vor 20 Stunden
Vom Müllmann zum Retter der Liga
Larry Bird prägte die NBA nicht nur über ein gesamtes Jahrzehnt, er gilt außerdem als einer ihrer Retter. Dabei sah es zwischenzeitlich nicht so aus, als käme er überhaupt noch in die Nähe von professionellem Basketball. Eine Tragödie änderte vieles, ein hartnäckiger Coach fast alles - und am Ende lernten Kontrahenten einen der nervigsten, weil besten Gegenspieler ihrer Geschichte kennen.

Cedric Maxwell glaubt nur an das, was er mit eigenen Augen sieht. "Er kommt zu seinem ersten Training", erinnert sich Larry Birds Teamkollege in der Dokumentation Celtic City an das erste On-Court-Meeting mit der späteren Legende, "und ich klatsche. ‚Los geht’s. LOS. GEHT’S." Der Retter ist da, aber hält er auch, was er verspricht?
"Wir spielen direkt gegeneinander", blickt Maxwell zurück. "Ich denke mir, 'so gut kann dieser Typ nicht sein.' 4,5 Meter weg. Bam. ‚Ok, ok. Das war in Ordnung.’ Nächster Wurf: Bam. Jetzt gehe ich näher ran, ich kann seinen verdammten Atem riechen. So nah war ich. Er traf einfach weiter. Was verdammt passiert hier?" Scheinbar kommt da einer wirklich, um zu retten, was definitiv Rettung bedarf. .
Ganze 29 Spiele gewannen die Celtics in der Saison 1978/79. Playoffs? So nah wie Paul Pierce am Understatement. Nun soll sich vieles ändern. Auch, weil sich eine ganz spezielle Entscheidung Birds für Boston als echter Glücksfall und Basis für eine der größten Dynastien, für das vielleicht prägendste Jahrzehnt der NBA-Geschichte, herausstellen wird.
Red Auerbach hat wieder dieses Grinsen im Gesicht. Als wüsste er etwas, das andere nicht einmal erahnen. Auch die Zigarre ist nicht weit. "Wenn er schon diesem Jahr in der Liga spielen würde", sagt Auerbach, "wäre er sicher Nummer-1-Pick." Nur wird Bird nicht in die NBA wechseln.
1978 darf er sich draften lassen, dann aber zurück ans College, um ein weiteres Jahr für Indiana State zu spielen. Und genau das hat er vor. Zum Glück der Celtics. Die besitzen nur den sechsten Pick - und da andere Franchises womöglich mehr an unmittelbare Gegenwart als an die nahe bis mittelfristige Zukunft denken, schlägt Auerbach zu. Larry wird ein Celtic - jedoch erst, nachdem er die Hypemaschine über das kommende Jahr auf Anschlag gedreht hat.

Dass Bird gut sein würde, wissen viele bereits 1978. Vor-legendär wird es während seiner letzten Saison. Keines ihrer 33 Spiele verlieren die Sycamores, während Bird das kleine College ins erste Championship Game seiner Geschichte führt. Dort trifft Indiana State ausgerechnet auf Michigan State und Magic Johnson, den anderen später ganz Großen, von dem damals ebenfalls klar ist, dass er einmal sein dürfte, wer dann tatsächlich wird.
Dieses NCAA-Finale 1979 zwischen Indiana State und Michigan State, zwischen Larry und Magic Johnson, erzielt die beste Einschaltquoten eines College-Basketballspiels - und schenkt der NBA gleichzeitig neue Hoffnung.
Ende der 70er plagt sich die Liga mit Image-, vor allem mit Drogenproblemen. Immer wieder werden Spieler mit Kokain erwischt - und das nicht, weil sie das Zeug einfach mal probieren wollen. Selbst dekoriertere Spieler konsumieren regelmäßig, in Massen. Die Popularität der NBA stürzt ab.
Mit Magic und Larry bekommt die Liga nun gleich zwei charismatische Talente; noch dazu zwei, die komplett unterschiedlich sind, die perfekt als Antipoden funktionieren. Hier der offene Magic, dessen Lächeln genügt, um ganz LA zu erleuchten, dessen Spiel Hollywood schreit, der den Pässe serviert, die wirken, als kämen sie aus einem Land nach unserer Zeit.
Dort der zurückhaltenden, fast schüchterne Larry, der mit gnadenloser Präzision Defenses seinen Willen aufzwingt, der ebenfalls herausragend passen kann und mit einer unerschütterlichen Selbstgewissheit über den Court schleicht. Zwei Alphas, die die Liga ab sofort prägen sollen. Nur eins will Bird nicht.
"Great White Hope?", fragt Auerbach. "Great Hope. Punkt." Weder Bird noch die Celtics wollen das Missverständnis befeuern, die Liga sei "zu schwarz" und brauche einen "weißen Retter". Wie Magic ist Bird ein Glücksfall, weil er spielt, wie er spielt, nicht, weil er aussieht, wie er aussieht. Dabei hätte es den Basketballspieler Larry Bird beinahe gar nicht mehr gegeben.
