vor 13 Stunden
Komplettumbau im Sommer
ratiopharm Ulm hat fast die gesamte Rotation ausgetauscht und setzt wieder auf eine Mischung aus jungen Talenten und entwicklungsfähigen Profis. Trotz namhafter Neuzugänge geht die Mannschaft von Ty Harrelson ohne einen Sieg aus der Vorbereitung in die neue Saison.

Ein Jahr nach der Vizemeisterschaft verlief die Saison 2025/26 für ratiopharm Ulm enttäuschend. Im EuroCup verpassten die Schwaben die K.-o.-Runde, in der BBL scheiterten sie schon im Viertelfinale. Gegen die BMA365 Bamberg Baskets verlor Ulm alle drei Spiele der Serie.
Im Anschluss wurde der Kader praktisch komplett auseinandergenommen. Christopher Ledlum und Mark Smith waren die besten Scorer, Kapitän Christian Sengfelder der wichtigste deutsche Spieler. Auch Tobias Jensen, Nelson Weidemann, Justin Simon, Thomas Klepeisz und Malik Osborne verließen den Klub. Schmerzhaft ist vor allem der Wechsel von Jensen zum FC Bayern. Der 22-Jährige entwickelte sich in Ulm zum EuroCup-Rising-Star und unterschrieb beim EuroLeague-Klub einen Vertrag bis 2030. Mit Weidemann und Klepeisz verlor Ulm außerdem zwei weitere deutsche Guards, die den Klub und die Liga gut kannten.
Kontinuität gibt es deshalb vor allem an der Seitenlinie. Headcoach Ty Harrelson und Assistent Tyron McCoy bleiben für den Neuaufbau verantwortlich. Auf dem Feld gehören fast nur junge Ergänzungsspieler aus der vergangenen Saison weiterhin zum Kader.
Der wichtigste Neuzugang ist Ibi Watson. Der 28-Jährige kommt aus Bamberg und gehörte mit durchschnittlich 16 Punkten, 4,3 Rebounds und 2,7 Assists zu den besten Offensivspielern der vergangenen BBL-Saison. Dabei traf er 41,6 Prozent seiner Dreier und landete bei der MVP-Wahl weit vorne. Mit Jaylen Sims stößt ein weiterer gefährlicher Scorer hinzu. Der 1,98 Meter große Guard gewann mit dem Greensboro Swarm die Meisterschaft in der G League und kam dort auf 16,8 Punkte, 5,1 Rebounds und 2,5 Assists.
Die Organisation des Spiels dürfte zunächst Christopher Anthony Jr. übernehmen, da mit Adam Atamna und Theo Milicic derzeit gleich Spielmacher ausfallen. für die Der 1,83 Meter große Point Guard kommt vom Iona College und beginnt in Ulm seine Profikarriere. Devin Schmidt liefert eine deutlich erfahrenere Alternative. Der 31-Jährige kommt aus Hagen, besitzt einen deutschen Pass und kann mit und ohne Ball spielen. Dazu wurde wegen der Point-Guard-Not in Marvin Heckel noch ein ehemaliger 3x3-Spieler verpflichtet.
| PG | SG | SF | PF | C |
|---|---|---|---|---|
| A. Atamna | J. Sims | I. Watson-Boye | M. Rataj | S. Shittu |
| T. Milicic | D. Schmidt | M. Faye | A. Traore | M. Diakite |
| C. Anthony | N. Failenschmid | D. Koroma | ||
| M. Heckel | L. Liedtke |
Auf den großen Positionen stechen Michael Rataj und Simi Shittu heraus. Rataj kehrt nach seinen ersten Ulmer Jahren und einem kurzen Meisterschafts-Gastspiel bei Alba Berlin an den OrangeCampus zurück. Der deutsche Forward erzielte in der Generalprobe gegen Bamberg 27 Punkte und traf elf seiner 14 Würfe. Shittu kam aus Braunschweig, wo er knapp 15 Punkte und mehr als acht Rebounds pro Partie verbuchte. Armel Traore und Dwayne Koroma geben dem Frontcourt zusätzliche Athletik.
Auch der neue Kader trägt klar die Handschrift des Ulmer Ausbildungsmodells. Der 18-jährige Adam Atamna wechselte aus dem Nachwuchsprogramm von ASVEL zum Bundesligisten. Mit Meissa Faye, Mohamed Diakite, Namori Omog, Teo und Zoran Milicic, Yanu Slingerland sowie Nil Failenschmid Clavera stehen weitere Spieler im Kader, die höchstens 20 Jahre alt sind. Besonders Faye deutete mit 22 Punkten gegen Luka Doncics Rom einen Entwicklungssprung an. Hinter den Leistungsträgern bleibt die Lücke zwischen großem Talent und nachgewiesener BBL-Qualität trotzdem groß.

Zugänge: Ibi Watson (Bamberg), Jaylen Sims (Greensboro Swarm), Devin Schmidt (Phoenix Hagen), Lenny Liedtke (Bayreuth), Adam Atamna (ASVEL), Armel Traore (ASVEL), Nil Failenschmid-Clavera (Kirchheim), Dwayne Koroma (UConn), Michael Rataj (Alba), Simi Shittu (Braunschweig), Christopher Anthony Jr. (Iona)
Abgänge: Alec Anigbata (Utah/NCAA), Joel Cwik (Winthrop/NCAA), Justin Simon (Trier), Tommy Klepeisz (Frankfurt), Tobias Jensen (Bayern), Chris Ledlum (Ziel unbekannt), Mark Smith (Akita Northern Happinets), Malik Osborne (Oradea), Joel Soriano (Obradoiro), Nelson Weidemann (Vechta), Endurance Aiyamenkhue (Arizona/NCAA), Diego Garavaglia (Rutgers/NCAA), Chris Sengfelder (San Pablo Burgos)
Kaum ein anderer BBL-Klub tauscht regelmäßig so viel Qualität aus und schafft es trotzdem, neue Spieler schnell auf ein höheres Niveau zu bringen. Ulm setzt auf Talente, die Verantwortung suchen, kombiniert sie mit wenigen erfahrenen Profis und akzeptiert dabei Schwankungen. Der Aufstieg der OrangeAcademy in die ProA verbessert diesen Entwicklungsweg zusätzlich. Diesmal ist der Umbruch allerdings besonders groß.

Die Ergebnisse der Vorbereitung liefern kein positives Gesamtbild. Ulm verlor gegen Ludwigsburg mit 93:105 und beim FC Bayern mit 86:91. Während des Trainingslagers in Spanien folgten Niederlagen gegen Forca Lleida (66:100) und Joventut Badalona (66:72). Auch die beiden letzten Tests gingen verloren. Gegen das neu gegründete Roma SPQR unterlag Ulm mit 99:104. Bei der Generalprobe in Bamberg reichten 100 Punkte nicht zum Sieg (100:109).
Das individuelle Talent sollte wohl aber ausreichen, um wieder die Playoffs zu erreichen. Watson und Sims können Spiele offensiv entscheiden, Shittu bringt Punkte und Rebounds unter dem Korb, Rataj bildet das Verbindungselement zwischen mehreren Positionen. Ulm gehört vor Saisonbeginn aber nicht zum engsten Favoritenkreis auf den Titel. Ein Platz zwischen drei und sechs erscheint am realistischsten. Gelingt Harrelson eine schnelle Entwicklung der jungen Spieler, kann die Mannschaft im Saisonverlauf deutlich gefährlicher werden, als es die sechs Testspiel-Niederlagen vermuten lassen.
Lukas Hetterich