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Geht noch was für Philly?
Joel Embiid hat die Philadelphia 76ers durch den Sieg in Spiel 5 gegen die Celtics zurück in die Serie geführt und alle Zweifel ausgeräumt. Vor allem die Tatsache, wie der Sieg zustande gekommen ist, dürfte Boston Sorgen bereiten.

Die Philadelphia 76ers standen mit dem Rücken zur Wand und bekamen mit einem starken Joel Embiid genau das, was sie brauchten. Mit 33 Punkten führte der Center sein Team zum Sieg in Spiel 5 und hielt die Serie gegen die Boston Celtics am Leben.
Dabei kam der Auftritt nicht völlig überraschend. Headcoach Nick Nurse hatte bereits im vorherigen Spiel gesehen, dass der ehemalige NBA-MVP auf einem guten Weg ist: "Ich saß da und dachte, er ist nicht mehr weit davon entfernt, einen Rhythmus zu finden." Viele gute Würfe sind dort noch knapp vorbeigegangen. Diesmal fielen sie.
Aus Sicht der Celtics lag das Problem mit Embiid klar auf der Hand. Jaylen Brown erklärte nach der Partie: "Ich habe das Gefühl, dass wir ihm zu viele leichte Körbe gegeben haben. Ich habe das Gefühl, dass sie dadurch vorangetrieben wurden." Vor allem in Halbzeit zwei verlagerte Embiid sein Spiel merklich in die Nähe der Zone und nutzte seine Dominanz dort gnadenlos aus.

In den finalen 24 Minuten sammelte er 18 Punkte bei 7/10 aus dem Feld und nahm dabei keinen einzigen Dreier. Laut GeniusIQ warf er in der ersten Halbzeit durchschnittlich aus einer Entfernung von 16,5 Feet (ca. 5 Meter), in Hälfte Nummer zwei nur noch aus 9,3 Feet (2,8 Meter). Das entspricht der zweitgrößten Differenz zwischen zwei Halbzeiten in seiner Karriere, in denen er jeweils mindestens zehn Würfe genommen hat.
"Ich denke, man muss die richtige Mischung finden. Zu Beginn des Spiels war es etwas mehr von außen als von innen. In der zweiten Halbzeit war es dann beides", kommentierte Embiid nach dem Spiel seine Wurfauswahl und schickte noch eine Spitze in Richtung der Celtics hinterher: "In der Zone fühle ich mich sehr wohl und traue mir zu, im Eins-gegen-eins gegen jeden in dieser Liga zu gewinnen. Ich glaube nicht, dass mich da jemand stoppen kann. Also habe ich einfach das genutzt, was sie mir gegeben haben."
In Spiel 5 konnte ihn tatsächlich niemand stoppen. Neemias Queta hat in diesem Jahr zwar einen großen Sprung gemacht, war mit Embiid aber fast so überfordert wie Luka Garza und Nikola Vucevic, die beide nicht für ihre Defense bekannt sind. Man merkt deutlich, dass die Celtics im Vergleich zu den Vorjahren deutlich kleiner geworden sind und nicht mal eben Embiids Playoff-Erzfeind Al Horford aus dem Hut zaubern können, der den Kameruner über Jahre eingebremst hat. Auch mit Länge in Form von Luke Kornet können sie in dieser Postseason nicht mehr reagieren.
Besonders spannend bleibt dabei der Kontext: Embiid stand erst zum zweiten Mal nach seiner Blinddarm-Operation wieder auf dem Parkett und sah wie eine deutlich veränderte Version im Vergleich zu Spiel 4 aus. Seine Präsenz unterm Korb zwang Boston, oft einen weiteren Verteidiger zu schicken, was Embiid zumeist clever nutzt und seine freien Mitspieler fand (8 Assists). "Er übt viel Druck auf uns aus", erkannte auch Jayson Tatum nach der Partie.
Man darf dazu auch nicht vergessen, in welch bestechender Form Embiid war, bevor er notoperiert werden musste. In seinen 24 Regular-Season-Spielen in diesem Jahr legte er knapp 30 Punkte pro Spiel auf, traf über 50 Prozent aus dem Feld, ordentlich von draußen (38,6 Prozent) und machte die Sixers-Offensive zu einer der besten der gesamten Liga.
"Jedes Mal, wenn ich auf dem Court bin, möchte ich so hart wie möglich spielen. Ich möchte alles tun, um ein Basketballspiel zu gewinnen", strotzte Embiid nach dem Sieg in Spiel 5 vor Selbstvertrauen.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Celtics am Ende des Spiels einen historischen Einbruch erlebten, der sich in dieser Form nicht noch mal wiederholen wird. Sie trafen im Schlussviertel 3/22 Würfen, hatten genauso viele Field Goals wie Turnover und beendeten das Spiel mit 14 Fehlwürfen in Serie, was es laut Elias Sports Bureau in den Playoffs das letzte Mal 2005 gab.
"Sie haben gut gespielt. Und ja, wir hatten ein paar Würfe, mit denen wir uns eigentlich wohlgefühlt haben, die wir einfach nicht getroffen haben Aber manchmal ist das eben so", ordnete Tatum das Schlussviertel seines Teams ein. "Wenn man offensiv nicht so punktet, wie man möchte, setzt das die Defense stark unter Druck. Und sie haben auf der anderen Seite einige Plays gemacht", führte er aus.
Dabei ist es schon fast Tradition der Celtics, dass sie sich schwer tun, ihre Serien im heimischen TD Garden zuzumachen bzw. überhaupt zu gewinnen. Seit Joe Marrullas Amtsantritt 2023 hat Boston auswärts in den Playoffs eine Bilanz von 17-7, zuhause aber nur 19-12. 2023 haben sie die Heimspiele 1 und 5 in der zweiten Runde gegen die Sixers abgegeben, nur um in der Folgeserie gegen die Heat die ersten zwei Heimspiele und das entscheidende Spiel 7 zu verlieren.

