wäre All-NBA Stand jetzt eher gerechtfertigt, auf einem der beiden Wege sollte es Triple J aber höchstwahrscheinlich schaffen, wenn der Knöchel ihm nicht zu lange zu schaffen macht. Ihm fehlen noch sieben Spiele.

Vereinfacht gesagt ist Mobley eine jüngere, größere Version von Green: Ein unheimlich mobiler, vielseitiger Big Man, der nahezu jeden Spielertypen verteidigen kann und sich auf beiden großen Positionen in der Defense absolut zuhause fühlt. Mobley kann als Teil von Twin Towers fungieren, aber auch als alleiniger Big Man, und dabei ist die elitäre Defense ähnlich wie bei Jackson trotz des offensiven Leaps noch immer absolut gegeben.
Cleveland stellt aktuell die siebtbeste Defense der Liga, und diese ist in Mobleys Minuten um 7,3 Punkte besser. In "Mobley ohne Allen"-Minuten erlauben die Cavs nur 108,4 Punkte pro 100 Ballbesitzen, das wäre die zweitbeste Defense der NBA. Die Minuten mit beiden Bigs sind auch nicht viel schlechter (110,3).
Mobley wurde in seiner zweiten Saison bereits Zweiter bei dieser Wahl, ehe er vergangene Saison mit nur 50 Spielen deutlich die Qualifikation verpasste. In dieser Spielzeit könnte es so weit sein, was wie bei Jackson auch für Mobley finanzielle Konsequenzen hätte: Unterschrieben ist der neue Vertrag bereits, der DPOY (oder All-NBA) würde dazu führen, dass der 23-Jährige über die kommenden fünf Jahre 269 statt 224 Millionen Dollar verdient.
Ole Frerks