vor 7 Stunden
DBB-Vize Demirel exklusiv
Sie gilt als eines der Fundamente des deutschen Basketball-Aufschwungs, wurde einst gegen erbitterten Vereinswiderstand erkämpft - und steht jetzt vor ihrer wahrscheinlich größten Belastungsprobe: die 6+6-Regel. Weil immer mehr junge Talente Deutschland den Rücken kehren, werden hierzulande die Stimmen nach einer Reform lauter.

Nüchtern betrachtet ist die 6+6-Regel eine simple Quote: Von zwölf im Spielbericht stehenden Profis müssen mindestens sechs einen deutschen Pass besitzen. Eingeführt zur Saison 2012/13, wurde sie seither mehrfach verlängert, weil sich die BBL-Vereine immer wieder auf ihren Fortbestand verständigten.
"Daran dürfen wir nicht rütteln", betont DBB-Vizepräsident Mithat Demirel gegenüber basketball-world.news. "Die Regel ist neben der Einführung der JBBL/NBBL und der aufgebauten Infrastruktur einer der Hauptgründe, dass wir jetzt so viele gute deutsche Spieler haben."

Was Demirel meint: Die aktuelle Generation deutscher Nationalspieler - Weltmeister 2023, Europameister 2025 - ist zu großen Teilen in genau jenem System gereift, das die 6+6-Regel absichert. Doch die Konkurrenz um den Nachwuchs kommt inzwischen nicht mehr nur von europäischen Rivalen. Noch nie haben so viele deutsche Spieler auf US-Colleges Basketball gespielt wie in der Saison 2025/26.
Auslöser für den Abfluss von Talenten war die Einführung der NIL-Deals, mit dem junge Sportler am Anfang ihres Tuns bereits heute teils Millionengehälter einstreichen können. "Wir stehen vor riesigen Herausforderungen, wie wir mit den Colleges umgehen", sagt er. "Junge Spieler in ganz Europa haben die Möglichkeit, für ein College zu spielen, dafür sehr, sehr gut bezahlt zu werden und noch zusätzlich eine Schulausbildung zu erhalten. Da spüre ich schon vonseiten der Vereine schon eine gewisse Ratlosigkeit, deren erster Impuls es jetzt ist, die Ausländerregelung zu verändern.“
Auch der DBB bekommt die Folgen konkret zu spüren. Bei der U20-EM musste die Jugendnationalmannschaft neun Absagen verkraften. Viele derjenigen Spieler wagen derzeit den Schritt an US-Einrichtungen und haben schlicht kein Interesse, an den wochenlangen Lehrgängen teilzunehmen.
Problematisch für die Klubs ist nicht nur das Fehlen der deutschen Spieler im Aufgebot, sondern mehr noch der gegenwertlose Verlust dieser Spieler, die ablösefrei über den großen Teich wechseln. Eine Lösung dieses Konflikts ist auch weiterhin nicht in Sicht, weil sich die NCAA vom internationalen Regelwerk de facto abgenabelt hat.
Ein Spielerwechsel ans College erfordert heute nicht einmal eine Freigabe des Weltverbandes FIBA, wie er sonst bei allen Tranfers üblich ist. "Die nationalen Verbände üben Druck auf die FIBA aus, dass es für Spieler, die aufs College gehen Kompensationen gibt", erklärt Demirel. "Das ist eine der wichtigsten Punkte, damit genau diese Spielerausbildung aus Deutschland und ganz Europa weiter bestehen kann."
Dass der Weltverband tatsächlich etwas bewegen kann, bezweifelt Demirel allerdings. Zwar fänden derzeit bereits Gespräche zwischen den Verbänden statt, jedoch "glaube ich nicht, dass sich die NCAA so einfach auf irgendetwas einlässt.“ Hoffnung setzt der 100-fache deutsche Nationalspieler auf den Einfluss der größten Liga der Welt: "Es geht natürlich nur mit der NBA."

Gänzlich inaktiv ob dieser Situation wollen die BBL-Klubs aber offenbar nicht bleiben und zumindest an der mühsam eingeführten 6+6-Regel schrauben, um den Mangel an deutschem Spielermaterial zu kompensieren. Demirel lehnt diesen Vorstoß entschieden ab und verweist dabei auf die Erfolge, die auf dieser Basis in den Folgejahren gefeiert wurden. Zudem habe man bereits zur Einführung jede Menge Gegenwind ausgehalten.
Einzelne etablierte Bundesligisten hätten sich gegen strengere Quoten gesträubt - aus demselben Grund, aus dem heute mancher Verein an alten Gewohnheiten festhält: Ausländische Spieler waren schlicht billiger einzukaufen als eigene Talente zu entwickeln. Erst eine Streikandrohung der Nationalmannschaft brachte laut Demirel Bewegung in die Sache. Die Quote wuchs in Etappen, von anfangs drei über vier bis zu den heutigen sechs deutschen Pflichtspielern - "ein super langer Prozess", der Jahre brauchte, um sich durchzusetzen.
"Es ist eine riesige Aufgabe als deutscher und europäischer Basketball, die richtigen Lösungen" für die aktuellen Herausforderungen zu finden, so Demirel. Vor gut 14 Jahren habe der deutsche Basketball mit Liga und Verband genau das schon einmal geschafft. Das Problem diesmal: "Eine der wichtigsten Anpassungen haben wir selbst nicht in der Hand."
Julius Ostendorf