Geht man danach, haben sie in Spiel 6 in Philly die besten Chancen, die Serie klarzumachen. Dafür muss aber auch dringend ihr Dreier wieder fallen. Bei den beiden Niederlagen haben sie jeweils unter 30 Prozent von draußen geworfen, was für ein Team, das so stark von Dreiern abhängig ist, zumeist schlecht ausgeht. Zum Vergleich: Bei den drei Siegen haben sie über 40 Prozent von Downtown geworfen.
Ein weiterer wichtiger Faktor in dieser Gleichung ist Derrick White. Der Elite-Verteidiger hat alle Hände voll mit den pfeilschnellen Tyrese Maxey und VJ Edgecombe zu tun und ist offensiv überhaupt kein Faktor. Acht Punkte im Schnitt bei 30 Prozent aus dem Feld und 21 Prozent von draußen sind katastrophale Werte für einen Spieler von Whites Klasse. Vor allem, da er in den vergangenen zwei Postseasons stets der drittwichtigste Scorer war.
Sollte seine offensive Produktion so bleiben, muss er wenigstens einen besseren Job machen, Maxey einzubremsen. Der Guard hatte in Spiel 5 25 Punkte, zehn Rebounds und fünf Assists und profitiert von den Freiheiten, die er seit der Embiid-Rückkehr hat. Seine Schnelligkeit in Kombination mit der Dominanz von Embiid unterm Korb war in Spiel 5 ein Rätsel, das Boston schlichtweg nicht lösen konnte.
Sollte das in Spiel 6 so weitergehen, haben die bereits abgeschriebenen Sixers vielleicht doch eine realistische Chance, als Sieger aus dieser Serie hervorzugehen und Erzfeind Boston nach all den Anläufen endlich zu schlagen. Embiid hätte auf jeden Fall nichts dagegen, dieses Jahr später in den Urlaub zu starten: "Ich wollte nicht nach Hause gehen und den ganzen Sommer darüber nachdenken, also noch ein Tag und noch ein Spiel", erklärte der 32-Jährige nach dem Sieg.
Gianluca Fraccalvieri, Lukas Hetterich