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Vom Familienerbe zum Machtkampf
Dr. Jerry Buss wollte die Los Angeles Lakers dauerhaft in Familienhand halten. Nach seinem Tod wurde aus seinem Vermächtnis aber ein erbitterter Geschwisterkrieg.

Dass seine sechs Kinder eines Tages öffentlich um die Los Angeles Lakers kämpfen würden, wollte Jerry Buss unbedingt verhindern. Der langjährige Eigentümer baute deshalb einen Treuhandfonds auf, bestimmte Tochter Jeanie zu seiner Nachfolgerin und verteilte die Macht innerhalb der Familie. Sein Lebenswerk sollte die Kinder zusammenhalten.
Mehr als 13 Jahre nach Buss' Tod bewirkt der Nachfolgeplan das Gegenteil. Jeanie kämpft inzwischen gegen ihre fünf Geschwister um die verbliebenen Familienanteile, und damit um ihre Zukunft bei den Lakers. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Familienfehde, die zwischen Loyalität, Misstrauen und Milliarden längst alle Zutaten einer Hollywood-Serie besitzt (und mit der Netflix-Serie Running Point in Teilen sogar umgesetzt wurde).
Die Geschichte der Buss-Familie beginnt aber nicht mit einem Milliardenvermögen. Jerry Buss baute seinen Wohlstand mit Immobilien auf. Am Anfang sollen eine Anzahlung von 6000 US-Dollar und ein Darlehen über 100.000 US-Dollar gestanden haben. 1979 übernahm der promovierte Chemiker schließlich die Lakers, die Los Angeles Kings, deren Heimspielstätte The Forum und weitere Immobilien von Jack Kent Cooke. Das gesamte Paket kostete 67,5 Millionen US-Dollar.

Buss verwandelte die Lakers dann in mehr als eine Basketballmannschaft. Der als Playboy bekannte Eigentümer brachte Showelemente, Prominenz und die Laker Girls in die Halle. Auf dem Feld prägten Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar die Showtime-Ära, später folgten Shaquille O'Neal und Kobe Bryant. Bis zu Buss' Tod im Februar 2013 gewann die Franchise unter seiner Führung zehn Meisterschaften.
Parallel machte er aus den Lakers ein Familienunternehmen. Sechs seiner Kinder, Johnny, Jim, Jeanie, Janie, Joey und Jesse, erhielten Aufgaben innerhalb der Organisation. Seine kontrollierenden Anteile von rund 66 Prozent bündelte Buss in einem Treuhandfonds. Jedes Kind bekam das gleiche Stimmrecht, Jeanie sollte die Familie aber gegenüber der NBA vertreten und als Statthalterin die Kontrolle übernehmen.
Auch die sportlichen Zuständigkeiten hatte der Vater verteilt. Jeanie war für die geschäftliche Seite verantwortlich war, Jim Buss führte gemeinsam mit General Manager Mitch Kupchak den Basketballbereich. Joey und Jesse arbeiteten sich vor allem über die Nachwuchs- und Scoutingabteilung nach oben. Das Modell funktionierte, solange Jerry Buss die Familie zusammenhielt.
Nach seinem Tod traten die unterschiedlichen Vorstellungen immer deutlicher hervor. Die Lakers verpassten ab 2013 mehrfach die Playoffs, prominente Neuverpflichtungen blieben aus. Jim Buss hatte sich selbst eine Frist gesetzt, um die Franchise zurück an die Spitze zu führen. Jeanies Geduld endete schon im Februar 2017.
Sie entließ ihren Bruder und trennte sich zugleich von Kupchak. Magic Johnson wurde als Präsident für den sportlichen Bereich installiert, wenig später folgte Rob Pelinka als General Manager. Für Jim war die Entscheidung nicht nur eine berufliche Niederlage. Sie griff unmittelbar in die von Jerry Buss vorgesehene Machtverteilung ein.
Gemeinsam mit dem ältesten Bruder Johnny holte er zum Gegenschlag aus. Johnny setzte eine Sitzung der Familiengesellschaft an, bei der ein neues Board gewählt werden sollte. Jeanie fürchtete, dass ihre Brüder sie aus dem Verwaltungsrat entfernen und damit auch ihre Stellung als kontrollierende Eigentümerin gefährden wollten. Sie zog vor Gericht und erwirkte eine einstweilige Verfügung.
Der versuchte Umsturz scheiterte. In der darauffolgenden Einigung wurde Jeanies Position sogar weiter gestärkt. Die Treuhänder verpflichteten sich dazu, ihre Stimmen so einzusetzen, dass Jeanie während ihres Lebens die kontrollierende Eigentümerin der Lakers bleiben könne.

