vor 8 Stunden
Big Man vor Aufnahme in die Hall of Fame
Amar'e Stoudemire wird am kommenden Wochenende in die Hall of Fame aufgenommen - zurecht, wie seine gesammelten Auszeichnungen besagen. Gleichzeitig ist sein Vermächtnis als Spieler durchaus kompliziert, und das liegt nicht bloß an seinen zahlreichen Verletzungen.

Manchmal muss ein Spiel oder eine Serie gar nicht gewonnen werden, um trotzdem als Durchbruch zu gelten. Weil die darin gezeigte Leistung so gut ist, dass selbst das Gewinner-Team eingestehen muss, dass hier jemand auf dem Weg ist, ein ganz Großer zu werden.
Die Western Conference Finals 2005 waren ein gutes Beispiel dafür: Es kam nicht von ungefähr, dass sich Tim Duncan direkt mit der Schlusssirene von Spiel 5 Amar'e Stoudemire schnappte, ihm auf den Rücken klopfte und anerkennende Worte mit auf den Weg gab. Die Message: Diesmal waren wir an der Reihe, aber wir werden uns wiedersehen. Und wer weiß, ob das gut für mich ausgeht.
Stoudemire hatte in der Partie 42 Punkte erzielt. 37 waren es im Schnitt in der Serie, bei 55 Prozent aus dem Feld. Den Großteil davon im direkten Duell mit Duncan, einem der besten großen Verteidiger der NBA-Geschichte. 22 Jahre alt war Stoudemire damals, hatte gerade erst sein drittes Jahr absolviert und darin mit den Suns 62 Siege geholt.
Phoenix war kein Meister, aber das Team der Stunde. Und Stoudemire? Der war offensichtlich ein Superstar, ein mögliches künftiges Gesicht der Liga. In den Worten von Spurs-Coach Gregg Popovich: "Ich weiß nicht, was ich mit ihm tun soll. Er ist einfach unglaublich. Er ist ein wirklich einzigartiger Spieler. Er wird nur noch besser werden."

Diese Annahme teilte wohl jeder, der sich die Serie damals ansah. Ebenso wie die Annahme, dass die Suns sich mit ihrer aufregenden Offensive als absolute Macht in der Western Conference etablieren würden. So sehr beeindruckte der Turnaround, den das Team im ersten Jahr mit dem frisch gekürten Liga-MVP Steve Nash hingelegt hatte.
Beide Annahmen waren korrekt. Irgendwie. Stoudemire wurde tatsächlich ein Superstar, die Suns tatsächlich zur Macht, die vier Jahre in Folge wenigstens 54 Siege holen und bis 2010 insgesamt dreimal die Conference Finals erreichen sollte. 2010 gelang im vierten Anlauf sogar mal eine gewonnene Serie gegen San Antonio.
Für eine Finals-Teilnahme reichte es in dieser Zeit allerdings ebenso wenig wie für MVP-Ehren - oder den "Gesicht der Liga"-Status“ - für Stoudemire. Was wenig überraschend natürlich auch miteinander zu tun hatte.
Direkt auf die Serie 2005 folgten Alarmsignale. Bei den Suns, deren notorisch geiziger damaliger Besitzer Robert Sarver den jungen Swingman Joe Johnson (später: siebenmaliger All-Star) nicht bezahlen wollte und ziehen ließ, womit er den gerade entstehenden Contender empfindlich schwächte.
Und noch mehr bei Stoudemire, bei dem in der Preseason 05/06 schwere Knieprobleme festgestellt wurden. Der Big Man musste sich einer Mikrofrakturierung unterziehen, die ihn mit Ausnahme von drei Spielen die komplette Folgesaison kosten sollte. Obwohl es zunächst geheißen hatte, er werde gegen Mitte der Saison zurückerwartet.
Stoudemire erholte sich in der Folge; er kam zurück auf das vorher gezeigte Niveau, selbst wenn sich sein Spiel ein wenig transformierte. Es war unerheblich: Die Zahlen waren ab 06/07 wieder da, die Auszeichnungen folgten. Einmal All-NBA First Team, zweimal Second, viermal All-Star in vier Jahren. Für einige Zeit schickte sich "STAT" (Standing Tall and Talented) an, Duncan (und Garnett, und Nowitzki, und …) von ihren respektiven Thronen zu stoßen.