Larry wächst in einfach Verhältnissen im kleinen French Lick, Indiana, auf. Die Familie hat nicht viel. Das Gefühl, wirklich gar nichts zu haben, beschleicht Larry dennoch nicht. Erstrecht, als er diesen Lederball für sich entdeckt. Wann immer Zeit ist, wirft Larry auf den Korb. Bei jedem Wetter. Er wird besser, mobilisiert irgendwann beinahe die gesamte Stadt für seine Spiele.
French Lick mag keine Aufmerksamkeitswettbewerbe gewinnen. Doch Larry ist gut genug, dass Bobby Knight, Indianas berühmtester Basketballcoach, einen von Indianas besten Highschool-Spielern für das wichtigste College des Staates anwerben will. Es funktioniert… bis es nicht mehr funktioniert.
Larry schreibt sich ein, fühlt sich jedoch nie wohl und reist nach gut drei Wochen zurück nach French Lick, wo er bei der Müllentsorgung anfängt. Harte Arbeit statt Collegebasketballleben. Die NBA erscheint in diesem Moment unendlich weit entfernt. Dann nimmt sich sein Vater das Leben.
Joe Bird, der von Bau zu Bau springt, regelmäßig den Job wechselt, der ein Alkoholproblem hat, glaubt, so denkt die Familie, er könne ihr mehr helfen, wenn er nicht mehr da ist. Zumal sie seine Versicherungssumme bekommt. Den Schmerz lässt Larry nicht final zu. Er sieht es pragmatisch: "Er war nicht mehr da, ich musste mit einem Leben weitermachen", erinnert er sich einmal.
Gleichzeitig nimmt Larry etwas mit, das sein Leben ab sofort prägen sollte. Er möchte sich nicht mehr fremd steuern lassen. Seine Entscheidungen, entscheidet er, sind nun einzig und allein… seine Entscheidungen. Nur steht die ganz große für den Moment nicht an. Larry bleibt erstmal in French Lick.

Basketball spielt er in einer Firmenmannschaft oder mit dem Küchenpersonal auf dem Freiplatz hinter dem French Lick Springs Resort, wo er eines Tages Bill Hodges auffällt. Die letzte Chance. Mit der Idee vom professionellen Basketball hat Larry eigentlich abgeschlossen. Doch Hodges lässt nicht locker.
Erst überredet er Indiana States Headcoach Bill King, Bird zu verpflichten, dann bleibt er auch bei der Familie standhaft. Mutter Georgia Mae bleibt zunächst hart, wimmelt Hodges ab. Auch Larry zeigt sich nicht wahnsinnig interessiert. Doch Hodges bleibt dran und bekommt schließlich sein "Ja". Wenig später schreibt sich Larry in Indiana State ein. Der Rest… genau.
Für Birds letzte College Saison reist David Dupree von der Washington Post nach Terre Haute, um sich ein genaues Bild zu machen. Er fühlt sich erleuchtet. An einem Ort, für den sich niemand interessiert, interessieren sich alle für Bird. "Wie einen Gott" behandelten sie ihren Forward, schreibt Dupree. Und er versteht. "Als ich heimkam, sagte ich: ‚Mir ist egal, was ihr sagt, ich will nichts hören, der beste Spieler, den ich jemals gesehen habe, ist ein weißer Kerl aus Indiana. Larry Bird ist kein Fake." Dupree behält recht.
Was Maxwell während seiner ersten Trainingssession mit Bird erahnt, bewahrheitet sich wenig später. Mit ihrem Rookie gewinnen die Celtics 32 Spiele mehr als im Vorjahr und ziehen am Ende sogar in die Conference Finals ein, wo die Sixers um Julius Erving zu stark sind. Noch.
In Boston entsteht etwas, das sich später hinter der erfolgreichsten Phase der Franchise rund um Bill Russell einreihen wird. Auch, weil Bird auf das passende Pendant trifft. Zu Beginn seiner Karriere coacht Bill Fitch die Celtics. Fitch ist hart, verlangt viel. "Ich bin noch nie so viel gelaufen", erinnert sich Celtics-Center Robert Parish später. Gleichzeitig hätten die Methoden das Team "mental stark gemacht."
Bird stören sie ohnehin nicht. Mit Härte kann er umgehen. Sie stimuliert ihn. Während seiner ersten Saison führt er Boston beim Scoring (21,3 Punkte), Rebounding (10,4), den Steals (143) sowie gespielten Minuten an (2.955). Dazu verteilt er die zweitmeisten Assists (4,5) und trifft die zweitmeisten Dreier (58).
