09.04.2025
Kurz vor dem Start der Playoffs
Michael Malone und Calvin Booth mochten sich angeblich nicht mehr besonders. Nun sind beide weg. Ein Machtkampf, bei dem beide Parteien verlieren, ist nicht selten. Dafür selten so plakativ. Der Trend bereitet den Denver Nuggets Sorgen, doch die Verwerfungen lagen offenbar tiefer. Front Office und Coaching Staff trugen angeblich einen offenen Konflikt aus.

Drei Spiele haben die Nuggets noch zu spielen, bevor sie sich auf die Playoffs vorbereiten - oder das Play-in, was eine Spur legen kann, weshalb die Besitzer derart spät derart drastisch entschieden. Ausgerechnet jetzt, da sich im Westen eine riesige Welle an Teams aufbaut, die gemeinsam Richtung Saisonende rollen, um alles vor ihnen zu verschlucken und das Playoff-Picture durcheinander zu wirbeln, wirken die Nuggets wie das Team, das am Ende untergehen könnte.
Vier Spiele in Folge verlor Denver. Während der vergangenen 14 gelangen nur fünf Siege. Noch steht Denver auf Platz 4 - allerdings mit der gleichen Bilanz wie Memphis und die Clippers (47-32), die Warriors folgen mit einem Spiel weniger (46-32), Minnesota steht nur minimal schlechter da (46-33).
Abgesehen von den Nuggets und den Grizzlies, die ebenfalls gerade erst, ebenfalls überraschend Coach Taylor Jenkins entließen, trenden alle Playoff-Kandidaten zuletzt deutlich in eine positive Richtung. Momentaufnahme? Realität? Entscheidende Fragen bei der Bewertung der Situation. NBA-Analyst Zach Lowe spekulierte in seiner "Zach Lowe Show", Malones Entlassung könne auch damit zusammenhängen, dass die Chairmen dem Team doch mehr zutrauen, als das, was es zuletzt zeigte. Die Bestätigung folgte.
"Ich glaube, in diesem Team steckt viel mehr, als wir zuletzt erreicht haben", sagte Josh Kroenke, Vice Chairman der Besitzergruppe der Nuggets bei Altitude Sports. "Wie viel mehr steckt in der Gruppe? Ich glaube, die Antwort kenne ich nicht. Ich glaube, niemand kennt die Antwort. Aber ich glaube, dass ich den festen Glauben habe, dass mehr in der Gruppe steckt, das wir erreichen können und ich freue mich darauf, zu sehen, was sie noch schaffen können."
Viel Glauben, Denken und Hoffnung. Tatsächlich mutet Denvers Absturz einerseits sonderbar an. Immerhin spielt Nikola Jokic eine der statistisch besten Saisons der Geschichte. Andererseits fehlt den Nuggets seit mehreren Spielen Co-Star Jamal Murray. Rückkehr, ungewiss. Malone sprach zuletzt von einer mysteriösen Oberschenkelverletzung und der Hoffnung, Murray könne rechtzeitig zu Playoffs zurückkehren. Wichtig wäre es. Denver beste Phase der Saison koinzidierte mit Murrays persönlichem Peak.
Zwischenzeitlich sah der Guard so explosiv aus wie seit seinem Kreuzbandriss vor vier Jahren nicht mehr. Vieles erinnerte an den Murray, der vor zwei Jahren noch großen Anteil am Titelgewinn hatte, den Denver zwingend braucht, will es wirklich um die Meisterschaft mitspielen. Heute noch mehr als vor wenigen Jahren.

