vor 1 Stunden
Mythos Chamberlain
Um Wilt Chamberlain ranken sich wohl die größten Mythen und Legenden der NBA-Geschichte. Der Big Man war eine wandelnde Rekord-Maschine und viele seiner Bestwerte haben bis heute noch Bestand. So auch der unglaubliche Schnitt von 48,5 Minuten Spielzeit über eine gesamte Saison, der vielleicht der unbrechbarste Rekord der NBA-Geschichte ist.

Wenn man an Wilt Chamberlain denkt, kommt einem natürlich sofort das legendäre 100-Punkte-Spiel 1962 in den Kopf. Kein Spieler in der NBA-Geschichte kam auch nur ansatzweise in die Nähe dieser Marke, dennoch scheint es nicht unmöglich, dass ein Spieler dieses Kunststück wiederholt. Wenn Bam Adebayo 83 Punkte erzielen kann, warum sollen dann nicht auch 100 möglich sein?
Das 100-Punkte-Spiel allein zu betrachten, wird Wilt aber ohnehin nicht gerecht. Der Big Man war ein Berg von einem Mann und es ist mehr als schade, dass nicht mehr Filmaufnahmen von ihm existieren. Er wurde offiziell mit einer Körpergröße von 2,16 Metern und einem Gewicht von 120 Kilogramm gelistet. Damit wäre er heute einer der größten Spieler der Liga, damals war er aber eine absolute Anomalität. Und das lag eben nicht alleine an seiner Größe.
Oft heißt es ja, Wilt hätte zu einer Zeit dominiert, in der er ein Riese und alle anderen Zwerge waren - was jedoch absolut nicht stimmt. In den 60er Jahren lag die Durchschnittsgröße in der NBA bei ca. 1,96 Metern, was zwar einige Zentimeter weniger ist als heutzutage, als "Zwerg" geht man damit aber keineswegs durch. Auch auf den Center-Positionen war die Liga damals ordentlich besetzt.
In 19 seiner 29 Playoff-Serien traf Wilt auf einen Hall-of-Fame-Center, auch bei seinem 100-Punkte-Spiel war sein Gegenspieler Darrall Imhoff nur knapp sieben Zentimeter kleiner als der Dominator. Spannend ist auch, dass ihm bei seinem legendären 55-Rebounds-Spiel kein Geringerer als sein ewiger Rivale Bill Russell gegenüberstand.

Es war vielmehr Wilts unglaubliche Kombination aus Größe, Körperbau, Athletik und Skillset, die ihn zu dem Mythos machten, der heute noch Menschen auf der ganzen Welt fasziniert.
Das zeichnete sich schon in frühen Jahren ab, als er Highschool-Rekorde im Weitsprung, Hochsprung, Kugelstoßen und über 440 Yards aufstellte. Er soll eine unmenschliche Kraft besessen haben und in seiner Hochzeit 227 kg auf der Hantelbank gedrückt haben. Alles, was Wilt angeht, war schlichtweg kaum zu glauben, weshalb es nicht verwundert, dass sich jahrelang die Gerüchte hielten, er würde im Pool seiner futuristischen, ohne rechte Winkel erbauten Villa in Bel Air Krokodile als Haustiere halten (tatsächlich hatte er "nur" zwei deutsche Doggen).
Die Krönung der sportlichen Absurdität war jedoch die Saison 1961/62. Wenn man sich die gesamte Spielzeit anschaut, war das 100-Punkte-Spiel nur das Beiwerk eines statistischen Höhenflugs, den es so nie wieder geben wird. Chamberlain legte unglaubliche 50,4 Punkte und 25,7 Rebounds im Schnitt auf - wurde damit aber nicht zum MVP gewählt!
Blickt man aber noch genauer auf die Stats, springt einem eine Zahl ins Auge, die so eigentlich gar nicht möglich ist: Über die gesamte Saison hinweg (damals waren es noch 80 statt 82 Spiele) stand Chamberlain 48,5 Minuten pro Spiel auf dem Feld. Dabei sei gesagt, dass ein Basketballspiel damals wie heute 48 Minuten dauert. Wie kommt also diese Zahl zustande?
Die Antwort darauf ist ziemlich simpel: Er saß einfach nie auf der Bank. In der kompletten Saison wurde Chamberlain kein einziges Mal ausgewechselt und verpasste lediglich acht Minuten am 3. Januar 1962, als er mit zwei Technicals in der Schlussphase vom Platz flog. Rechnet man die sieben Spiele der Philadelphia Warriors dazu, die in die Overtime gingen (dreimal sogar in die 2. OT), steht man am Ende bei einem Saisonschnitt von 48,5 Minuten.
Solche Spielminuten sind in der heutigen Ära des Load Managements kaum vorstellbar, bedingt wurde dieser Rekord aber auch durch einen eher unrühmlicheren Fakt seiner Karriere: Wilts akute Abneigung gegen das Ausfoulen. In 1.045 Spielen in 14 NBA-Jahren foulte er kein einziges Mal aus. Celts-Legende John Havlicek schrieb in seinen Memoiren sogar, dass Chamberlain "besessen" davon gewesen sei, jedes Spiel zu beenden.
In seiner Rekord-Saison 61/62 kam er so auf gerade einmal zwei Fouls pro Spiel, was für einen Defensivanker absurd wenig ist. Laut Havlicek "verkrampfte" er regelrecht, sobald er nur das dritte Foul gepfiffen bekam, und verteidigte ab dem vierten Foul so gut wie gar nicht mehr, was sein Team immer wieder Siege kostete.
Auch diese Seite gehört eben zu Wilt, weshalb es nicht verwundert, dass er auch einer der polarisierendsten Stars der Geschichte ist und bei seinen Mitspielern als nicht besonders beliebt galt.

Am Ende seiner Rekord-Saison sprang nämlich wie so oft kein Titel raus. In Spiel 7 der Eastern Conference Finals scheiterten die Warriors in Spiel 7 an Russells Celtics.
Auch danach bleibt dies ein wiederkehrendes Thema von Chamberlains Karriere. Er legt unglaubliche Zahlen auf, für den ganz großen Wurf reicht es aber nur zweimal. Ansonsten scheitert er immer an Russell, der übrigens auch 1961/62 zum MVP gekürt wurde, obwohl er mehr als 30 Punkte pro Spiel weniger auflegte als Chamberlain (18,9). Dafür gewann sein Team aber eben elf Regular-Season-Spiele mehr.
Am Ende war es vielleicht auch einfach gar nicht Wilts Ziel, so viele Titel wie möglich zu gewinnen. Die Celtics in den 60er Jahren waren ein schier unbesiegbares Team um ihren stets beliebten Superstar Russell, im Gegensatz dazu stand der als Egoist geltende Chamberlain. Zeit seines Lebens wurde er als der übermächtige Riese wahrgenommen, dem man den Sieg nicht gönnt - und der selbst bei historischen Leistungen am Ende oft als Verlierer dastand. Bezeichnend ist auch, dass Wilt später über sich selbst sagte: "Niemand liebt Goliath."
Also suchte sich der "ungeliebte" Wilt eine andere Möglichkeit, seinen Namen für immer in den Geschichtsbüchern zu verewigen, was ihm mehr als eindrucksvoll gelang. Nie wieder wird ein Spieler in der besten Basketball-Liga der Welt so viele Minuten spielen und so viele Punkte auflegen wie die 1999 verstorbene Legende.
Gianluca Fraccalvieri