Wenngleich Stoudemire ein völlig anderer Spielertyp war - und oft auf einer anderen Position spielte, zumeist als Center und nicht als Power Forward, obwohl er körperlich eher auf die Vier gepasst hätte. Auf der Fünf war er in der Lage, die Konkurrenz zu terrorisieren und all seine Talente bestmöglich zur Geltung zu bringen.
Für einige Jahre war STAT einer der besten großen Scorer der NBA. Ein elitärer Play-Finisher, der in Korbnähe unheimlich effizient agierte, schnell, explosiv und kraftvoll. Ein großartiger Pick-and-Roll-Partner für Nash, mit dem er eine fast schon übernatürliche Chemie entwickelte. Überdies brachte er gute Hände und einen sehr soliden Wurf aus der Mitteldistanz mit.
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Stoudemire war eine Highlight-Maschine: Seine Dunks über beispielsweise Joel Przybilla, Richard Jefferson oder Anthony Tolliver wurden legendär - seinem Mix aus Tempo, Sprungkraft und purer Power waren etliche Verteidiger hilflos ausgeliefert. Kein Zufall, dass Stoudemire in schöner Regelmäßigkeit 25 Punkte pro Spiel erzielte und dabei zu den effizientesten Spielern der Liga gehörte; er war ein perfekter Spielpartner für Nash, der ideale Verwerter von dessen Anspielen.
Zum Gesamtpaket Stoudemire gehörten indes stets auch die anderen Facetten des Spiels, die er zum Teil deutlich weniger gut beherrschte als das Scoring. STAT wechselte nicht nur direkt von der High School in die NBA - er spielte auf dem Weg dorthin für sechs verschiedene High Schools. Und er war dort aufgrund seiner Athletik und seines Körpers stets so sehr im Vorteil, dass Coaches es, wie er selbst später sagte, nicht für nötig befanden, allzu viel Zeit in seine fundamentale Ausbildung zu investieren.
Bisweilen zeigte sich das bei seinem Spielverständnis. Ein guter Passer war Stoudemire nie. Über seine Karriere produzierte er fast doppelt so viele Turnover (1.953) wie Assists (1.050). Auch für sich selbst konnte er im Halbfeld nicht konstant Abschlüsse kreieren, war vielmehr davon abhängig, dass andere - wie eben Nash - das für ihn übernahmen.
Noch größere Probleme hatte er in der Defense. Zwar machte ihn die Athletik dort zum Teil zu einem soliden Shotblocker, nie jedoch zu einem guten Team- oder Mann-Verteidiger, weil ihm dafür die Basis fehlte. Die Spurs stoppten ihn nicht, er selbst stoppte Duncan oder andere Spieler seiner Klasse aber ebenso wenig. Auch war er nie ein überdurchschnittlicher Rebounder, eher im Gegenteil.
Die Suns preisten das ein. Ihn als Center spielen zu lassen, brachte ihnen offensiv unheimliche Vorteile und ermöglichte den Speed, mit dem sie die damalige Liga verzauberten - und überrannten. Diese Lineups schufen ihnen auf der anderen Seite aber auch einige der Nachteile, die auch dazu führten, dass sie den letzten Schritt in den Playoffs nie schafften.