Denn so sehr Kroenke an das Potenzial des Teams glaubt, Denvers Absturz könnte tieferliegende Ursachen haben. Was zur großen Streitfrage zwischen Malone und Booth führt: dem Kader. Vereinfacht formuliert hätte Malone gern mehr Veteranen behalten oder geholt, während Booth so sehr von seinen Draft-Picks wie Christian Braun, Zeke Naji, Julian Strawther und Jalen Pickett überzeugt war, dass er seinen Coach anhielt, stattdessen mit ihnen zu arbeiten.
Von einem "Kalten Krieg" zwischen den beiden schreibt ESPN. Yahoo Sports berichtet, Booth habe Malone beraten, welche Spieler mehr Spielzeit bekommen sollten, was dem Coach wiederum weniger gefiel. Umgekehrt soll der GM von Malone härteres Coaching gefordert haben. Gerade mit Blick auf die Defense.
Laut The Athletic hätten sich diese Spannungen immer mehr auf den Rest der Organisation ausgewirkt. Nuggets-Experte Matt Moore vom Action Network und Lowe sprachen in der "Zach Lowe Show" davon, dass es "Malone- und Booth-Guys" gegeben hätte. Der Stimmung habe das geschadet. Wobei Malones Seite mit Blick auf die Entwicklung seit dem Titel durchaus einen Punkt habe.
Mit Bruce Brown, Jeff Green und Kentavious Caldwell-Pope verließen Denver in den ersten rund zwölf Monaten nach der Meisterschaft drei entscheidende Rollenspieler. Die Nuggets hätten sie nicht bezahlen wollen, heißt es oft. Wobei sie Browns großen Vertrag aus Indiana gar nicht hätten bezahlen können. Bei KCP beispielsweise sprechen Insider von einer bewussten Entscheidung.
Das Front Office habe Christian Braun zugetraut, Caldwell-Pope zu beerben, das große Geld nicht für nötig erachtet. An Brauns Talent glaubte dem Vernehmen nach auch der Coaching Staff - und tatsächlich spielt er eine sehr gute Saison. Das Problem: KCPs verbale Präsenz, das Auftreten eines Veteranen kann er trotz individuell guter Defense hinten nicht ersetzen. Denvers Defense Rating gehört nicht allein wegen Caldwell-Popes Abgang zu den schwächsten der Liga (Rang 19), eine Rolle spielt sein Fehlen dennoch.
Das wiederum soll einer der Luftstöße gewesen sein, die das Kartenhaus nun einstürzen ließen. "Es gab gewisse Tendenzen, die mich immer mehr besorgten", sagt Kroenke. "Sie wurden allerdings von einigen Siegen hier und da verschleiert." Nun fehlten die Siege, die Maske fiel.
| Saison | Bilanz | O-Rating | D-Rating | Net-Rating | Playoffs |
|---|---|---|---|---|---|
| 19/20 | 47-32 | 118,7 (4.) | 115,1 (19.) | +3,6 (9.) | Conference Finals (1-4 vs. Lakers) |
| 20/21 | 47-25 | 116,3 (6.) | 111,5 (11.) | +4,8 (6.) | Conference Semifinals (0-4 vs. Suns) |
| 21/22 | 48-34 | 113,8 (6.) | 111,5 (15.) | +2,3 (11.) | Runde eins (1-4 vs. Warriors) |
| 22/23 | 51-31 | 116,8 (5.) | 113,5 (15.) | +3,3 (6.) | Champion (4-1 vs. Heat) |
| 23/24 | 57-25 | 117,8 (5.) | 112,3 (8.) | +5,5 (4.) | Conference Semifinals (3-4 vs. Wolves) |
| 24/25 |

Die Spieler gaben immer wieder zu Protokoll, der Coaching Staff gebe ihnen die richtigen Dinge mit auf den Weg, sie könnten sie nur nicht umsetzen. Laut The Athletic sorgten Denvers Spiel und die Ergebnisse für Frust im Locker Room. Selbst Jokic, sonst im Duden unter "Stoiker" zu finden, sei zunehmend verärgert über das defensive Commitment und die Leistung allgemein gewesen. Zuletzt ließ er seinem Frust sogar auf der Bank freien Lauf. Die Denver Post zitiert zudem Quellen, laut derer immer mehr Spieler Vertrauen in Malones Botschaft verloren hätten.
Tatsächlich unterlagen die Nuggets zuletzt nicht nur der direkten Konkurrenz aus Minnesota und Golden State, selbst für die Wizards und Spurs, beide auf der Jagd nach maximal hohen Draft-Chancen, reichte es nicht. Ob David Adelman, bislang Lead Assistant, nun Interim Head Coach, all das umkehren kann, bleibt abzuwarten. Beliebt bei den Spielern soll er sein - was nicht heißt, dass Malone den Locker Room vollends verloren hätte. Oder das Kräftemesse mit Booth.
Den erfolgreichsten Coach ihrer Franchise-Geschichte, der ihnen die bislang einzige Meisterschaft brachte, nach zehn Jahren zu entlassen, ist kein Zugeständnis an das Front Office. Offensichtlich. Immerhin muss Booth ebenfalls gehen. Vertragsverlängerungen wie die von Naji (4 Jahre, 32 Millionen Dollar), der es nach kurzem Zwischenhoch zuletzt nicht mehr in die Rotation schaffte, wirken sonderbar. Verpflichtungen wie die von Dario Saric ebenfalls. Dazu kommt Murrays große Verlängerung aus dem vergangenen Sommer, die erst zur kommenden Saison in Kraft tritt, die sich angesichts der immer wiederkehrenden gesundheitlichen Probleme des Guards noch rächen könnte.

Die Niederlagenserie, so heißt es, habe die Spannungen nun so intensiviert, dass sich die Besitzergruppe laut Yahoo Sports gezwungen sah, schnell zu handeln. Jokic, so schreibt die Denver Post, habe dagegen nicht um Veränderungen gebeten. Gleichzeitig hätten ihn die Nuggets über sein Management von der Entscheidung unterrichtet, bevor sie die Öffentlichkeit informierten.
Wollten sie ihrem Besten, womöglich sogar DEM Besten, signalisieren, dass die Franchise bereit ist für Veränderungen, bevor ihn die Situation über seine eigene Zukunft in Denver nachdenken lässt? An der Oberfläche sonderbare Entscheidungen provozieren Spekulationen. Gerade, wenn von einem Moment auf den anderen so viel in der Schwebe hängt.
Durch Malones und Booths Abgang stehen die Nuggets am Anfang einer Entscheidungskette, die ihre nahe und mittelfristige Zukunft fundamental beeinflussen wird. Ein neues Front Office sucht einen neuen Coach - sollte Adelman nicht vollends überzeugen -, danach steht der Kader auf dem Prüfstand. Bande zwischen Front Office und eigenen Draft Picks oder Coaches und Spielern gibt es nicht mehr. Genügend Themen für einen Sommer. Vorher stehen allerdings noch diese Playoffs an…
mma
| 47-32 |
| 118,7 (4.) |
| 115,1 (19.) |
| +3,6 (9.) |
| ? |