vor 11 Stunden
Viele Besonderheiten in New York
Die New York Knicks sind nach vielen schweren Jahren endlich wieder NBA-Champion. Jalen Brunson wurde zum Finals-MVP gewählt und der Point Guard ist auch der Grund dafür, dass die Knicks dieses Team zusammenbauen konnten.

Im Zuge der Meisterschaft der New York Knicks wurde vor allem ein Zitat wieder aus den Archiven gekramt. "Er ist zu klein. Du kannst keinen Titel mit einem kleinen Guard als erster Option gewinnen", hatte Hall of Famer und WNBA-Coach Becky Hammon damals über die New York Knicks und Jalen Brunson geurteilt.
Die Geschichte war mit ihrer Meinung auf einer Seite, schließlich gelang dies zuvor lediglich Isiah Thomas und Stephen Curry, doch die Parameter haben sich in dieser Hinsicht geändert. Hammon sagte damals auch noch etwas anderes: "Sie haben nicht genug Qualität im Kader, um mit den Besten mithalten zu können."
Das ist der Knackpunkt. Wenn die Finals der vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann nicht, ob ein kleiner Guard als bester Spieler gewinnen kann, sondern wie gut das schwächste Glied der Kette ist. Die Knicks sind hier ein Paradebeispiel, weil sie eine bärenstarke Neuner-Rotation hatten, die alle etwas beisteuern konnten. Welche Mannschaft kann schon kompensieren, dass der Star-Center in einem Finals-Spiel fast nur auf der Bank sitzt und lediglich zwei Zähler sowie zehn Rebounds beisteuert?
Nein, Stück für Stück haben die Knicks um Brunson ein Team gebaut, welches seine Stärken hervorhebt und seine Schwächen so gut es geht kaschiert. So spielt es letztlich keine Rolle, ob er ein "1A-Dude" ist oder eben nur 1B. Spiel 5 mit seinen 45 Punkten war gleichzeitig trotzdem der endgültige Beweis, dass er auf jedem Level ein Team auf seine Schultern packen kann.
Überhaupt fängt alles mit Brunson an. Für ihn mussten die Knicks vor vier Jahren diverse Manöver hinlegen, um dem Guard überhaupt einen hochdotierten Vertrag vorzulegen. Die Dallas Mavericks hatten sich verpokert, doch da Detroit Nerlens Noel, Kemba Walker und Alec Burks aufnahm, konnte man 30 Millionen Dollar sparen und Brunson einen 106 Millionen Dollar schweren Deal anbieten.
Dies war der Grundstein, der in der Free Agency gelegt wurde. Ebenfalls ungewöhnlich: Seit LeBron James 2020 hatte immer ein vom Gewinner-Team gedrafteter Spieler den Finals-MVP-Award abgeräumt. Die eigenen Talente wurden dagegen ausgetauscht. R.J. Barrett und Immanuel Quickley waren zwar bei Knicks-Fans beliebt, dennoch zögerten die Knicks nicht, O.G. Anunoby so aus Toronto loszueisen.
Damals ein sehr umstrittener Trade in der Fanszene, was auch vieles über Knicks-Fans sagt, die so sehr das Gute in den eigenen Spielern sehen wollen. Dass man schon vor Monaten munkelte, dass Anunoby womöglich bis zu fünf Erstrundenpicks kosten könnte, schien man da vergessen zu haben. Jene fünf Picks wurden stattdessen in Mikal Bridges investiert - nicht weniger kontrovers.

Dies war der eigentliche All-In-Move, da man so alle Ressourcen in einen damaligen All-Star investierte, der die meiste Zeit aber eher ein 1A-Rollenspieler (ähnlich wie Anunoby) war. So viel Kapital für eine dritte oder vierte Option zu investieren, war mutig, zahlte sich mit dem Titel aber aus (oder wie Bridges sagte: „F… diese Picks), obwohl Bridges recht wackelige Playoffs spielte.
Der Star kam dann aber doch, nicht weniger kontrovers. Karl-Anthony Towns galt während seiner Zeit in Minnesota als "soft" und verdiente dabei sehr viel Geld. Dafür musste unter anderem Donte DiVincenzo geopfert werden, der zusammen mit Brunson, Josh Hart und Mikal Bridges College-Champion bei Villanova wurde.
Aber: All das wurde nur möglich, weil Brunson im Sommer 2024 eine Entscheidung traf, die New York überhaupt erst in die Position brachte, Bridges und Towns nach New York zu holen sowie den Vertrag mit Anunoby zu verlängern. Damals stimmte der Guard einer vorzeitigen Vertragsverlängerung über 156 Millionen Dollar für vier Jahre zu (mit Spieler-Option für 2028/29).
Das klingt nach viel Geld, doch hätte Brunson eine Saison gewartet, hätten es fünf Jahre und 269 Millionen sein können. "Er versteht, was es heißt zu gewinnen", adelte Coach Mike Brown nach den Finals. "Ich denke, dass ich eigentlich ein netter Typ bin, aber ich hätte so einen Vertrag nicht unterschrieben. Er hat damit den Standard für diese Franchise gesetzt."
Brunson selbst lieferte im Februar aber eine andere Erklärung: "Ich kenne Spieler, die gewartet und sich verletzt haben. Und dann kennen Franchises keine Gnade." Vielmehr wollte Brunson mit einem freien Kopf spielen. "Natürlich habe ich ein Opfer gebracht, aber ich habe auch so dafür gesorgt, dass es meiner Familie gut geht."
Brunson ist somit Alpha und Omega zugleich, der Beginn und das (vorläufige) Ende. Von den klaren Rotationsspielern drafteten die Knicks nur zwei (Mitchell Robinson, Miles McBride), holten fünf weitere über clevere Trades und legten das Fundament via Free Agency mit Brunson.
Daraus nun Lehren zu ziehen, ist schwer bis unmöglich. Jede Situation ist anders, nicht immer sind die passenden Spieler verfügbar. Die Knicks machten unter dem früheren Berater und jetzigen Präsidenten Leon Rose einfach vieles richtig, übten sich in Geduld und bauten über vier lange Jahre einen Titelträger.
Ob sie das wiederholen können, ist eine Geschichte für einen anderen Moment. Gleichzeitig hätten die San Antonio Spurs die Serie auch gewinnen können. Für einen Titel muss fast alles passen, das war bei den Knicks in dieser Saison der Fall. Das Grundgerüst ist intakt und sorgt dafür, dass New York auch in den kommenden Jahren oben mitspielen sollte. Und genau darum geht es: einen möglichen Contender bauen, der jederzeit zur Stelle sein kann, wenn andere Teams Probleme oder Verletzungssorgen haben.
Robert Arndt