22.01.2026
Spielmacher überragt in neuer Rolle
Christian Anderson klettert im Moment in sämtlichen NBA Mock Drafts. Der Jung-Nationalspieler überzeugt bei Texas Tech in neuer Rolle und könnte im Sommer tatsächlich in der ersten Runde gedraftet werden.

"Ich will der beste Point Guard im College Basketball sein." Doch recht vollmundig verkündete Christian Anderson vor der Spielzeit seine Ziele für die Saison, natürlich auch immer mit einem Blick auf den NBA Draft 2026. Die NBA ist schließlich das große Ziel für den Jung-Nationalspieler, der durch seine Leistungen bei der U-19-WM und auch mit der A-Nationalmannschaft für Aufsehen sorgte.
In Erinnerung bleibt natürlich sein spektakulärer Dunk in der Vorbereitung gegen Slowenien, es war eine erste Duftmarke, die der 19-Jährige setzte, obwohl er es letztlich nicht in den Kader für die Europameisterschaft schaffte. Es war dennoch eine kleine Überraschung, dass ihn Bundestrainer Alex Mumbru überhaupt nominierte, gleichzeitig deutete Anderson sein immenses Potenzial auch an.
Dies tut er nun wieder auf dem College für die Texas Tech Red Raiders - und das in neuer Rolle. War Anderson im Vorjahr noch vor allem abseits des Balles aktiv, ist der Mann aus Atlanta in dieser Spielzeit der klare Leader der Mannschaft, der von der Point-Guard-Position die Fäden in der Hand hält.
| Saison | Spiele | MIN | PTS | FG% | 3P% | AST | TOV |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 24/25 | 35 | 30,6 | 10,6 | 42,9 | 38,0 | 2,2 | 1,0 |
| 25/26 | 19 | 38,4 | 20,2 | 49,2 | 45,3 | 7,4 | 2,9 |
20,2 Punkte und 7,4 Assists legt Anderson im Schnitt auf, nur drei andere Talente spielen in der Division I mehr direkte Vorlagen als der Deutsche, der in zahlreichen Mocks aus der zweiten Runde in die Nähe der Lottery (also Rang 14) geklettert ist. "Er versteht nun, wie man eine Offense laufen muss und gleichzeitig auch seinen eigenen Wurf bekommt", sagte Coach Grant McCasland. Einziger kleiner Makel: "Ich weiß, dass er immer das richtige Play sucht, aber manchmal muss ich ihn auch erinnern, dass er in jedem Angriff scoren könnte."
In neun von 19 Partien erzielte Anderson mindestens 20 Punkte, nur zweimal blieb er einstellig. Hängen blieb vor allem die 27-Punkte-Vorstellung gegen Duke, als der Deutsche sein Team fast im Alleingang von einem 17-Punkte-Rückstand zurückbrachte und 23 Zähler nach dem Wechsel erzielte.
Sein Team braucht solche Explosionen. Die Red Raiders sind eines der dünner besetzten Teams, sodass Anderson schon sechsmal die vollen 40 Minuten durchspielte. Er ist der Motor der Mannschaft, zusammen mit Big Man J.T. Toppin bildet er einen der besten One-Two-Punches im Land.
Das hebt Anderson von anderen Spielmachern ab. Er braucht nicht dringend den Ball, da er sich abseits davon gut bewegt und zudem ein grandioser Schütze ist. Über 45 Prozent seiner Dreier gehen durch die Reuse (bei knapp acht Versuchen), auch dies ist eine deutliche Verbesserung zum Vorjahr, obwohl seine Wurfauswahl durch Pull-Ups deutlich anspruchsvoller geworden ist.
Zudem zeigte er schon mehrfach, dass er auch den tieferen NBA-Dreier schon im Arsenal hat. Sowohl aus der Bewegung als auch aus dem Dribbling gibt es kaum einen Wurf, der für Anderson zu schwer ist. Dazu hat der Guard auch körperlich zugelegt und kann Kontakt besser absorbieren sowie vollenden - wie gegen Duke zu sehen, als er in der Crunchtime ein anspruchsvolles And-1 veredelte.
Für die Zukunft wird das wichtig sein, wenn das "Leichtgewicht" Anderson (nur 81 Kilo) in der NBA bestehen möchte. Diverse Draft-Portale vergleichen den U-19-Silbermedaillengewinner zwar mit Dennis Schröder, doch diese Vergleiche sind doch etwas faul. Anderson hat nicht den Top-Speed seines Mentors, er ist auch etwas weniger athletisch. Dafür besticht der Star der Red Raiders durch überragendes Ballhandling, Touch und einen sicheren Wurf. Eine abgeschwächte und kleinere Version von Nuggets-Guard Jamal Murray trifft es womöglich eher.
Gegen BYU war zuletzt sogar zu sehen, dass Gegner freiwillig Vier-gegen-Vier spielen, um Anderson komplett aus dem Spiel zu nehmen. Am Ende kam er dann doch auf seine 22 Punkte und zeigte auch defensiv einige gute Plays. Hier sind die Schwächen zu verorten, das zeigte sich auch bei der Nationalmannschaft. Es fehlt in der Verteidigung an Gefühl für die Situation, dazu lässt Anderson seine Gegenspieler zu einfach gewähren.

Zu seinem Glück muss man auf der Eins aber auch kein Defensiv-Ass sein, steigern sollte sich Anderson hier aber schon. Gleichzeitig: Wer über 40 Minuten den Laden in der Offense ohne Pausen schmeißt, muss eben auch anderweitig Abstriche machen. Das ist das Problem der Red Raiders, die ein paar Verletzungssorgen und wenige Alternativen auf der Bank haben.
Anderson und Toppin tragen die Mannschaft, dahinter wird es schnell sehr dünn. Auch deswegen zählen die Red Raiders nicht zum Favoritenkreis in dieser Saison, mit Duke (3) und BYU (11) wurden erst zwei gerankte Teams geschlagen, ansonsten hagelte es vier Niederlagen. Trotzdem sind die Red Raiders noch an Position 12 gerankt.
An den Chancen für den NBA Draft dürfte sich für Anderson aber nichts ändern. Es ist gut vorstellbar, dass aus dem 19-Jährigen mindestens ein guter Bankscorer wird, der die Offense für ein paar Minuten am Leben halten kann. Skepsis herrscht eigentlich nur wegen der Größe, gleichzeitig stehen Skills in der NBA so hoch im Kurs wie noch nie - und die hat Anderson auf jeden Fall.
So oder so: Was man schon seit längerem ahnen konnte, bestätigt sich in dieser Saison. In einer Zeit, wenn Dennis Schröder (32) irgendwann mal aus der Nationalmannschaft zurücktreten wird, dann muss man sich beim DBB nur wenig Sorgen machen. Mit Anderson und Albas Jack Kayil (19) stehen die nächsten großen Talente schon bereit.
Robert Arndt