vor 6 Stunden
Israelis wollen ins Final Four
Der FC Bayern Basketball trifft zum Auftakt der EuroLeague-Saison auf Hapoel Tel Aviv. Die Israelis haben riesige Ambitionen, spielen aber fernab der Heimat und haben einen Kader zusammengestellt, der jede Menge Konfliktpotenzial bietet.

Ofer Yannay ist ein ambitionierter Mann und auf jeden Fall nicht scheu, seine Meinung preiszugeben. Der Besitzer von Hapoel Tel Aviv hat den Arbeiterklub mit seinem Geld in die Spitzengruppe Europas geführt und bisher seinen großen Worten auch stets Taten folgen lassen. 2024/25 gewannen die Roten den EuroCup und stießen so das Tor zur EuroLeague auf.
Und auch in der Königsklasse Europas spielte Hapoel umgehend oben mit, das Viertelfinal-Aus gegen Real Madrid (1-3) wurde fast schon als Enttäuschung angesehen. "Der nächste Schritt muss das Final Four sein", tönte Yannay damals und sagte später, dass Hapoel ja eigentlich viel besser sei als Valencia oder Panathinaikos. Erstere erreichten das Final Four.
Da will auch Hapoel mit aller Macht hin, dafür leistet man sich neben Panathinaikos den wohl teuersten Kader Europas. Gleich 13 Spieler sollen laut israelischen Medien ein Millionengehalt beziehen, insgesamt wurden 23 Akteure für die Liga in Israel gemeldet - und dabei handelt es sich nicht nur um ein paar Jugendspieler, die noch den Kader auffüllen sollen.
Hapoel versucht stattdessen einen zweigleisigen Spagat, der auch der Situation im Land geschuldet ist. Während der kompletten Vorbereitung blieb das Team in Sofia, wo es seine Heimspiele austragen wird (manchmal auch in Botevgrad). Stattdessen wird die Mannschaft für die Spiele in der heimischen Liga nach Israel eingeflogen, vermutlich werden dann die großen Stars gar nicht mit dabei sein.
Der Fokus liegt voll auf der EuroLeague, die Winner League spielt dabei nur eine Nebenrolle, weil Hapoel es erneut versäumt hat, heimische Spieler von Qualität zu verpflichten, hier sind nur fünf Ausländer pro Spiel erlaubt. Hapoel beschäftigt zwölf. Tamir Blatt (kam von Lokalrivale Maccabi) könnte der Star für die Liga sein, doch der Spielmacher wurde von Coach Dimitris Itoudis bereits degradiert und nicht einmal für die EuroLeague registriert.
Blatt teilt das Schicksal mit einigen seiner Landsleute plus dem kanadischen Guard Tyler Ennis, die ausschließlich in der eigenen Liga in die Bresche springen sollen. Die lauten zum Beispiel Elijah Bryant und Daniel Otutu, die im Vorjahr die Fixpunkte der Mannschaft waren. Ergänzt werden sie von Zach LeDay, der nun schon über Jahre einer der besten Forwards der EuroLeague war.

Dazu gibt es weitere Stars wie Topverdiener Vasilije Micic, Ex-NBA-Guard Tomas Satoransky, Ish Wainright oder den Ex-Ulmer Bruno Caboclo, der aus Dubai zurückgekehrt ist. Allein für die EuroLeague hat Itoudis die Qual der Wahl zwischen fünf Point Guards, dazu kommen Ennis und Max Heidegger für die israelische Liga.
Klar, durch die weiterhin instabile politische Situation wird Hapoel zusammen mit Maccabi so viel reisen müssen wie kein anderes Team, dafür soll der Reisestress minimiert werden. Und trotzdem sieht Magenta-Statistik-Experte Lukas Feldhaus die Israelis in seinem Power Ranking nur auf Rang acht?
Man kann es schließlich auch anders sehen. Wie soll Teamchemie entstehen, wenn es quasi zwei Lager gibt? Schon im Vorjahr war trotz der guten Debüt-Saison nicht immer alles eitel Sonnenschein. Nach der Niederlage gegen die Bayern (damals sogar in Tel Aviv) soll es mächtig gekracht haben, auch Itoudis wurde dezent angezählt.
| Zugänge | Abgänge |
|---|---|
| Zach LeDay (Mailand) | Chris Jones (Roter Stern) |
| Tomas Satoransky (Barcelona) | Kessler Edwards (Bologna) |
| Amir Coffey (Phoenix Suns) | Johnathan Motley (Roter Stern) |
| Jacob Toppin (zuletzt Atlanta Hawks) | Yam Madar (Maccabi Tel Aviv) |
| Khadeen Carrington (Hapoel Jerusalem) | Collin Malcolm (Anadolu Efes) |
| Tamir Blatt (Maccabi Tel Aviv) | Levin Randolph (Nagasaki Velca) |
| Bruno Caboclo (Dubai) | - |
| Frederic Bourdillon (Bnei Herzliya) | - |
| Max Heidegger (Burgos) | - |
| Eugene German (Beijing Ducks) | - |
Dazu kommt das unruhige Publikum, das Yannay nicht immer wohlgesonnen ist. Hapoel ist ein Arbeiterverein, was so überhaupt nicht zum derzeitigen Star-Ensemble passen mag. Und wie passen diese Stars zusammen? Es bleiben Fragezeichen bei der Zusammensetzung der Mannschaft. Der Frontcourt ist stark, doch wer setzt sie in Szene?
Vieles wird wieder von Bryant abhängen, der mit seiner Dynamik kaum zu ersetzen ist. Micic und Satoransky fehlt dagegen Speed, auch wenn vor allem Micic an guten Tagen immer noch Spiele an sich reißen kann. Darauf verlassen sollte man sich jedoch nicht, weshalb Hapoel etwas im Vergleich zur Konkurrenz fehlen könnte.
Bei allem individuellen Talent ist nur bedingt ersichtlich, wie diese Mannschaft als Team funktionieren soll. Der Kader wurde zwar wieder qualitativ und quantitativ aufgestockt, doch das haben auch andere gemacht. Bei Hapoel ist eine klare Hierarchie nicht erkennbar bzw. muss sich erst noch bilden. Dafür wird es Geduld brauchen, doch ob Herr Yannay diese hat?
Robert Arndt