| Saison | Team | GP | PTS | FG | REB | AST |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1979/80 | BOS | 82 | 21,3 | 47,4 % | 10,4 | 4,5 |
| 1980/81 | BOS | 82 | 21,2 | 47,8 % | 10,9 | 5,5 |
| 1981/82 | BOS | 77 | 22,9 | 50,3 % | 10,9 | 5,8 |
| 1982/83 | BOS | 79 | 23,6 | 50,4 % | 11,0 | 5,8 |
| 1983/84 | BOS | 79 | 24,2 | 49,2 % | 10,1 | 6,6 |
| 1984/85 | BOS | 80 | 28,7 | 52,2 % | 10,5 | 6,6 |
| 1985/86 | BOS | 82 | 25,8 | 49,6 % | 9,8 | 6,8 |
| 1986/87 | BOS | 74 | 28,1 | 52,5 % | 9,2 | 7,6 |
| 1987/88 | BOS | 76 | 29,9 | 52,7 % | 9,3 | 6,1 |
| 1988/89 | BOS | 6 | 19,3 | 47,1 % | 6,2 | 4,8 |
| 1989/90 | BOS | 75 | 24,3 | 47,3 % | 9,5 | 7,5 |
| 1990/91 | BOS | 60 | 19,4 | 45,4 % | 8,5 | 7,2 |
| 1991/92 | BOS | 45 | 20,2 | 46,6 % | 9,6 | 6,8 |
So unscheinbar und zurückhaltend Bird wirkt, er spielt extrem hart. Dazu kommt der Hang zum schnellen Wort. Bird führt Gegenspieler nicht nur spielerisch vor. Nicht zu verteidigende Jumper begleiten pointierte Wortsalven, die den Stachel noch etwas tiefer hineinrammen. Seattles Xavier Maxwell klärt Bird einmal genau auf, von genau aus er gleich den Gamewinner treffen wird - und tut es.
1985 in Spiel 5 der Conference Semi-Finals fragt er Isiah Thomas, ob dessen Pistons nach einem Run denn nun fertig seien. "Nein", entgegnet Detroits Point Guard. "Naja, ihr seid fertig, weil ich jetzt dran bin." Bird übernimmt das Spiel und die Celtics gewinnen 130-123. Dabei tut er, was er immer tut.
Bird reizt andere so gut er kann. Selbst den sonst so besonnen Dr. J bringt er so aus der Fassung, dass er dieses eine Mal alles vergisst, was ihn und sein Spiel prägt. Kaum einer ist besonnener als Erving, kaum einer strahlt eine solche Ruhe aus, bis Bird 1986 fordert, die Sixers sollten doch bitte den alten Mann von ihm wegnehmen. Dr. J sei nicht mehr "der Sch***" und werde es auch nicht mehr sein, weil Bird nun "der Sch***" sei.
Wenig später laufen beide parallel den Court hinab, sie berühren sich, rangeln leicht. Kurz darauf packt Moses Malone Bird und Dr. J schlägt zu. Einmal, zweimal, dreimal. Beide müssen getrennt werden und die Halle verlassen, finden wenig später aber wieder zusammen. Was Birds Worte so schlimm macht: Sein Spiel hält mit, was ihn zur wandelnden Wutprobe für jeden Gegenspieler macht.
Bird ist ein Meister der Täuschung. Speed oder Explosivität braucht er nicht. Er beherrscht den Geschwindigkeitswechsel, verlagert sein Gewicht minimal, dennoch so klar, dass Verteidiger permanent auf falsche Ideen kommen. Mit Fakes, Stepbacks raubt er der Defense jegliche Orientierung, um dann mit seinem tödlichen Wurf, den er teilweise mit geschlossenen Augen trainiert, abzuschließen. Das Finnish beherrscht er rechts wie links. Dazu ist Bird ein exzellenter Passer und Rebounder, ein unglaublicher Allrounder.
Drei Mal gewinnen die Celtics mit ihrem Forward die Meisterschaft (1981, 1984, 1986), zwei Mal wird Bird Finals MVP, drei Mal Regular Season MVP. Dazu kommen 12 All-Star-, neun All-NBA Frist-, eine All-NBA Second-, drei All-Defensive Team-Nominierungen sowie der Titel als Rookie of the Year 1980. Womöglich wäre sogar mehr möglich gewesen, wäre da nicht diese berühmte Geschichte aus dem Sommer 1985.
Birds Mutter braucht eine neue Einfahrt und Larry möchte es selbst übernehmen. Keine gute gute Idee. "Larry Bird, der Superstar, ist da draußen und bricht sich seinen Rücken, weil er sprichwörtlich Schotter schaufelt", erinnert sich sein Orthopäde Dan Derek. "Das war der Beginn des Prozesses."
Dass die Athletik nachlässt, ist das Eine. Vor allem renkt sich Bird danach immer wieder den Rücken aus, muss unangenehme Haltungen einnehmen, um ihn zu entlasten. Wann immer er spielt, läuft er Gefahr irreparablen Schaden zu verursachen. "Bei jedem Spiel fragte ich mich, ob ich im Rollstuhl landen würde", blickt Bird zurück. "Würde ich je am Strand spazieren, meine Kinder halten können." Er kann.
Sogar einen weiteren Titel gewinnt Bird nach der Verletzung, muss seine Karriere jedoch am 18. August, nach 13 Jahren NBA beenden. Nach 13 Jahren Dominanz, Gnadenlosigkeit und Provokationen. Nach 13 Jahren, in denen Bird beweist, was Cedric Maxwell im ersten gemeinsamen Training lernte: dass er, wie er formulieren würde, der "echte Sch***" war, ist und bleibt…
Max Marbeiter