| Saison | Team | GP | PTS | FG | REB | BLK |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 2002/03 | PHO | 82 | 13,5 | 47,2% | 8,8 | 1,1 |
| 2003/04 | PHO | 55 | 20,6 | 47,5% | 9,0 | 1,6 |
| 2004/05 | PHO | 80 | 26,0 | 55,9% | 8,9 | 1,6 |
| 2005/06 | PHO | 3 | 8,7 | 33,3% | 5,3 | 1,0 |
| 2006/07 | PHO | 82 | 20,4 | 57,5% | 9,6 | 1,3 |
| 2007/08 | PHO | 79 | 25,2 | 59,0% | 9,1 | 2,1 |
| 2008/09 | PHO | 53 | 21,4 | 53,9% | 8,1 | 1,1 |
| 2009/10 | PHO | 82 | 23,1 | 55,7% | 8,9 | 1,0 |
| 2010/11 | NYK | 78 | 25,3 | 50,2% | 8,2 | 1,9 |
| 2011/12 | NYK | 47 | 17,5 | 48,3% | 7,8 | 1,0 |
| 2012/13 | NYK | 29 | 14,2 | 57,7% | 5,0 | 0,7 |
| 2013/14 | NYK | 65 | 11,9 | 55,7% | 4,9 | 0,6 |
| 2014/15 | NYK | 36 | 12,0 | 54,3% | 6,8 | 0,9 |
| 2014/15 | DAL | 23 | 10,8 | 58,1% | 3,7 | 0,2 |
| 2015/16 | MIA | 52 | 5,8 | 56,6% | 4,3 | 0,8 |
Es lag auch an diesen Faktoren, dass STAT trotz all seiner Auszeichnungen nicht den eindeutigsten statistischen Fußabdruck hinterließ. In einigen Saisons war sein On/Off-Rating bei den Suns bloß neutral, 09/10 spielte das Team sogar besser, wenn er auf der Bank saß. Was nicht etwa daran lag, dass Sarver massive Ressourcen in die Reserve investiert hätte.
In der 05/06er-Saison, die er fast komplett aussetzte, ließ das Team überhaupt nicht nach und schaffte es direkt wieder in die Conference Finals. Drittjahresprofi Boris Diaw, der zuvor als Throw-In beim Joe-Johnson-Trade aus Atlanta gekommen war, vertrat ihn damals und spielte die Position zwar völlig anders, dem Impact zufolge allerdings nicht unbedingt schlechter.
Was den Einfluss angeht, ließe sich der Hall-of-Fame-Case grundsätzlich für eine andere Suns-Konstante in diesen Jahren leichter machen. Shawn Marion war den On/Off-Zahlen zufolge recht eindeutig der zweitwichtigste Sun dieser Ära nach Nash; seine defensive Vielseitigkeit und sein Rebounding waren es, die viele der revolutionären Lineups erst möglich machten.
"The Matrix" hat den Anruf aus Springfield bisher nicht bekommen - vielleicht folgt er Stoudemire ja eines Tages. Nun ist aber erst einmal STAT an der Reihe, der ja selbst zweifellos gute Argumente mit ins Feld führt.
Er war ein Jahr vor LeBron James der erste High-Schooler, der es zum Rookie of the Year brachte. Er hatte die Highlights, die Auszeichnungen. Er war der Star, der die Knicks - noch vor Carmelo Anthony und Jeremy Lin - zumindest kurzzeitig wieder spektakulär und sehenswert machte, als er 2010 dorthin wechselte und im Big Apple die letzte wirklich gesunde und richtig gute Saison seiner Karriere hinlegte.
Er ist außerdem ein wandelndes What-If, selbst wenn er in dieser Hinsicht seltener genannt wird als Spieler wie Derrick Rose oder Grant Hill. Zwar erholte er sich von seiner Verletzung verhältnismäßig gut, sie hat seine Karriere trotzdem entscheidend verändert. Zumal es danach stets mehr darum ging, das alte Niveau wieder zu erreichen, statt es zu übertreffen.
Wer weiß, was alles möglich gewesen wäre, hätte es die erste große Verletzung nicht gegeben. Selbst mit ihr war ja einiges möglich. Wenn auch vielleicht nicht mehr konstant die Reaktion, die Stoudemire 2005 hervorgerufen hatte. "Niemals", schwor Gregg Popovich damals auf die Frage, ob irgendjemand schon einmal so etwas mit den Spurs angestellt habe wie soeben Amar'e.
Kein so schlechtes Vermächtnis - selbst wenn dieser Moment nicht der Anfang von etwas noch Größerem sein sollte. Sondern der Höhepunkt.
Ole Frerks