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Dreifacher MVP bleibt hinter Erwartungen zurück
Die Denver Nuggets stehen schon in Runde eins der NBA Playoffs vor dem Aus. Zwar plagen die Minnesota Timberwolves Verletzungssorgen, doch auch so sind Denvers bisherige Vorstellungen zweifelhaft. Selbst Nikola Jokic hat so große Probleme wie nie zuvor.

Hätten die Wolves nicht mit Anthony Edwards und Donte DiVincenzo gleich zwei Schlüsselspieler verloren, würden sich die Denver Nuggets wohl sehr bald in den Urlaub verabschieden. Zu klar waren die Leistungsunterschiede, zu dominant präsentierten sich die Wolves, die in Spiel 4 noch die prominenten Ausfälle abfedern konnten. Ob dies noch mindestens einmal gelingt, ist fraglich.
So oder so: Die Nuggets müssen sich steigern, auch bei ihnen fehlt mit Peyton Watson ein wichtiger Spieler und Aaron Gordon schleppt sich mit einer Wadenverletzung mehr über das Feld. Was Denver braucht, ist Dominanz von Nikola Jokic, doch der dreifache MVP spielt derzeit die womöglich schlechteste Serie seiner Playoff-Karriere. Dröseln wir an dieser Stelle mal auf, woran das liegt.
In Duellen mit guten Bigs hilft Jokic oft der Dreier, womit er seine Gegenspieler aus der Zone ziehen kann und damit Platz für andere schaffen kann. Dazu schwingt stets die Gefahr mit, dass der Joker selbst in Richtung Korb zieht. Da Jokic in der Serie aber nur bei 5/24 steht, hat es sich Rudy Gobert gemütlich in der Zone gemacht.
Soll er sie doch nehmen, die Dreier. Das ist der Ansatz der Wolves und verständlicherweise zögert Jokic. Es ist ein Phänomen, das seit seiner Knieverletzung zu bemerken ist. Davor konnte der Big Man kaum verfehlen (44 Prozent), nun will kaum etwas fallen. Es gibt Gerüchte, dass der Serbe eine Verletzung am Handgelenk hat, bestätigt ist das aber nicht.

Das Ganze erzeugt einen Dominoeffekt und sorgt auch im Verbund mit Co-Star Jamal Murray für Probleme. Eigentlich ist das Duo ein Rätsel, welches kaum einer imstande ist zu lösen, doch wenn Jokics Dreier nicht fällt, kann sich Gobert etwas fallen lassen und Murray in der Zone empfangen, sollte dieser zum Korb ziehen.
So haben Murrays Gegenspieler, zumeist Jaden McDaniels und Ayo Dosunmu, die Chance, sich über Blöcke zu kämpfen und den Druck auf den Kanadier aufrechtzuerhalten. Dass der Dreier auch bei ihm nur sehr unzuverlässig fällt (0/13 in den Spielen 1 und 3, über die Serie 26,5 Prozent), macht es nicht leichter.
Minnesota macht hier viel richtig, hat jede Menge Erfahrung aus den zwei Serien in den vergangenen drei Jahren. Denvers Offense ist unique, viele Teams scheitern daran, weil sie so anders aufgestellt ist, doch die Wolves kennen sie am besten und Coach Chris Finch hat über die Jahre die richtigen Schlüsse gezogen.
| Spieler | MIN | PTS | FG% | 3P% | REB | AST |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Jokic | 39,0 | 25,0 | 39,1 | 18,5 | 14,5 | 7,8 |
| Murray | 39,8 | 26,5 | 37,1 | 26,5 | 5,0 | 5,8 |
Und wenn das nicht klappte, hatte Denver immer noch die Option mit Jokic im Post oder aus Isolationen. Doch auch hier generieren die Nuggets keine Vorteile, was ihnen sonst nicht passiert. Gobert ist einer der wenigen Spieler, die groß und mobil genug sind, um den 31-Jährigen ohne Hilfe zu verteidigen und raubt somit Denvers größte Stärke.
Es ist ähnlich wie mit Prime LeBron. Kommt die Hilfe, wird auch Jokic den freien Mann finden und seinem Team Vorteile verschaffen. "Pick your poison" nennt es der Amerikaner, gewissermaßen kann man sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Doch wenn Jokic auch Eins-gegen-Eins nicht effizient genug ist, dann fehlen Denver die Lösungen.
Während der Regular Season hatte Denver mit Jokic auf dem Feld ein historisches Offensiv-Rating von 1,28 Punkten pro Angriff (Liga-Schnitt: 1,16), gegen die Wolves ist dieser Wert auf 1,04 abgesackt, was die mit Abstand schlechteste Offense der NBA gewesen wäre. Solange Jokic nicht zeigen kann, dass sein Dreier fällt und er ihn in direkten Duell schlagen kann, wird sich daran nicht viel ändern.

Und dann gibt es auch noch die andere Seite des Balles. Zugegeben, Jokic war nie ein guter Verteidiger am Ring, war aber aktiv mit seinen Händen und stand zumeist richtig. Dazu scorte Denver auch immer konstant, sodass der Gegner erst einmal den Ball aus dem Netz fischen musste. Passiert das nicht, eröffnet dies Transition-Gelegenheiten und auch hier haben die Nuggets eklatante Schwächen.
Jokic schaltet oft schlecht um, diskutiert gerne mit den Schiedsrichtern, der Schnellste ist er ohnehin nicht. Dass er auch am Ring wirklich niemanden mehr stoppen kann, ist alarmierend, vor allem wenn Gordon weiterhin so limitiert in seinen Möglichkeiten ist. Deswegen kann man McDaniels gar keinen großen Vorwurf machen, wenn er sagt, dass Denver nur "schlechte Verteidiger" in seinen Reihen hätte. Denn das ist nahe an der Wahrheit.
Und doch besteht für Denver weiterhin Hoffnung. Die Verletzungen auf Wolves-Seite haben die Karten neu gemischt und einen Weg eröffnet, dass drei Siege in Serie noch im Bereich des Möglichen erscheinen. Minnesota bleibt ein schwieriges Matchup für die Nuggets, gegen andere Gegner könnte es anders aussehen.
Dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass diese Nuggets bei weitem nicht mehr die Qualität von 2023 oder sogar aus dem Vorjahr haben, als man den späteren Champion OKC bis in ein siebtes Spiel drängte. Vieles hat auch mit Jokic zu tun. Wenn er zumindest die offensiven Rätsel lösen kann, ist vieles möglich. Er muss nur spätestens in der Nacht auf Dienstag damit beginnen.
Robert Arndt