Eine entscheidende Rolle spielten damals die jüngsten Brüder. Joey und Jesse stellten sich 2017 öffentlich hinter Jeanie und gegen Jim und Johnny. Beide betonten, ihrer Schwester vollständig zu vertrauen. Sie galten auch innerhalb der Lakers als wichtige Vertreter der nächsten Generation.
Jesse stieg zum Assistant General Manager und Scoutingdirektor auf. Joey war unter anderem für Forschung und Entwicklung verantwortlich, führte das G-League-Team South Bay Lakers und fungierte als stellvertretender Gouverneur. Und auch die Draftarbeit der Brüder erhielt Anerkennung. Spieler wie Jordan Clarkson, Larry Nance Jr., Kyle Kuzma, Josh Hart und Austin Reaves fanden trotz vergleichsweise später Auswahlpositionen ihren Weg nach L.A.
Nach Recherchen von ESPN glaubten Joey und Jesse sogar, ihr Vater habe sie langfristig für die gemeinsame Führung des Basketballbereichs vorgesehen. Jeanie setzte aber weiter auf Pelinka und einen engen Kreis langjähriger Vertrauter.
Die Beziehung verschlechterte sich endgültig im Jahr 2025. Joey und Jesse sollen damals vorgeschlagen haben, nur einen kleineren Anteil der Lakers zu verkaufen. Dadurch hätte jedes Geschwisterkind nach ihrer Kalkulation bis zu 150 Millionen US-Dollar erhalten können, ohne die Kontrolle über die Franchise abzugeben.
Stattdessen präsentierte Jeanie der Familie den kompletten Verkauf der Mehrheitsanteile an Mark Walter. Die Geschwister stimmten dem Geschäft am Ende mit 6:0 zu, einige fühlten sich laut ESPN unter Druck gesetzt und vom schnellen Verfahren überrumpelt. Walter übernahm die Kontrolle bei einer Rekordbewertung von zehn Milliarden US-Dollar. Jeanie durfte als Gouverneurin bleiben, die übrigen Familienmitglieder verloren an Einfluss.
Im November 2025 traf es dann auch Joey und Jesse. Die Lakers entließen beide im Zuge einer Umstrukturierung und bauten gleichzeitig weite Teile des Scoutingbereichs um. Jesse warf seiner Schwester anschließend vor, ihn wie einen Feind behandelt zu haben.
Weniger als ein Jahr später verkaufte Walter seine Lakers-Anteile schon wieder weiter. Bob Iger und Josh Kushner verständigten sich mit ihm auf eine Übernahme bei einer Bewertung von 12,5 Milliarden US-Dollar. Der Familie blieb nach dem ersten Verkauf noch ein Anteil von 17,8 Prozent.
Auch diesen wollen Johnny, Jim, Janie, Joey und Jesse nun abgeben. Nach Angaben von ESPN stimmten alle fünf für die Nutzung einer sogenannten Mitverkaufsregelung. Jeanie enthielt sich demnach und kündigte über ihren Anwalt Adam Streisand an, gegen das Vorhaben vorzugehen. Ihre Geschwister erklärten noch einmal öffentlich, in ihrer Entscheidung vereint zu sein.

Jeanie beruft sich auf jene Vereinbarung, die nach dem Machtkampf von 2017 getroffen wurde. Demnach müssten die drei aktuellen Co-Treuhänder Jeanie, Janie und Joey Buss dafür sorgen, dass der für ihre Kontrolle benötigte Anteil erhalten bleibt. Ein Verkauf ohne Jeanies Zustimmung verstoße nach Ansicht ihres Anwalts gegen die Pflichten der Treuhänder und möglicherweise gegen die damalige gerichtliche Einigung.
Besonders pikant ist dabei, dass Streisand Joey und Jesse beschuldigte, gezielt falsche Informationen an die Medien weitergegeben zu haben, um Jeanies Stellung zu beschädigen. Die einstigen Verbündeten stehen sich jetzt endgültig als Gegner gegenüber.
Sollten die gesamten 17,8 Prozent verkauft werden, würden Iger und Kushner künftig ungefähr 83 Prozent der Lakers kontrollieren. Jeanie könnte dann außerdem eine zentrale Voraussetzung für das Amt der Gouverneurin nicht mehr erfüllen. Nach den NBA-Regularien muss der von einer Franchise bestimmte Gouverneur einen Anteil von mindestens 15 Prozent repräsentieren.
Iger hatte erklärt, die mit Walter getroffene Vereinbarung respektieren und Jeanie bis 2030 im Amt belassen zu wollen. Gleichzeitig schränkte der frühere Disney-Chef ein, dass sich die Umstände noch verändern könnten. Durch den geplanten Verkauf der restlichen Familienanteile ist genau das eingetreten.
Noch steht das Ende von Jeanies Amtszeit deshalb nicht fest. Sowohl die Übernahme durch Iger und Kushner als auch ein Verkauf der Buss-Anteile benötigen weitere Schritte und die Zustimmung der NBA. Vorher könnte ein Gericht klären müssen, ob die fünf Geschwister den Verkauf gegen Jeanies Willen durchsetzen dürfen.
Jerry Buss wollte mit seinem Treuhandfonds verhindern, dass sein Lebenswerk auseinandergerissen wird. Jetzt ist ausgerechnet dieser Nachfolgeplan zur wichtigsten Waffe seiner Tochter geworden. Ob er die Familie ein letztes Mal zusammenhält oder ihren endgültigen Bruch besiegelt, entscheidet über das Ende einer 47 Jahre langen Lakers-Dynastie.
Lukas Hetterich